Späte Karriere als Regisseuse?

Ich bin ja mittlerweile eine echte Expertin für die Beisln in meinem Grätzl. Versteht mich jetzt nicht falsch; ich bin weder anonyme noch bekennende Alkoholikerin – ich bin nur nikotinabhängig (und das in meinem Alter. Äh. Ja. Ich weiß.). Und dummerweise bin ich zur zivilisationsüblichen Vorratshaltung offenbar geistig nicht befähigt – lies: Dass die zuletzt gerauchte Zigarette auch die letzte in meinem letzten Päckchen war, fällt mir meist gegen oder nach Mitternacht auf, bevorzugt dann, wenn ich eben vor dem Schlafengehen noch eine allerletzte Rauchen will.

Nicht selten passiert das während des Gute-Nacht-Telefonats mit dem Sufi. Mit seinem Gekicher darüber könnte ich mittlerweile stundenlange Podcasts füllen. Ich dagegen finde es wenig lustig, mich zwischen einem nächtlichen 4-Stockwerke-Trip oder einem Morgenkaffee ohne Morgenzigarette zu entscheiden. Entscheiden? Verdammt. Ich zieh mir die Schuhe an.

Die gute Nachricht ist: Der nächste Zigarettenautomat liegt ungefähr 50 Schritte von meinem Haustor entfernt. Die schlechte: Dieser Automat fällt gerne aus. Besonders dann, wenn es kalt ist. Oder nass. Und ganz besonders dann, wenn es kalt und nass ist.

Und das ist genau der Punkt, wo es ganz praktisch ist, die Öffnungszeiten der umliegenden Lokale halbwegs auswendig zu kennen. Da gibt es also die “Klapsmühle”. Die hat am Sonntag zu. Und gleich daneben das namenlose Lokal der Rosi. Das hat am Sonntag an sich offen bis 2 – aber heute nicht. Warum auch immer: Es ist stockfinster. Dann gibt es noch das Beisl am Eck. Das hat zwar auch am Sonntag offen, aber nur bis Punkt Mitternacht. Um viertel vor eins nicht mal den Blick um die Ecke wert.

Weiters gibt es die “bunte Kuh”: die hat theoretisch täglich bis zwei Uhr offen. Praktisch meistens länger. Eine gute Option, um spontane Treffen zu vereinbaren – aber nicht für Zigaretten. Im besten Fall hat der entzugsgefährdete Raucher dort die Wahl zwischen Memphis, Milde Sorte und Hobby. Schauder. Dann doch lieber Entzug.

Beim Beisl gegenüber der bunten Kuh konnte ich eine Regelmäßigkeit der Öffnungszeiten noch nicht ausmachen. Es hat einfach manchmal offen – und manchmal nicht. Heute hat es nicht. Das erspart mir die bange Fragerei – dort wurde mir manchmal schon das Paradies jeden Rauchers – Malboro, Lucky Strike und rote Gauloises – offeriert, manchmal auch die diametral entgegengesetzte Hölle: Milde Sorte oder Memphis.

Bleibt noch der Bingo-Club der Ex-jugoslawischen Heimatlosen. Der wäre eigentlich erste Adresse: Fast jeden Tag Betrieb bis 3 Uhr früh, russische Malboros zu unerhofften Niedrigpreisen – würde man dort nicht meistens nach einer “Clubkarte” gefragt, die auch nach intensiven Gesprächen mit einer dortigen Thekenkraft ein papierenes Phantom darstellt. Fazit: Man braucht eine Clubkarte, um dort Zigaretten kaufen zu können (oder um sich zu setzen oder um etwas zu trinken), aber niemand weiß genau, wie man an so eine Clubkarte kommt. Ich habe die dunkle Vermutung, dass die richtige Muttersprache (eventuell mit passendem politischen Bekenntnis) die unsichtbare Clubkarte ersetzt – aber das genauer zu erforschen, habe ich bislang nicht gewagt. Doch auch der Bingo-Club ist heute finster.

Da steh ich nun – enttäuscht – mit kalten Füßen – und weiß: Es ist wieder Mal so weit. Die letzte Hoffnung. Das einzige Dings in der Gegend, das eigentlich immer offen hat. Und immer eine ganze große Lade voll mit allen denkbaren Rauchwaren bereithält. Genau. Es ist die Billardhalle.

Wer immer die Leiden einer unbelehrbaren Raucherin bis hierhin verfolgt hat, wird sich fragen: Und warum geht sie denn dann nicht gleich dorthin? In diese Billardhalle? Wenn die so gut wie immer offen hat? Und die größte Auswahl in der nächtlichen Gegend noch dazu?

Nun, das ist einfach erklärt. Die Billardhalle ist, zumindest zwischen Mitternacht und fünf Uhr früh, zutiefst unheimlich. Es fängt mit dem Eingang an, der in einem Fabrikshof liegt, der wiederum von einem 3 Meter hohen Zaun mit furchterregenden Spitzen obendrauf umgeben ist. Die kleine Tür im großen Zaun, die nächtlichen Aus- und Eingang ermöglicht, scheint zu flüstern: “wenn ich zufalle, dann kommst du hier nie wieder raus!”. Ignoriert man diese Drohung und wagt sich auf den halbdunklen Hof (wobei “halbdunkel” hier nicht als seltsamer Dämmer zu verstehen ist, sondern so, dass etwa die Hälfte des Hofes von einem strahlenden Gefangenenlager-Scheinwerfer geblendet wird, während die andere Hälfte in undurchdringlichem Dunkel liegt), kommt man irgendwann zu einer schummrig beleuchteten Metalltür. Die sich, wie sollte es anders sein, nur mit einem markerschütterndem Quietschen öffnen lässt (falls sie nicht ohnehin offen ist. In diesem Fall verbreitet sie – also die Tür – das Gefühl, dass sie sich sofort schließen würde (natürlich ebenfalls mit einem markerschütternden Quietschen) , wenn man sich hineinwagt).  Dahinter wird es erst recht unheimlich: Graffitiüberzogene Betongänge locken in drei verschiedene Richtungen, aus denen sich mehr oder weniger unheimliche Geräusche hören lassen. Dass die Geräusche (soweit bestimmbar) von Klima- bzw. Heizungsanlage herrühren, erfährt der zufällige Besucher dann, wenn er Gang für Gang erforscht – in der allmählich schwindenden Hoffnung, irgendwo auf menschliches Leben zu treffen.

Nunja. Ich bin ja nicht das erste Mal hier. Ich weiß also, dass keiner der drei Gänge zum Ziel führt, sondern vielmehr die schäbige Metalltreppe – und dass das schauderhaft stöhnende Geräusch nicht von gefolterten Zechprellern stammt, sondern aus einer archaiisch anmutenden Maschine, deren Zweck ich trotz ausführlichen Kellerexpeditionen im seinerzeit ebenfalls nicht gerade modernen Internatskeller bestenfalls erahnen kann. Eine Art Klimaanlage. Hoffe ich.

Ich lasse daher das anhaltende Stöhnen links liegen, erklimme die Treppe, die übrigens auch ein bisschen quietscht, und hole am oberen Ende – vor der nächsten potentiell quietschenden Metalltür – tief Luft. Zwar liegt dahinter der Gastraum, in dem sich unzählige Billardtische mit deren begeisterten Benutzern völlig harmlos und normal geben – aber eben auch die Theke, die ich ja nikotinnachschubfordernd ansteuere. Und was da hinter der Theke steht, das ist irgendwie unberechenbar. Jedesmal wieder. Dort habe ich schon feengleiche Wesen erlebt, die mir Zigaretten zu Trafikpreisen verkauft haben (“ich weiß ja, wie das ist…”) – aber auch hexenartige Besen, die erstmal 7€ für eine simple Qualmschachtel berechnen wollten (“Das sind eben die Clubpreise… müssen ja nicht kaufen”) (wir haben uns dann auf 4,50 geeinigt). Das Unberechenbare zu berechnen – das ist der Zweck des tiefen Atemzugs , den ich vor dieser allerletzten Metalltür nehme.

Was sich auch heute wieder als glückliches Manöver erweist. Schallt mir doch in der noch geöffneten Tür ein kräftiges “Ist schon geschlossen!” entgegen. Gegen den Wahrhgeitsgehalt diese Aussage sprechen, neben den vielen Billardspielern an den Tischen, auch der gesangsfreudige Schnurrbartträgertisch gleich links von der Tür und die, nunja, leicht geschürzten Mädels an der Theke.

Natürlich wäre jegliche Argumentation trotzdem zum Scheitern verurteilt. Brav bleibe ich auf Zuruf stehen und äußere vorgeblich schüchtern “Ich will nicht stören, ich brauch nur Zigaretten”.

Ein Schrankkoffer von einem Mann am dunklen Ende der Theke bellt etwas in einer mir unbekannten Sprache, worauf sich eine der falschblonden Minirockträgerinnen widerwillig vom Barhocker gleiten lässt und hinter der Theke die Lade mit dem begehrenswerten Inhalt öffnet. Eine Handbewegung zeigt mir, dass ich jetzt näher kommen darf. Nundann.

Ich wähle, nicht mit Worten, denn Worte könnten jetzt fatal sein, sondern mit dem Finger, die bevorzugte Marke. Geldbörse gezückt. Die Blicke alle nicht-Billardspielenden Anwesenden fokussieren in meinem Rücken. Ich habe das absurde Gefühl, in einer Party von Außerirdischen gelandet zu sein, die mich gleich triumphierend auf ihr Raumschiff beamen werden. Die nächstgelegene Dekolleteeprinzessin schmiegt sich verdächtig rund an meine Daunenjacke. Das Flüstern kann ich nicht entziffern. Ich hoffe immerhin, dass sie weiß, dass sie mit einer Frau flirtet. Mit meiner Jacke und meiner Wollhaube kann ich mir dessen nicht ganz sicher sein.

Egal. Ich atme ganz ruhig weiter. Bezahle. Und flüchte durch die quietschende Tür über die quietschende Treppe. Durch Strahlscheinwerfer und Dunkelheit. Beim nächsten Mal, so denke ich, beim nächsten Mal kaufe ich bei Tageslicht genug Zigaretten für das ganze Wochenende. Ganz bestimmt.

Wenn ich es nicht vergesse.

Und wenn nicht, dann nehme ich meine Kamera mit. Und drehe einen Gruselschocker. In diesem Fabrikshof.