Tag 4: Klassisches und Touristisches

Mit unserem HopOn-HopOff-Ticket in der Tasche will ich eigentlich früh los, aber das ist gar nicht so einfach. Zum einen ist nämlich der Kaffee am Zinkensdamm köstlich und darf nachgefüllt werden (überhaupt ein sympathisches Feature der Schweden, der Filterkaffee in der Kanne, den man einmal zahlt, aber mehrfach auffüllen kann). Zum anderen ist mein Buch recht spannend. Und zum dritten sind sowohl der Herr Sufi als auch ich pflichtbewusst genug, auch unterwegs Emails zu beantworten.

Schließlich gelingt es uns aber doch, uns loszureißen, denn auch heute gibt es wieder jede Menge zu entdecken und zu fotografieren. Wir spazieren, wieder am Strand entlang, in Richtung Schiffsstation. Der Blick mit den Schifferln Richtung Norden gefällt mir immer wieder.

Södra Mälarstrand

Heute geht es unter dem verkehrsknotenpunkt Slussen durch. Erstaunlich: Die Abwesenheit von Graffiti. Dafür Kacheln mit Friedenstauben als Reittier. Auf der anderen Seite (also am Meer, nicht mehr am Mälarsee) schwimmt knallrot die Feuerwehr.

Nachdem das Schifferl an der Altstadt-Anlegestelle gerade gefahren ist und die Leute schon wieder Schlange stehen, obwohl das nächste erst in 20 Minuten kommt, beschließen wir, zur nächsten Anliegestelle zu promenieren. Der Weg dorthin ist mit Restaurantschiffen und Touristenangeboten gepflastert, die auch den alten Piraten nicht so recht begeistern können.

Die nächste Haltestelle ist beim Fotografiska (dem Fotografie-Museum), und das wäre mit Sicherheit einen Besuch wert. Bei strahlendem Sonnenschein und leichtem Meerwind kann die Schwarzweiss-Fotografie aber nicht so recht locken, und so vertreiben wir uns nur kurz die Zeit im Museums-Shop und besuchen die futuristisch anmutenden Toiletten im Keller. Ein paar Ansichtskarten später (der Lucas besucht derweil die MSY Wind Surf, von der hier auch noch die Rede sein wird), ist es Zeit für einen Hupfer aufs Sightseeing-Boot.

Es ist nett, sich hier durch die Gegend schaukeln zu lassen, und bei Bedarf die Aussicht in einer von fünf Sprachen erklärt zu bekommen. Ich nutze das Angebot und erfahre einiges über Stockholms Geschichte, während der Herr Sufi lieber im Hier und Jetzt bleibt.

Wo man auch hinschaut, liegen Boote und Wohnschiffe, und der Gedanke wird von Bötchen zu Bötchen attraktiver. Aber was passiert im Winter mit den Kähnen? Der Mälarsee friert zu, und die Ostsee oft auch. Da müssen die wohl auch an Land? Wir vergessen leider, kompetente Schiffer danach zu befragen.

Unser heutiges Ziel ist Djurgarden. Dort gibt es das Nationalmuseum (das reicht uns von außen), die Vasa, den Zoo und das Freilichtmuseum. Die Vasa hätte ich wirklich gerne wieder einmal besucht, obwohl ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass die alte Dame bröselt. Allerdings war die Schlange vor dem Eingang recht lang, und, naja, das Wetter nach wie vor viel zu schön für Indoor-Aktiviteten. Der Herr Sufi hatte zudem einen heftigen Anfall von Touristenplätze-Antipathie, der sich nur durch ein ordentlich scharfes Würstel beseitigen ließ.

Wir verzichteten aus ähnlichen Gründen auf einen Besuch in Skansen (obwohl ich gerade das Freilichtmuseum gern einmal mit erwachsenen Augen gesehen hätte) und umrundeten stattdessen Tierpark und Museum in großem Bogen. Ich maulte ein wenig, dass man dazu ja nicht unbedingt hätte herkommen müssen, aber die Gegend barg zu interessante Geschichten, um lange zu schmollen.

Auch von außen kriegt man doch etwas Kultur mit. Da ist etwa der Hällestadsstapeln, ein freistehender Glockenturm aus dem 18. Jahrhundert (links). Oder das alte E-Werk (rechts), dessen Verzierungen wir wegen der dreieckigen Form mit etwas rundem drin (Auge?) für Freimaurerwerk halten. Die Erklärung, die ich später lese, spricht von Glühbirnen. Aber warum in dreieckigem Rahmen? Danach gibt es hier hauptsächlich Baum und Wiese, bis wir durchs Laub wieder einen Blick auf Östermalm erhaschen können.

An der Anlegestelle bleibt gerade Mal Zeit für ein Zigarettchen, bevor der Hop-On-Dampfer wieder anlegt. Wir fahren diesmal nur eine Station. Noch ein Blick zurück in Richtung Vasa.

Skeppsholmen ist eine der kleineren Inseln Stockholms, auch sehr grün und insgesamt sehr sympathisch. Hier war bis in die 1960er-Jahre die königliche Marinebasis mit allem was dazugehört, und auch heute noch wird das Ambiente von Schiffen und Schiffsbau dominiert.

Bei einigen der Kähne würde ich gerne hineinschauen, ob das Innenleben der malerischen Außenfront entspricht. Manche wiederum haben eigenartige Features, zum Beispiel reichlich Holzvorräte wie eine Tiroler Almhütte.

Die Torpedowerkstatt ist heute glücklicherweise nicht mehr scharf, sondern unter anderem Bühne für Tanzveranstaltungen.

Dann gibt es auch noch unglaublich entzückendes wie dieses Leuchtturmboot. Die “Fladen” wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut und hat bis 1969 Dienst als Leuchtturm getan – an Stellen, wo es schwer oder unmöglich war, einen echten solchen zu bauen. Ich glaub, ich hab ein neues Lebensziel – ich möcht Kapitän auf einem Leuchtturm werden! Hier stehen einige übersetzte Einträge aus dem Logbuch eines Leuchtturmwärterschiffscrewmitglieds.

Ein bisschen versteckt ums Eck liegt die Orion, ein altes königliches Lotsenschiff, heute in Privatbesitz und als Museum genutzt. Draußen hängen Bilder eines wahrhaft königlichen Salons, in dessen Lederfauteuils man unbedingt mit einer dicken Zigarre in der Hand einen Whisky trinken möchte. Aber da die Tür nicht offen ist (und sowohl Whisky als auch Zigarre im Museum vermutlich verboten wären), ziehen wir weiter.

Noch ein Stückchen weiter um die runde Ecke liegt die Af Chapman. 1888 gebaut, war die alte Schönheit erst als Frachter auf allen Weltmeeren unterwegs und kam 1908 nach Schweden, wo sie als Schul-Frachter zum Einsatz kam. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde sie zur Herberge umgebaut und erfüllt diese Aufgabe (mit mehreren Renovierungen) bis heute. Hier wollte ich ja, wie erwähnt, seit langem gerne einmal wohnen. Fürs erste entern wir den Schoner, um einen Nachmittagsdrink zu nehmen.

Bei Sonne und typisch schwedischen Schmusewölkchen gibt es vom Vordeck der Af Chapman den vermutlich besten Blick auf das Panorama der Stockholmer Altstadt, den man überhaupt finden kann.

Man könnte hier auch länger bleiben. Man könnte hier ganz problemlos den ganzen Nachmittag bleiben, und dann den Abend auch noch. Vermutlich wäre das einzig problematische daran die Frage, ob man am Ende noch in seine Koje findet. Aber, wie gesagt, wir haben ja keine. Daher reißen wir uns schweren Herzens los, erkunden weiter die Insel und finden Erstaunliches. Ich mein, Löwen als Türsteher kennt man ja – aber… ein Wildschwein?

Auch wenn wir das Moderne Museum links liegen lassen, erfreuen doch die Skulpturen von Skulpturen von Niki de Saint Phalles und Jean Tinguelys das Aug.

Vielleicht (ich bin nicht mehr sicher, ich genieße zu sehr) gefällt es mir an der Anlegestelle am besten. Schifferln, Boote und Fähren beobachten. Leichte Sonne durchs Laub. Wasser vor der Nase. Dieser ganz bestimmte Geruch von Holz und Teer und Meer. Und mehr.

Als unser Bötchen kommt, geht es noch einmal ganz nah an Skansen vorbei.

Bei kühler werdender Abendsonne freuen wir uns, noch einmal eine Dreiviertel-Runde mitzufahren. Also, ich zumindest. Aber der Herr Sufi hat auch nicht sonderlich unglücklich gewirkt. An (unserer) vorletzten Station liegt noch immer die MSY Wind Surf, das – laut diversen Webseiten – größte Segelschiff der Welt. Unter Segel sieht die Lady übrigens noch eleganter aus: Link.

Wir steigen an der Altstadt aus und werden mittlerweile von einem Hüngerchen erfasst. Leider sind die Restaurants alle zu touristisch für den Herrn Sufi oder zu weißbetischtucht für mich, manche sind dann auch noch zu teuer, und überhaupt. Wir stromern noch eine Runde durch die Gassen, vor dem Nobelmuseum baut eine Musikkapelle ihre Instrumente auf, und das geht irgendwie schon gar nicht.

Möglicherweise hätten wir aus Unentschlossenheit hungrig bleiben müssen, wenn sich nicht um eine nicht ganz rechtwinkelige Ecke ein Anblick erschlossen hätte, der mich entschlossen macht. “Hier essen wir.” Der Begleiter schaut verblüfft, ergibt sich aber in sein Schicksal.

Erst nach der Vorspeise erzähle ich, wie ich vor vielen (ich will gar nicht zählen wie vielen) Jahren, vermutlich – wenn ich mich nicht irre, was nach so langer Zeit auch möglich ist – bei meinem allerersten Tag allein in Stockholm, mit Daddys Kamera um den Hals, bei windzerzaustem Regenwetter einen Blick in eines dieser Fenster geworden habe und – gänzlich untypisch für mein damaliges ich – beschloss: Hier werd ich auch einmal zu Abend essen. Na also bittschön! Das hätten wir erledigt.

Das Futter (wir begnügten uns mangels mehr Hunger mit der Vorspeise) war im übrigen ganz köstlich, die Krabben in Zitronenmayonnaise besonders, wobei ich nicht bezweifle, dass es in Gamla Stan noch viele andere gute Restaurants gibt. Aber ein bisschen Nostalgie darf ja auch einmal sein.

Danach spazieren wir noch ein bisschen, lauschen sogar der Militärkapelle von Halland, die neben Mozart und anderen Klassikern auch Abba und Filmmusik spielt, erklären anderen deutschsprachigen Touristen die Verwendung von Runenstein und Kanonenrohr beim Hausbau (Informationen, die wir während des Essens von einer vorbeigetriebenen Touristengruppe erlauscht haben), und finden uns schließlich, als wäre es ganz selbstverständlich, auf dem Boot von gestern Abend wieder ein.

Hier hätte ich bleiben mögen, den ganzen Abend oder zumindest bis zum Ende des Weinfasses, schließlich gibt es nicht nur Wein und Musik, sondern auch jede Menge Anblicke.

Aber mit dem Verschwinden der Sonne wird es kühler, und wir haben auch noch vor zu packen und vielleicht sogar Wäsche zu waschen, und so ziehen wir am Ende des Bieres wieder über Slussen rüber nach Södermalm. Ein letzter Spaziergang längs der Götgatan, auch ein Ballon zieht wieder vorbei. Das Wetter mag auch nicht mehr, es tröpfelt. Mehr aus Freude an dem griechischen Würstelstand denn aus Hunger esse ich noch ein Souvlaki, in Brot gewickelt, während der Begleiter die Öffnungszeiten der Södermalm-Markthalle erkundet. Auf der Suche nach einem Klo lande ich in einem Kinokomplex, wo man die obligatorischen 5 Kronen Häuslgebühr nicht in Münzen einwerfen kann. Man stellt sich stattdessen am Ticketschalter an und bekommt einen Zettel mit einem Code, der dann die Tür öffnet. Kauft man ein Kinoticket, ist der Code übrigens auch drauf und im Preis inbegriffen. Einerseits ein ziemlich seltsames System, andererseits möcht ich die 5 (oder warens 10) Minuten nicht missen, die ich mitten im schwedischen Leben an der Kinokasse angestellt war. Man hätte sich ja auch einen Film anschauen können… naja. ein anderes Mal. (Als ich aus der Häuslanlage wieder rauskomme, halte ich einer entgegenkommenden die Türe auf, aber die zuckt zurück: “Nein nein, ich hab eh einen Code”. OKok, ich wollt doch nur höflich sein…)

Zurück im Hostel gibts noch ein spannendes Wäschewasch-Abenteuer, in dessen Verlauf wir (leider erst am letzten Tag) entdecken, wie man in den idyllischen Hinterhof-Garten kommt. Noja. So gegen halb zwei in der Nacht ist die Wäsche trocken, das Bier geleert, und wir sinken ermattet in die Betten. Morgen nach Upplands Väsby, übermorgen raus aufs Wasser!