Sterben und leben lassen

Ein Meerschweinchen wuselt zwischen den Weinstöcken herum. Das ist eine Maus! sagt O. Es ist ein Meerschweinchen, sage ich. Es ist eine Maus, erschlag sie! – Ich fange das Meerschweinchen ein und packe es in eine Schachtel, ich werde mit dem Rad zum Waldrand fahren und es dort freilassen. Wir haben noch so viel zu tun, und du gehst Radfahren, sagt O missbilligend.

Es ist ein sonniger Tag, und ich soll bald sterben. Es ist notwendig, sagt O, es ist eine Ehre, sagt I, und ich weiß, dass ich keine Wahl habe. Der Briefträger kommt mit einem Kuvert, ich habe Kindheitsfotos von mir drucken lassen, die man nachher beim Begräbnis verteilen kann. O blättert sie  stirnrunzelnd durch, ich weiß, es gefällt ihr nicht, dass sie nicht darin vorkommt. Ich nehme ein Buch und gehe in den Garten. Das nenne ich mir Optimismus, sagt I, ein neues Buch, es geht doch bald los. Heute schon? frage ich. I nickt feierlich.

Ich gehe in die Großküche gegenüber und nehme mir einen Teller Suppe. Was ziehst du morgen in die Kirche an, fragt O. Morgen? Ich dachte, ich sterbe heute, sage ich. Nein, morgen nach der Kirche, sagt O. Gut, sage ich, dann kann ich ja das Buch noch fertig lesen.

Ich wache auf, und draußen liegt Schnee. Wenn es im Traum schneit, dann stirbt jemand, haben die alten Frauen immer gesagt. Wenn im Traum jemand sterben soll, dann schneit es offenbar nachher. Ich mag weder den Tod noch den Schnee.