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Stadtwanderung, 14.5km

Erst einmal von der Peripherie Richtung Vierten. Sonne und Wolken wechseln einander ab; im großen Park spielen Kinder, Erwachsene turnen auf den Freiluft-Geräten. Eigentlich wollte ich ja zur U-Bahn, aber die Füße haben Lust auf Straße. Die Stadt lebt deutlich, und die Wände sprechen Vorstadt.

Unterwegs ein Büchergeschäft. Schon lange keine Lyrik mehr eingekauft, denke ich und hoffe auf einen Jahressampler moderner AutorInnen oder Ähnliches, doch auf meine Frage nach Lyrik schickt man mich zu einem Tisch mit Loriot, Gartengedichten und Motivationsversen. Na dann halt nicht, denke ich, innerlich dennoch irgendwie indigniert. Draußen beginnt es zu tröpfeln, was sollte eine solche Wolke denn auch sonst machen?

Sie hört aber bald wieder auf. Im Kreisky-Park ist glatt eine Hängematte frei, und ich schenke mir ein halbes Stündchen, blinzle mit meinem Hörbuch-Krimi im Ohr in Richtung Slackliner und Barfusskinder. Dann wieder weiter.

Am Freihausviertelfest spielt Hary Wetterstein, und der „Trancedelic Tribal Beat“ passt ganz hervorragend in den Tag. Das Drumherum nicht so ganz. Zu viele Menschen, und dort, wo der Naschmarkt lockt, würde ein Meeresufer noch viel mehr locken. Die schwarzen Wolken tröpfeln nur einmal kurz, beinah wie versehentlich, schicken aber den einen oder anderen angenehm kühlen Windstoß vorbei.

Nach dem Konzert habe ich keine Lust mehr auf die Massen. Auf zu Hause aber auch nicht. Na gut, dann halt nochmal am Donaukanal entlang. Ich nehm die U-Bahn bis zum Schwedenplatz; auf dem Weg dorthin erfahre ich, dass am Karlsplatz jetzt Wein wächst.

Der Wind nimmt zu, oben wolkt es noch immer, doch Tropfen kommen keine mehr. Ich nehme die andere Richtung heute, die, von der ich aus unerfindlichen Gründen immer dachte, dass der Fußweg dort nicht weit weiter geht. Ein klarer Irrtum.

Erst einmal geht es an den neuesten Graffiti vorbei. Für heute sammle ich die Gesichter, beschließe aber, bald wieder zu kommen.

Donaukanal Faces

Danach zwei Lokale, von denen ich noch nie gehört habe, die aber beide so aussehen, als könnte man hier ausgezeichnet abhängen. Ein andermal, die Füße sind asphalthungrig. Ein paar hundert Meter weiter wird es grün, Beton sowie die Farbe darauf wird weniger. Jogger und Hundeausführer sind unterwegs, Jugendliche und nicht ganz so Jugendliche auf den Bänken; würde nicht von oben die Schüttelstraße Freitagabendverkehr rauschen, könnte man meinen, man wäre … ja, wo?

Robert Schindel

Robert Schindel

Bei „Schüttelstraße“ fällt mir frei assoziativ Robert Schindel ein, und es irritiert mich, dass mir ein bestimmter Text nicht mehr ganz einfällt. Nach dem Heimkommen gleich danach gesucht. Und gefunden.

Unterwegs stattdessen ein bisschen Brecht rezitiert, innerlich. So, wie Musik im Ohr alles um mich herum zu einem Film macht, macht Lyrik im Kopf alles wunderbar wunderlich. Die Frau, die im untadeligen Business-Outfit kleine weiße Früchte aus einem buschigen Baum pflückt und isst. Eine einsame Socke auf dem Gehweg, sauber, frisch wirkend, schwarz. Die vielen Raben, die auf der Wiese verteilt sitzen wie Gäste in einem halb leeren Kaffeehaus, jeder schaut in eine andere Richtung, man möchte ihnen glatt eine Zeitung reichen. Als ich näher komme, hüpft einer davon, zum Wegfliegen wirke ich wohl nicht gefährlich genug. Nur ein paar Hopser, ein Blick über die Vogelschulter, schon sitzt er wieder. Und dann, eine Wiese weiter, ist das etwa…

Es ist ein Hase. Ein prächtiger, großer Hase, mitten in der Stadt, die Ohren drehen in meine Richtung, obwohl ich stocksteif stehengeblieben bin mitten im Schritt. Ganz langsam greife ich in meine Hosentasche nach dem Foto-Fon, doch bevor ich ihn ablichten kann, ist er schon ein Stück davongehoppelt, zu weit für die Fon-Linse. Er dreht sich noch einmal zu mir um und verschwindet dann im Gebüsch. Wär ich ihm gefolgt, müsstet ihr jetzt Alice zu mir sagen. Stattdessen lauert unter der nächsten Brücke eine Riesenschildkröte.

Wer weiß, was die nun wieder vor hat.

Von da an wird der Weg etwas ungemütlicher, weil weiter weg vom Wasser und näher an der Durchzugsstraße, aber irgendwie will ich jetzt wissen, wo der Donaukanal denn zurück in die Donau mündet. Irgednwie seltsam: Die Stelle, wo er von der Donau abzweigt, ist mir vertraut seit vielen Jahren, aber wo es wieder zusammengeht, darüber habe ich nie nachgedacht.

Die Füße sind begeistert, obwohl von Schritt zu Schritt klarer wird, dass ich mir da wohl eine Blase laufe.  Die Spaziergänger und -läufer werden spärlicher. Noch eine Brücke, und die Straße nebenan wird zur Autobahn. Aber es ist nicht nur Autolärm, den ich höre, es ist…

Ein Schlagzeug? Eine Gitarre? Eine lockende Rock-Röhre? Die Augen bemühen sich, zu erspähen, was die Ohren schon längst als Zielkoordinaten eingestellt haben. Hm, da müssen wir die Treppe hoch und über die Autobahn, und dann…

Es ist ein Fest im Garten des Atom-Instituts der TU Wien, und der Sound ist gut genug, um sich gerne reinschummeln zu wollen, aber… als ich das Tor entdeckt habe, stimmt die Band „Happy Birthday“ an, und damit ist es irgendwie auch schon wieder vorbei. Meinen zumindest die Füße, die bereits wieder volle Geschwindigkeit in Richtung Brücke aufgenommen haben, während der Kopf noch überlegt, ob man nicht vielleicht doch…

Na.

Das Erkunden der Donaukanalmündung wird auf einen nächsten Spaziergang warten müssen, der Kopf hat den Füßen Stadtlust eingejagt. Jenseits der Brücke ist sehr Erdberg. Die Cafe-Gärten fest in slawischer Hand, aus dem Puff am Eck kommt einer mit gesenktem Kopf und verschwindet zwei Ecken weiter im Kebab-Laden. Die Gäste des Hotels daneben wälzen Karten im Kerzenlicht. Die Füße würden gerne die ganze Nacht lang weiterlatschen, es ist der Kopf, der das angesichts der wachsenden Blase nicht ganz so prickelnd findet. Na schön, dann halt zur nächsten U-Bahn-Station.

Zu Hause ist auch Sommer. Irgendwie hätte ich jetzt gern das Bier, auf das ich unterwegs keine Lust hatte. Aber nochmals vier Stockwerke runter? – Prost Mineralwasser.

Stadtsonntag II

(Teil 1 war hier)

Im botanischen Garten herrschte, zumindest eingangs, malerische Hitze-Welkerei. Nur die unscheinbaren Alpenpflanzerln zeigten sich unbeeindruckt vom Sommerwetter. Dann fand ich den Bambuswald, der mit Stegen von beiden Seiten begangen werden konnte. Optisch imposant, die erhoffte Kühle blieb aber aus.

Bambuswald

Ein Stückchen weiter fanden sich dann doch noch ein paar weitere Pflänzchen, die die Hitze genau so genießen konnten wie ich. Diese zwei Dahlien etwa, ihre Vornamen habe ich vergessen. Die ganze Dahlien-Ecke war auch ausgesprochen gut besucht von hungrigen Insekten aller Art.

Strahlend Dahlie, gut besucht

Den Namen der nächsten Schönen habe ich leider nicht nachgelesen. Vermutlich hätte ich ihn aber eh nicht aussprechen können – sieht schon etwas Alien aus, das Ding.

Von welchem Planeten...?

A propos Alien – die nächste Pflanze faszinierte nicht nur mich schon aus der Ferne. Zwei schüchterne junge Menschen asiatischen Aussehens fragten mich, ob ich weiß, wie das Ding heißt. „Elefantenkraut vielleicht?“ mutmaßte ich, in der festen Überzeugung, den Namen schon einmal gehört zu haben. Es war dann aber doch ein Mammutblatt. Ich hoffe, ich habe niemandem eine Botanikprüfung versaut.

Mammutstaude

Noch ein paar schritte weiter ein künstlicher Teich voller Lotusblüten. Die haben ein ungewöhnliches Innenleben.

Lotusblüte

Auf den Bänken ringsum lasen, dösten und tratschten Menschen, ein deutsches Pärchen las einander laut die Texte von den Schautafeln vor. Eine deutlich steirische Besucherin hielt ihrem Begleiter angesichts der entsprechenden Pflanze einen ausführlichen Vortrag zum Schierlingsbecher, während er sich mehr für die tatsächlich erstaunliche Anzahl an Kohlpflanzen interessierte. Jaja, Gemüse gibt’s hier auch.

Brokkoli

Es hätte noch viele Pflänzchen zu erkunden gegeben, aber mein unstetes Gemüt wollte wieder raus in die Stadt. Knapp vorm Ausgang noch ein Hanfpflanzerl erblickt. Warum das wohl hinter Gitter musste?

Hanf hinter Gittern

Draußen an der Mauer gleich wieder wichtige politische Botschaften.

Still

Ich cruiste ein bisschen kreuz und quer, dachte, dass ich meinen Zug längst verpasst hätte, wenn ich einen hätte erwischen müssen, und war froh, dass ich keinen erwischen musste. Die Fasangasse brachte einen sonntäglich lebendigen und durchaus sympathischen Mix aus polnischer und türkischer Kulinarik, zumindest olfaktorisch, denn obwohl ich mittlerweile recht hungrig war, war stehenbleiben irgendwie keine Option. Ich weiß nicht recht warum, denn innerlich hatte ich mir längst erlaubt, die 15 Euro in meinem Geldtaschl auszugeben. Es waren aber deutlich die marschfreudigen Füße, die das Tagesgeschehen bestimmten, der grummelnde Magen hatte das Nachsehen. An der S-Bahn-Station Rennweg beruhigte ich ihn mit einem Sprite und ging dann unten durch, um zu sehen, wo ich überall hinfahren hätte können, wenn meine Füße nicht so beharrlich am Gehen gewesen wären. Am anderen Ende wieder aufgetaucht, boten sich fremdländische Anblicke.

Exotische Anblicke

Neben der spirituellen Exotik allerdings auch kulinarisch-kulturell interessante Ecken. Was man so alles nicht sieht, wenn man mit der S-Bahn direkt dran vorbeifährt… Ich glaub, dort will ich einmal essen, wenn sie wieder aus dem Urlaub zurück sind.

Idyll am Stadtbahnrand

Jetzt lag der Stadtpark vor mir, mit dem ersten Bezirk dahinter. Da wollte ich aber definitiv nicht hin. Also links ab in unbekannte Gassen mit unbekannten Anblicken. Das ganze Grätzl eigentlich grundsympathisch, nur eins: Als jahrelanger Anrainer an einer Straße, in der ein Bus aus einer Haltestelle bergauf anfuhr, wollte ich wirklich nicht wissen, wie es ist, direkt über so einer bergauf-anfahr-Situation zu wohnen.

Wiener Wohnen

Von hier aus gab es allerdings nicht mehr allzu viele unbekannte Wege. Doch auch an den bekannten fanden sich faszinierende Anblicke.

Architektur in Generationen

Gleich danach, am durchaus vertrauten Brunnen am Schwarzenbergplatz, ein bisschen windzerstäubte Wasserkühle genossen. Vereinzelt hielten Touristen ihre heißgelaufenen Füße ins Wasser. Kurz überlegt, es ihnen gleichzutun, aber das war deutlich zu wenig. Verdammt, vor 20 Jahren hätte ich mich einfach mit vollem Gewand ins Brunnenwasser fallen lassen! Möglicherweise hätte ich das auch heute noch getan, wäre jemand dagewesen, dem ich die Tasche mit dem Fon hätte anvertrauen können. Aber mangels Begleitperson werden wir das wohl nie erfahren.

Brunnenwasserbestäubt

Stattdessen, wenn ich nun schon mal da war, einen Blick auf die Stadtwelle geworfen. Die war, muss ich zugeben, deutlich sympathischer als erwartet. Zwei Lokalitäten, Sommer-Surf-Musik, eine Tribüne, viele Liegestühle, und alle mit Blick auf die perfekte Welle mit Blick auf die Stadt.

Surfen mit Aussicht

Von hier aus gabs für mich in alle Richtungen nur mehr bekannte Wege. Und schlagartig meldeten meine Füße „müde“, meine Beine „viel zu heiß in der Jean“, mein Magen „Hunger“ und mein Mund „Durst“. Aus reinem Trotz widersetzte ich mich der Versuchung, für die letzten vier Haltestellen in eine Straßenbahn einzusteigen, und schleppte mich auch den Rest des Wegs zu Fuß nach Hause. In den vierten Stock.

Und erst als ich nach fast vier Stunden unterwegs mein Elfenbeintürmchen erreicht, das Gewand von mir geworfen und die Kühlschranktür geöffnet hatte, erinnerte ich mich wieder: Ich war ja eigentlich deshalb aus dem Haus gegangen, weil in diesem verdammten Kühlschrank nix drin war. Ich seufzte leise. Und machte mich nach einer erfrischenden Dusche ein zweites Mal auf den Weg.

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Stadtsonntag

Nachdem die geplante Neuauflage des Samstags – nochmals Kunstmarkt – nicht zustande kam, stand ich Sonntag mittag vor einem Problemchen. In der Annahme, eh das ganze Wochenende nicht zuhause zu sein, hatte ich nicht viel eingekauft. So gab’s zwar Brot, aber nix drauf. Es gab zwar Sugo, aber keine Nudeln. Es gab zwar Reis, aber der wollte nicht einmal in meinem experimentierfreudigen Köchinnen-Hirn (ich sage nur: Erdäpfelpürree mit Thunfisch) zum Sugo passen. Und noch schlimmer: Das Mineralwasser war aus. Ein Ausflug zum nächstgelegenen Sonntagsladen war angesagt, und da die Tabaklage zwar noch nicht kritisch, aber auch nicht sonntagsfüllend war, entschloss ich mich für den Weg zum Bahnhof anstatt zum Türken.

Das Wetter war flexibel, mit Sonne und Wölkchen, mit Wind und ohne. Aber durchgehend schwül. Wobei ich mir zuerst nicht ganz sicher war, ob’s am Wetter lag oder an mir, schließlich komme ich auch langsam ins Alter, wo frau grundlos schlagartig zum Schweißspringbrunnen wird. Am Bahnhof fragte ich mich dann nicht mehr, denn dort saßen durchaus junge Menschen beiderlei Geschlechts ermattet am Boden, fächelten sich und einander Luft zu und konnten nicht fassen, wie „verfickt schwül“ es doch ist. Ich dagegen fühlte mich gar nicht ermattet, sondern unter der leicht klebrigen Schweißschicht geradezu enthusiasmiert vom seltsamen Sommer. Einkaufen und heim zur Arbeit war irgendwie keine Option. Die erste Idee, ab an die Donau, verwarf ich: Am Sonntag ist dort definitiv Sardinenbüchse. Andere Schwimmalternativen entfielen mangels Badeanzugs im Rucksack. Kurz dachte ich an einen Tagesausflug nach Bratislava (in 15 Minuten hätte es einen Zug gegeben), aber weder Pass noch andere Ausweise hatten den Weg in meinen Rucksack gefunden. Schließlich beschloss ich, so zu tun, als hätte ich in einer fremden Stadt ein Stündchen oder zwei Aufenthalt. In solchen Fällen geh ich vor den Bahnhof, schau mich um, und geh in die Richtung, die am meisten lockt, ganz ohne Blick auf die Karte. Heute nun war die Richtung klar, denn die meisten Gegenden um den Bahnhof kenne ich wie meine Hosentasche. Es konnte also nur die eine Richtung sein, die ich nicht so gut kenne: Das neu- und umgestaltete Areal Richtung Arsenal. Ich kaufte eine Flasche Mineralwasser und zog los.

Der Ausblick beim Ausgang zum neuen Campus glänzt erst einmal mit immer noch gewaltigen Baustellen.

Immer noch heftige Baustelle

Hält man sich dann links Richtung Gürtel, dorthin wo einst der 13a abfuhr, findet man einen riesigen Park. Der war zwar irgendwie immer da, wirkt aber expandiert und neugestaltet. Ich wünschte, ich könnte mich genauer an den alten erinnern. Steinfiguren des allerersten Südbahnhofs sind hinter Glas zu bewundern, ausruhende Reisende, Jogger und Familien mit Kinderwegen bevölkern Wege und Wiesen. Mittendurch eine Straße, wo Busse parken, die ihre Fracht vermutlich beim Belverdere ausgespuckt haben. Die Busfahrer spielen in der Wiese nebenan Karten. Unter den Bäumen ist die Luft angenehm. Ein Stück zurück Richtung Bahntrasse lockt Kunst.

Ankündigung

Fast bin ich motiviert genug, mir das anzuschaun, doch nach wenigen Schritte ins Foyer des 21er-Hauses weiß ich: Hier ist mir jetzt grade zu kühl, körperlich wie inhaltlich. Ich geh stattdessen rechtsrum und finde neben einem Dingens, das nicht verrät, ob es Kunst oder Südbahnhofrelikte sein will, ein paar rote Schuhe, die meinem Krimischreiberhirn einiges zu denken geben.

Rote Schuhe

Während ich den Fon-Akku wechsle, sichte ich erstmals Pokemon-Go-Spieler in freier Wildbahn. Die beiden wirken weder verblödet noch verkehrsgefährdet, sondern einfach vergnügt bei der Sache. Dacht ich mirs doch.

Wieder Richtung Gürtel, steht da Frederic (oder, wie auf der Tafel steht, Fryderyk) Chopin mitsamt (s)einer Note Bleu vor einem Springbrunnen im Teich.

Fryderyk Chopin und seine Blue Note

Mit Klaviermusik im Kopf spaziere ich weiter und stelle fest, dass es in diesem Park überhaupt viel Wasser gibt. Ein Kinderfreibad zum Beispiel. Das kühle Blau des Beckenbodens macht mir die Hitze erst wieder bewusst, aber ich fürchte, mein kindliches Gemüt genügt nicht, um da reinzuspringen, schon gar nicht ohne Badeanzug. Ein paar Schritte weiter ein Wsserfällchen in einem Miniteich. Spätestens hier bereue ich, nicht die „richtige“ Kamera dabeizuhaben, aber… ich wollte doch nur einkaufen!

Wasserfällchen

Ein Stückchen weiter ein Lokal, in dem ich den Cappuccino trinken könnte, über den ich schon länger nachdenke, aber meine Füße sind grade eingelaufen und tragen mich vorbei, bevor ich protestieren kann. Einen lästigen Zaun umlaufen und dann bei rot quer über die Straße ins Arsenal.

Das Arsenal (irgendwann gabs hier schon einmal einen Blogeintrag dazu, den ich aber grad nicht finde, was mich nervös macht, aber… egal) ist ein ehemaliger Militärkomplex, dessen Gebäude zu Wohnungen, Firmengebäuden und Kunsträumlichkeiten umgebaut wurden. Die riesigen alten Backsteingebäude sind auf ihre eigene Art imposant, die grünen Wiesen dazwischen mit vielen Bäumen durchsetzt, es ist angenehm kühl und weiträumig und wirkt auf seltsame Art fremd vertraut. Die Ecke von Art for Art hat einen Berliner Touch und ein offenes Cafe, aber auch hier wollen meine Füße lieber weitergehen. Schließlich locken allerorts fotowürdige Anblicke, im Großen…

Alt-Bau

…wie auch im Kleinen.

Life... uh ... finds a way

Unter den Bäumen und auf den Wiesen und Wegen durchaus immer wieder Menschen, aber so wenige, dass die Gegend dadurch umso leerer wirkt. Manchmal Musik aus einem Fenster, einmal sogar Kaffeeduft. Ein Schild an einer zur Kunstwerkstätte umgebauten Garage verspricht: „Nächste Woche Salat – € 1“. Etliche Schritte weiter steht ein alter Bundesheerbus mit Vorhängen vor den Fenstern, nur einer, auf einem riesigen leeren Parkplatz. Noch ein Stück weiter ein Blick in ein umzäuntes Areal, auf dem Heeresfahrzeuge vor einer dunkelgewordenen Halle in ordentlichen Reihen stehen. Ausgemustert oder einsatzbereit, was weiß man schon.

Aber das Arsenal besteht nicht nur aus alten Gemäuern, und aus dem Mix ergeben sich manchmal verblüffende Anblicke.

Kontraste

Nicht alle alten Gebäude sind umgebaut und umgewidmet, und manchmal hat man das Gefühl, plötzlich in ein Stück Landschaft aus der Stalker-Trilogie hineinzuspähen.

Zuviel Stalker gespielt

Mein Mineralwasser ist leer, und trotzdem gehe ich am Tenniscafe vorbei. Irgendwo hier müssten doch die Flugzeuge… tatsächlich, da sind sie. Ein Draken und eine pummelige Tunnan vor dem Heeresgeschichtlichen Museum.

Tunnan

Hier ist die Gegend auch etwas belebter, hier spuckt ein Hop-on-Hop-off-Bus seine Gäste aus, mahnen Touristen ihre Kinder, dass man NICHT über den Zaun zum Flugzeug klettern darf (ich war dabei kein gutes Beispiel für die Jugend).

Wieder einen Moment lang überlegt, dass man doch auch einmal in ein Museum gehen könnte, aber der Tag war zu strahlend und die Füße zu aktiv.

Heeresgeschichtliches Museum

Auf dem Weg durch die Torbögen eines der alten Gemäuer ganz verblüfft über die kalte Luft, die da um die Ecke pfeift. Auch das letzte Lokal am Arsenal-Areal links liegen gelassen (etwas widerwillig, aber auf der Karte vor der Tür stand „Cappuccino mit Schlagobers“). Stattdessen an der Schwelle zum Rest der Stadt auf ein Mäuerchen gesetzt, eine Zigarette geraucht und die allerletzten Tropfen aus der Mineralwasserflasche gesaugt.

Vernünftig wäre gewesen, jetzt nach Hause zu gehen und endlich die Arbeit in Angriff zu nehmen, damit ich am Montag, wenn alle anderen arbeiten, ans Wasser fahren könnte. Aber vernünftig passt halt nicht zum Sommerwetter, deshalb lenkte ich meine Schritte, rechts von Schrebergärten, links vom Park begleitet, Richtung Gürtel, querte den und traute mich ins Belvedere-Getümmel, nur kurz, bevor ich rechts in den botanischen Garten abbog.

…und den Rest der Reise erzähle ich morgen, sonst wird mir die Nacht zu kurz.

(Teil 2 gibts hier)

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Guter Rat

Wien bei Nacht

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From Here to Eternity

Jemand hat vor, noch mehr Geburtstag zu feiern, und er wählt dazu den böhmischen Prater im Süden von Wien. Der böhmische Prater ist ein Gelände voller Ringelspiele und heurigenähnlicher Lokale, und wenn man durchspaziert bis ganz ans Ende, dann landet man auf einer Wiese, von der aus man einen wunderschönen Blick hat auf die Stadt, zumindest auf ihre südöstlichen Bezirke. Auf dieser Wiese lassen Kinder (und Eltern) Drachen steigen, und wir stehen da und schauen zu und lassen den Blick schweifen über die zerklüftetete Weite der Stadt.

Dann aber: Hunger! und: Durst! Und mitten durch die Massen von Drehorgelspielern, die heute ihr jährliches Fest feiern, suchen wir uns einen Weg zur nächsten Stelze und zum nächsten Bier. Schade, dass ich die Kamera nicht mithabe, denke ich. Bizarr gekleidet und mit wahren Monstern von Drehorgeln stehen die Schausteller da, und wenn sie reden zwischen dem Drehen, dann hört man, dass sie aus ganz Europa zusammengekommen sind, und es ist seltsam anachronistisch und trotzdem modern, denn die Drehorgeln, deren Melodien aus gestanzten gefalteten Lochkarten und -streifen entstehen, sind auch Dinosaurier der mechanischen Datenverarbeitung, und ich frage mich, ob es denen, die Drehen, bewusst ist, dass ihre Instrumente die Groß- und Urgroßväter von Sequencer und T-303 sind.

Trotz allem ist der Klang nicht sehr erfreulich, und wir suchen uns einen Platz weit weg vom Lärm und haben es gemütlich und gesprächsweise nett. Dass mir diese Heurigenathmosphäre noch immer fremd ist nach 15 Jahren Wien, dass ich es gastunfreundlich finde, wenn ich mir meine Speisen aus der Küche holen muss, erzähle ich so unter anderem, die steirischen Gegenstücke der Heurigen, die Buschenschenken (nein, ich schreib das nicht mit “ä”!), haben immerhin den Anstand, ihre Brettljausn zum Tisch zu bringen. Aber die, mit denen ich am Tisch sitze, sind vor noch längerer Zeit von noch viel weiter her gekommen. Und dass ich das so gesagt habe, um Heimat und Fremdheit zu relativieren, fällt niemandem auf.

Später kriege ich eine rote Rose geschossen, mit 7 Schüssen, und ich schiesse jemandem eine goldene Rose, mit 2 Schüssen, und das ist immer noch einer zuviel, aber immerhin. Und weil wir von der Wiese, die über die ganze Stadt schaut, die Gasometer [Flash Alarm!] gesehen haben, das neue architektonische Renommierprojekt von Wien, beschließen wir, uns die noch näher anzuschauen, und fahren aus der Vergangenheit hinunter in die Zukunft.

Die Sonne ist schon untergegangen, es dämmert über Simmering, und in diesem herbstabendlichen Tiefdunkelblau stehen wie hingemalt die Gasometer und die Umlandprojekte, das magersüchtige Flachhochhaus von Coop Himmelblau und die Hollywood Megacity, die in allen Farben Kino spielt, und während wir vom Auto zum Eingang gehen, beginnt es zu regnen, und Staunen setzt ein.

Naja, nicht gleich. Denn innendrin ist nichts von der Größe und Seltsamkeit der äußeren Hülle zu spüren, man schlendert durch ein durchschnittliches Einkaufszentrum der Westwelt und findet das ein bisschen schade. Kunst hängt herum, in Form von Plastikpuppen, die in Drähte und Frischhaltefolie verpackt kopfüber vor bunten Plexiglasscheiben pendeln, und der Sufi meint gleich ganz subversiv, dass der Künstler damit ausdrücken wollte, wie er es sich vorstellt, hier wohnen zu müssen.

Dann aber, durch den spiegelnden Gang der Frischsaftbar auf die andere, die Kinoseite, und während in den Deckengläsern kopfüber coole Menschen spazieren, die am Boden längst nicht so einen abgeklärten Eindruck machen, regt sich in mir erstmals wirkliches Interesse. Das Kino selbst: Ein gewöhnliches Megaplexx. Mit einer interessanten, rot beleuchteten auf-und ab- Rampe, über die man (angeblich, wir haben es nicht verfolgt) zurück in die triviale Außenwelt gelangt. Davor, auf der gasometerabgewandten Seite, eine Terrasse, die über das ganz normale Simmering schaut, Industrie und alte Neubausiedlungen und G’stättn*. Und das gefällt mir. Ich mag die Vorstadt, die dunkle Seite der Stadt. Aber das habe ich ja irgendwann schon einmal näher ausgeführt.

Auf dem Weg zurück in die vier runden ehemaligen Gasbehälter rechts eine unscheinbare Tür, die ich nie gefunden hätte, wenn nicht jemand sie direkt vor mir aufgemacht hätte. Neugierig schlendern wir hinaus und finden uns auf einer metallenen Balustrade vor einem der unwirklichsten Anblicke wieder, die mir in diesem Leben zuteil geworden sind. Links, gestaffelt, die runden fachwerkartigen Ziegelhüllen der ausgebauten Gasometer, direkt vor uns der eine mit dem angelehnten Haus mit dem Knick. Rechts die in allen Farben ausgeleuchtete Glasfassade der schönen neuen Kinowelt. Dazwischen, darunter, Straße, verlassen.

Warum, eigentlich, habe ich die Kamera nicht mit? Wir stehen und schauen und plaudern mit anderen, die auch stehen und schauen. Es ist gestern und es ist heute und es ist morgen, es ist die Bladerunner-Kulisse vor der Katastrophe, es ist ein Realität gewordene 3D-Ego-Shooter-Level, es ist in seiner Irrealität einfach schwer zu überbieten.

Und so trage wir unser Staunen vor uns her, machen noch ein paar Fotots, analog leider, daher habe ich hier nichts vorzuzeigen, trinken einen Grappa und begeben uns dann nach Hause, wo ich jetzt sitze, immer noch erstaunt und verwirrt, aber glücklich, wieder in meine gewohnte Sphäre eingetaucht zu sein.

*Gstättn: wienerisch für ein Stück Brachland, das inmitten einer urbanisierten Umgebung übriggeblieben ist.

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