Fremde Welten (Journal #68)

Nachmittags führte mich ein beruflicher Event ins mir ansonsten eher unbekannte Ottakring. Diese Geschichte wird demnächst anderswo zu lesen sein, aber einen Besuch beim Klaghofer kann ich wirklich allen Fleischliebhabern nur empfehlen, auch dann, wenn dort gerade keine Grillparty ist.

Mit Fotos und Informationen im Kasten und allerlei Köstlichkeiten im Bauch beschloss ich, doch noch etwas für meine Fitness zu tun und den Heimweg zu Fuss anzutreten. Der Abend war lau und das Licht pastellig, es war einfach zu schön für Straßenbahnen mit getönten Scheiben.

Ohne Onkel Google nach dem Weg zu fragen, ging ich nach Gefühl in Richtung Innenstadt und fand erst einmal die Gablenzgasse. Die war zwar sehr breit und für einen Samstag unangenehm dicht befahren, erweiterte aber meine Landkarte Wiener Sportvereine um einen, von dem ich noch nie etwas gehört hatte.

Eigentlich hätte ich, also gefühlsmäßig, ein Stückerl nach rechts gehört, aber da rechts keine Straße abging, ging ich halt nach links. Dort wartete die Herbststraße als klassische Vorstadtgasse, schmäler und ruhig, also warum nicht?

Eine wenig bekleidete Dame wartete über dem Eingang der Mode- und Bekleidungsschule wohl auf steile Klamotten, aber das tat sie am Samstag wahrscheinlich vergeblich. Die Kuh am Parkplatz dagegen war bereits einwandfrei gestyled.

Von da an wurde die Herbststraße weniger bunt und sehr gerade. Sonnenuntergangslicht, leichter Wind und der Duft nach Gegrilltem weckten dieses unwiderstehlich glückliche Urlaubsfeeling, obwohl sich links und rechts von mir die Gemeindebauten grau in grau  aneinander reihten – und sonst so ziemlich nichts. Ich war dennoch  irgendwie zufrieden. Aus einem Innenhof trug man Lautsprecher und Instrumente, während an der Ecke ein hagerer Typ mit langen Haaren seine Djembe streichelte, als wäre das Konzert einfach nicht lang genug gewesen. Vor dem nächsten Gemeindebau ein Denkmal, das ich gern fotografiert hätte, aber das hätte wohl zu Kommunikation mit der wie gemalt hin drapierten Gruppe Jugend geführt, die dort mit Bierdosen lagerte, und kommuniziert hatte ich für diesen Tag wahrlich schon genug. Auf der anderen Straßenseite hatte sich eine Schulklasse mit van Gogh beschäftigt und dabei, möglicherweise irrtümlich, Warhol-Anklänge geschaffen.

An der nächsten Gemeindebau-Kellerstiege saß, mit baumelnden Beinen, ein Mädchen, vielleicht 16, vielleicht 18, ein Bier rechts von sich, eine Flasche Wasser links von sich, ein Buch in der Hand. Unsere Blicke trafen sich, und ich war schlagartig sicher, dass sie dort auf jemand wartete, von dem sie schon wusste, dass er (oder sie?) nicht kommen würde. Ich hätte mich ja dazugesetzt, um die Geschichte zu hören, aber die Füße waren schon wieder schneller.

Der Abend, die fremde Gegend und die heute tatsächlich wieder zärtliche Gleichgültigkeit der Welt erlauben es, auch Dinge wieder neu wahrzunehmen, an denen man (ich) sonst eher achtlos vorübergeht.

Etliche Schritte weiter werden die Häuser anders. Männer, Frauen und Engerln bewachen und stützen die mehr oder weniger abgeblätterten Fassaden.

Die Gegend ist übrigens auch voller ausgesprochen trauriger Pinguine.

Während ich darüber nachdenke, dass es hier ja nur bergab geht, und ich daher keine Stockwerke auf meinem Schrittezähler verzeichnen werde können, kommen aus einem Haus zwei kopftuchtragende Mädels und diskutieren darüber, ob der Amir aus der Klasse über ihnen jetzt auf die eine oder doch eher auf die andere steht. Wir gehen in die gleiche Richtung, sie ein paar Schritte hinter mir, daher kriege ich eine ausführliche Liste aller Anzeichen, von heruntergefallenen und wieder aufgehobenen Bleistiften bis zum Pfiff von der Ecke, der, wie sich die beiden einig sind, zwar ein bisschen unanständig aber doch sehr eindeutig gewesen ist. Als ich stehen bleibe, um ein architektonisches Detail zu fotografieren, das mir irgendwie nicht wirklich in die Gegend passt, überholen sie mich erst, kommen dann aber ein paar Schritte zurück und schauen, was ich denn da fotografiere. „Siehst du das?“ sagt die eine, „ich wohne hier schon immer, aber das habe ich noch nie gesehen!“

 

Bitte, gern geschehen. Der Blick geht halt leichter nach oben, wenn man niemanden zum Plaudern hat, aber ob nun das eine oder andere angenehmer ist, darüber ließe sich streiten.

Weiter bergab wird es wieder lauter, die Lokale, die oben gefehlt haben, häufen sich hier, als wären sie den Berg hinunter gerutscht. Aus allen Ecken tönt Jugopop, aus den Fenstern quillt kalter Zigarettenrauch, aber nicht unangenehm, eher wie ein Gruß aus der Jugend. Am Gürtel schließlich ein erfrischender subversiver Ton.

Am Mausi-Tempel stauen sich Samstagsausflügler, und plötzlich und völlig unerwartet habe ich Lust, ins Kino zu gehen. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal im Kino war, aber man kann ja einmal einen Blick aufs Programm werfen? Drinnen lenkt mich die laute, bunte Spielhalle ab, sodass ich das Kino erst einmal gar nicht sehe. Natürlich sind die Bildschirme mehr und größer und schärfer geworden, dennoch erinnert mich das gut besuchte Eck an Flipper- und Tischfussball-Hallen meiner Jugend. Ich fahre drei Stockwerke nach oben, an Kulinarik aus aller Welt vorbei. Beim Japaner sitzen die Liebespaare, beim Vietnamesen und beim Burger-King die Familien, die Bar dagegen bleibt leer. Den Schildern nach finde ich schließlich das Kino wieder ganz unten. Von keinem der Filme auf der Tafel habe ich bislang irgendwas gehört, und irgendwie klingen die Titel nicht sehenswert, auch wenn der Popcornduft verlockend bleibt.

Ich gehe wieder. Beim Queren des Gürtels meint mein Knie, dass es jetzt vielleicht langsam doch genug wäre mit der Latscherei, doch weder das Gemüt noch der Rest des Körpers wollen zustimmen. Also geradeaus die Burggasse runter, dann rechts ab in die Neubau, und dann bin ich ja eigentlich eh schon daheim.

In der Burggasse noch ein deutlich sympathischeres Kino: Das Admiral. Hier hängen neben den Plakaten kurze Beschreibungen der Filme, und einen davon würde ich mir tatsächlich gern anschauen, aber – was mache ich mit den fünf Viertelstunden bis dahin? Dass ein Film tatsächlich zu einer festgelegten Zeit beginnt, erscheint mir einen Augenblick lang völlig absurd, und das macht mir plötzlich und unmittelbar bewusst, wie sehr die Vergangenheit vergangen ist. Auch die Idee, in irgendeinem Schanigarten noch irgendwas zu trinken, ist gar nicht mehr verlockend. Dabei hatte ich es mir oben im 16. doch eigentlich fest vorgenommen: Irgendwo einkehren und zuschauen, wie die Leute vorbeispazieren, damit nicht nur ich immer irgendwo vorbeispaziere. Aber ich spaziere lieber weiter. An der Mariahilferstraße noch ein Veganista-Eis, Banane und schwarzes Kokoswasser, ersteres unendlich köstlich, zweiteres kann nicht mit den begeisterten Beschreibungen mithalten, die ich darüber gehört habe.

In der Kaunitzgasse finde ich ein Sonnenuntergangswölkchen, und während ich Eis, Fotoposition und Handy ausbalanciere, glitscht mir das Gerät aus der Hand und holt sich am Asphalt einen ordentlichen Sprung am Display. Noch Stunden später wundere ich mich darüber, dass mich das kaum aufregt. Und dabei war das Wolkerl gar nicht so toll.

Frühlingsspaziergang ohne Frühling

Ein überraschend ausgefallener Vormittagstermin versetzte mich in die glückliche Lage, die Nachmittagsarbeit mittags schon erledigt zu haben. Zwar hätte ich noch reichlich nachlegen können, aber man will ja weder die ToDo-List durcheinanderbringen noch das Fitnessarmband enttäuschen. Also wagte ich mich in den etwas wärmeren, aber dennoch tristgrau-feuchten Donnerstag, im Kopf vage Ideen. Vielleicht doch mal einen neuen Kochtopf besorgen, vielleicht ein paar Fotos mit heim bringen, vielleicht einen kleinen Imbiss unterwegs, und, ach ja, seit mein Strickkörbchen durcheinandergekommen ist, wollte ich ja auch ein Nadelmass besorgen, denn momentan stricke ich Pi mal Daumen (was erstaunlich gut funktioniert).

Ich schlug erstmal den Weg zum sympathischen halbtürkischen Allesundnix-Laden ein, in dem ich letztens ganz gute Kochtöpfe gesehen hatte, kam aber zu dem Schluss, dass man etwas schweres wie einen Kochtopf doch eher am Ende des Spaziergangs kaufen sollte. Stattdessen ging ich ins Handarbeitsgeschäft gegenüber und fragte nach dem Nadelmass, das die Dame aber auch nicht vorrätig hatte. Sie empfahl mir an dessen Stelle das Werkzeug, mit dem Installateure ihre Rohre messen, aber ich vermute, dass das etwas mehr kostet als ein Karterl mit Löchern drin.

Ich spazierte die Reinprechtsdorfer bergab, dann die Schönbrunner stadteinwärts, mit Zeit genug für offene Augen. Den Lokalen wachsen, dem Wetter zum Trotz (es nieselt schon wieder), doch langsam Gastgärten. Nur vor den Blumengeschäfte sichtet man Frühlingsblumen, immerhin die schon schön bunt. Im Schaufenster eines Tätowierer-Ladens stehen Blumentöpfe mit knallgelben Primeln malerisch um einen furchterregenden Ton-Totenkopf drapiert. Ein Radfahrer fährt bei Rot über die Ampel, und ich grantle ein wienerisches „Rot gilt auch für dich!“ hinterher. Der Dame hinter mir, die meint, die Ausländer würden sich ja so und so an keine Gesetze halten, muss ich leider erklären, dass heimische Radfahrer die Verkehrsregel-Ignoranz mindestens ebenso gut beherrschen.

Fast könnte einem sowas die Laune verderben, doch da lockt schon wieder ein spannendes Schaufenster. Das Pannino e Vino, jahrelang eher unscheinbar, hat sich zu einer schinkengefüllten Spezialitätenhöhle gemausert. Da könnte man doch einen kleinen Imbiss…? Ich rufe den Herrn Sufi an, der jedoch aus dietätischen Gründen ablehnt. Eh besser, bin ich doch gerade erst bei der Hälfte der angepeilten Schrittzahl.

In einem Schaufenster begegnet mir ein Leinenkleid in einem Rot, das ganz ideal zu meiner Henna-Haarfarbe passen würde. Der Kaufvorgang bringt ein unerwartet spannendes Gespräch mit der Dame des Geschäfts, die, wie sie erzählt, trotz ihrer 80 Jahre noch mindestens einmal die Woche im Laden steht, und auch sonst sehr frisch geblieben ist. Geschichte und Politik findet sie spannend, letztere aber auch ein bisschen besorgniserregend, kürzlich hat sie sich ein iPad zugelegt und versucht ihre Altersgenossinnen zu überzeugen, was das für tolle Möglichkeiten birgt. Dass alle immer jammern, versteht sie überhaupt nicht: Die Leute wüssten ja nicht, wie es früher einmal war, und wie es anderswo ist. Uns geht es ja gut, ist sie überzeugt. Nur der Umgang der Politik mit kleinen vs den großen Geschäftsleuten gefällt ihr nicht; die kleinen würden gepiesakt, wohingegen die Konzerne ihre Schäfchen ungestört ins Trockene bringen können. Wo sie recht hat, hat sie recht!

So geht Altwerden, denke ich, als ich mein neues Kleid ins Nasse trage, denn der Regen hat etwas zugelegt. Aber auf der Margaretenstraße kann man gut von Dach zu Dach huschen, und sollte es noch schlimmer werden, kann man ja immer noch irgendwo hinein gehen. Nächster Stopp: Wollgeschäft! Nadelmass!

Allein, das Wollgeschäft existiert nicht mehr. Das Schaufenster ist leer, und an der Tür nur ein lapidares „geschlossen“. Das habe ich nun davon, denke ich, dass ich eher in andere Bezirke in besser sortierte Läden oder gar ins böse Internet gegangen bin, um Wolle zu kaufen. Wenn man dann doch einmal etwas aus der Nähe braucht…

Kurz überlege ich, zum Trost bei Veganista einzufallen und vielleicht das neue Dattel-Eis zu probieren, aber meine Finger sind kalt, und mein Hunger will gerade eher salzig. Ins POS vielleicht? Oder ins Blue orange? Doch an der Querstraße lockt optisch der Naschmarkt, und ja: Da war ich doch seit dem Herbst nicht mehr! Zwar ist es schwer, am bestsortierten Buchgeschäft des Grätzels vorbeizugehen (wer weiß, wie lange es das noch gibt, wenn ich auch heute wieder kein Buch kaufe), aber der Stapel der noch Ungelesenen Käufe neben meinem Bett spricht eine deutliche Sprache.

An verlockenden Ideen vorbei erreiche ich den Markt.

Der Naschmarkt, mit allen seinen Düften, mit vertrauten und exotischen Genüssen, ist trotz der immer noch unpassenden Souvenirgeschäfte immer wieder eine Augen- und Nasenfreude. Mir scheint gar, dass die Touristenfallen gegenüber der Zeit kurz nach dem Umbau etwas zurückgegangen sind. Erstaunlich sind ja die immer wieder neu erfundenen, bis dahin unbekannten Spezialitäten, die eines Tages auftauchen, sich über den Markt verbreiten und dann meistens langsam wieder verschwinden. Voriges Jahr (oder vielleicht schon vorvoriges?) war es die Wandererschnitte, Früchte und Sesam und Kakao in gepresster Form. Sie hat die Saison überstanden und ist auch in diesem Jahr noch überall präsent. Neu hingegen, und immerhin schon an drei Ständen gesichtet, scheint mir heuer der strahlend blaue Lavendelkäse. Obwohl mir das Heidelbeer-Lavendeleis letztens ganz ausgezeichnet gemundet hat, will ich mir den Lavendel in Kombination mit Käse geschmacklich nicht vorstellen, aber vielleicht tue ich der Innovation ja Unrecht.

Ich wechsle aus dem Markt- in den Kulinarik-Gang, wo unter den Markisen die Heizschwammerln ihr Bestes geben.  Man könnt ja vielleicht ein koreanisches Supperl, oder ein paar Sushi…? Ich bin unentschlossen und erreiche so das Marktende, wo im ehemaligen Fischgeschäft ganz neu die Rinderwahn-Burger angeboten werden. Das kann man doch ruhig einmal probieren. Ich bestelle einen Cheeseburger und ein Cola, bezahle, und erhalte einen Dongle, der piepsen wird wenn der Burger fertig ist, und einen Zettel mit dem Code für die Getränkemaschine. Ersteres finde ich pfiffig, letzteres eher überdrüber. (Wär OK, wenn das ein Refillable wär, aber wegen eines einzigen Bechers?). Anyway, bevor ich mich noch entscheiden kann, ob ich die aus Europlatten gezimmerten Gastgartenmöbel cool finde oder nicht, piepst schon mein Dongle.

Der Burger ist ein durchaus feiner. Das Verhältnis zwischen Brötchen, Salatgarnitur, Sauce und Fleisch ist mengenmäßig perfekt. Das Brot leicht angetoastet (großer Pluspunkt), die Garnitur frisch, die Sauce gerade richtig üppig. Das Fleischlaberl ist von guter Qualität, wobei es von mir aus gern etwas weniger durch und etwas gewürzter hätte sein können – aber ersteres hätte man vermutlich dazusagen, letzteres mit den frei verfügbaren Zusätzen am Serviettentisch beheben können. Kann man jedenfalls genussvoll essen, und auch das Preis-Leistungs-Verhältnis passt gut.

Während ich so recht zufrieden an meinem Burger nage, wird das Nieseln stärker. Man hätte den Burger nehmen und sich unter ein Dach zurückziehen können, aber verdammtnochmal! Wenn ich so schon zum ersten mal in diesem Jahr im Freien genieße, will ich gefälligst auch richtig im Freien genießen. Schließlich ist der erste Freiluft-Genuss des Jahres auch eine symbolische Handlung: Der Schritt aus dem beschränkten eigenen Wohnungsleben in die Draußen-Welt voll Leben und Licht. Also setze ich mir einfach meine Kapuze auf und esse etwas schneller.

Danach wieder durch den Naschmarkt zurück mäandert. Vor einem Gewürzladen liegt Henna, mit arabischen Buchstaben beschriftet, und weil ich mit der Intensität der kürzlichen Färbung nicht ganz zufrieden bin, geh ich hinein und frage, welches der Päckchen denn nun das kräftigste Rot verspricht. Der junge Mann hinter der Theke wirkt leicht überfordert. Er zeigt auf das eine Packerl und sagt: „Feuer!“, dann auf das andere: „Kupfer!“ – „Aber welches ist stärker?“ frage ich. Er seufzt und fragt dann auf arabisch einen Schatten im hinteren Teil des Ladens, der sich ächzend erhebt und nach vorne kommt. Der Mann sieht aus, als hätte er nicht erst die Kreuzzüge, sondern schon den Bau der Arche höchstpersönlich miterlebt, aber er nimmt ein Päckchen in jede Hand und erklärt mir dann, ausführlich und nachvollziehbar, in stark akzentuiertem aber ansonsten einwandfreiem Deutsch, die Lage. Die Feuer-Packung ist zwar eigentlich die stärkste, wirkt aber nur richtig auf hellem Haar. Die Kupfer-Packung dagegen ist für meine Haare (er schaut prüfend) vermutlich die bessere, außer (er schaut wieder prüfend) ich möchte Grau überdecken (ein dritter prüfender Blick), aber danach sähe es ja nicht aus. Ich bedanke mich für die gute Beratung und greife zu Kupfer. Er mahnt mich noch zur Vorsicht. Länger als zwei Stunden, und es würde richtig gefährlich rot. Genau das ist der Plan, entgegne ich, und er grinst und zeigt mir den Daumen hoch, bevor er wieder im Schatten verschwindet. Ich werds dann demnächst mal mit drei Stunden probieren.

Ein Stückchen Naschmarkt habe ich noch, und ich bin schon wieder ganz zu Hause in den bunten Gerüchen. Vor mir jetzt ein sichtlich genierter Wiener mit einem sichtlich illuminiertem Gast, der mit slawischem Akzent alle paar Schritte „Wodka! Wir brauchen Wodka“ verlangt. Ich gehe langsamer, um nichts zu verpassen. Der ganze Naschmarkt, Standler wie Besucher, deutlich amüsiert. Man zeigt sich durchaus hilfreich. Glühwein gäbe es, Bier gäbe es, Raki gäbe es. Aber halt keinen Wodka. Nicht einmal der Dr. Falafel, bei dem im letzten Jahr immer ein paar Flaschen Spezial-Wodka auf der Theke standen, kann helfen. Am Ende der Standln, wo das Mädchen mit den Nüssen dem Mann eine Gratiskostprobe anbietet, klingt er sehr resigniert und fast ein bisschen weinerlich. „Ich will doch nur Wodka!“ wiederholt er ein letztes Mal, und nimmt doch eine Handvoll Nüsse. Vielleicht als Trost.

Für mich wird es Zeit, links abzubiegen. Als ich durch die Gassen und Gässchen Richtung Heimat strebe, wird das Nieseln zum Regen, und der sogar kurzfristig zu einem Guss. Schirmlos kann ich nur versuchen, mich zwischen den Tropfen durchzuschummeln, was nicht ganz gelingt, und so erkenne ich schnell, dass „nicht kalt“ noch lange nicht warm bedeutet. Also statt angedachten Freundschaftsbesuchs nach Hause geeilt. das Fitnessarmband ist längst befriedigt, selbst bin ich satt und zufrieden und freue mich auf ein Wetter, das mir erlaubt, mein neues Kleid in die Welt zu tragen. Der Kochtopf, ach. Der hat noch Zeit.

Ich mag diese Stadt. Sagte ich das schon?

Windzerzauster Sonntagsausflug (mit Weißwurst)

In der Marktwirtschaft lockte ein Weißwurstevent von Blunzn-Weltmeister Franz Dormayer. Nun ist Weißwurst zwar ein gutes Stichwort, um mich aus dem Bett zu bringen, aber ob das so ganz gereicht hätte, in aller Herrgottsfrüh um neun, kann ich nicht sagen, daher ersuchte ich den diplomierten Genuss-Specht Herrn Sufi um Begleitung. Die er auch zusicherte und trotz widriger Wetterverhältnisse einhielt.

Ein paar Busstationen weiter warteten drei verschiedene Varianten Weißwurst, von denen an anderer Stelle noch die Rede sein wird.Dazu gab es völlig unentgeltlich historische und kulinarische Expertisen vom Meister selbst.

Von dort zu Fuss zur Messe für alternative Ferienziele im alten AKH. Unterwegs interessante Tiergeschichten.

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Das spannendste auf der Messe waren die Fotoausstellungen, aber fremde Fotografien fotografiert man ja nicht. Dann wieder zu Fuss Richtung Nachhause. Mit Kaffeepause im Cafe Kandinsky, mit interessanten Ausstellungs-Bildern und köstlichem Kaffee, und viel zu entspannter Atmosphäre, um mit einer Kamera herumzufuchteln. Dafür auf dem Heimweg vertraute und neue Stadtbildgestaltung.

 

…näher…

Rest des Sonntags: NIckerchen, dann arbeitsam.

 

Kalter Fuss

Heute wollte ich wieder einmal in Sachen Restemuseum auf den Naschmarkt schauen. Ich dachte an eine kleine Food-Runde (Falafel ftw), dann an einen Kaffee in Sichtweite des Flohmarkts, um die richtige Zeit des allgemeinen Aufbruchs der Standler zu erspähen, und dann eben an die übliche ausgedehnte Reste-Foto-Runde.

Bereits auf dem Hinweg begann allerdings mein rechter Fuss trotz warmer Socke und Winterschuhen zu frieren. Ich dachte mir nichts dabei und ging etwas schneller, um die Zirkulation in Gang zu bringen. Der Naschmarkt war kalt und nass, und ich verlor ein bisschen die Lust – wenn man sich feuchtigkeitsbedingt nicht hinknien kann, um den besten Winkel zu erwischen, macht das Reste-Fotografieren auch nicht so viel Spass. Ein Cappuccino würde mich aufmuntern, dachte ich mir, aber die Lokale waren entweder überfüllt, punschduftverseucht, oder sie hatten keinen Cappuccino.

Trotz grauen Tags waren die Obst- und Gemüsestände gut ausgeleuchtet. Mit warmgelbem Licht, das selbst unter jännergrauem Himmel ein sanftes Sonnengefühl verbreitete. Ob das nun Absicht ist oder Zufall, verkaufsfördernd dürfte es allemal wirken.

Mein rechter Fuss, und nur der, fror unterdessen immer mehr. Ich begann mir Sorgen zu machen, Hypochonder kann ich mittlerweile ziemlich gut. Unkonzentriert fing ich ein paar Reste fürs Museum fotografisch ein (demnächst dort drüben) und beschloss dann den geordneten Rückzug. Da kam mir noch dieser Anblick unter, der irgendwie, so schien mir zumindest, das ganze Wesen des Naschmarkts in ein einziges simples Bild bringt.

Zu Hause dann die Erkenntnis: Wenn nur ein Fuss friert, such nach dem Loch! Was immer ich mir da eingetreten habe – es lässt Nässe und Kälte herein, und auch wenn ich ein bisschen dankbar bin, dass der Störenfried es nicht bis in meine Fusssohle geschafft hat, hätte ich meine einzigen warmen Winterschuhe doch lieber lochfrei behalten.

Montagsspaziergang ohne Beute

Nachdem tagsüber wieder der Regen aus allen Wolken gefallen war, klarte es nachmittags sonnig auf. Ich hatte beruflich im 14. zu tun und beschloss danach, den Arbeitstag schon um halb fünf einen gewesenen sein zu lassen und zu Fuß nach Hause zu gehen. Man weiß ja nie, wie oft man die Sonne noch zu Gesicht bekommt vor diesem Winter, schon gar bei T-Shirt-Temperaturen. Wobei diese natürlich relativ sind; in der Stadt war heute von Spaghettiträger-Strandkleid bis hin zur Daunenjacke alles zu sehen.

Einen verlockenden Abstecher ins technische Museum versagte ich mir, ich wollte ja draußen sein und nicht drin.  Johnstraße und Linzer Straße glänzten mit gewohnt dichtem Verkehr, da half auch die lilaweiße Deko des Stadtgartenamts kaum.


Ein paar Schritte weiter riefen die Früchte ehemaliger Rosen ganz deutlich “Herbst!”.

Dann hatte ich die äußere Mariahilferstraße erreicht. Auf diesem Stückchen Straße trotz all seiner Beliebigkeit schon seit jeher das Gefühl, als müsste das Meer gleich um die Ecke liegen. Ich kann es beinah riechen! (Und dabei hat der Fischhändler schon vor Jahren zugesperrt!)

Es folgt eine stadtbildtechnisch leicht abgefuckte Atmosphäre, in der die Cafes gerne “Istanbul” heißen, obwohl die Sprachen ringsum eher slawisch klingen. Atmosphärisch recht entspannt, trotz der vorbeipreschenden Autos. Einige Ecken träumen nostalgisch von besseren Zeiten.


Richtung Westbahnhof zu wird es hektischer, lauter. 1-Euro-Shops und Friseurläden sieht man kaum mehr, hier herrschen Hostels und Internetcafes. Reisende mit Rollkoffern und Landkarten, ja, sogar noch ab und zu papierenen. Ich eile unter dem Bahnhof durch und erreiche die innere Mariahilferstraße, deren Fußgängerzone langsam Gestalt annimmt, wenn auch derweil noch baustellig. Und, ach: Dort wo einst mein Lieblingscappuccino in Bahnhofsnähe lockte, verhüllt sich heute eine Baustelle mit Riesenwerbung für schlechtes Bier.

An dieser Stelle einen großen Fehler begangen: Ich dachte, ich könnte ja den netten Frühabend in der Einkaufsstraße nützen, um nach dringend benötigten Herbst-Oberteilen zu stöbern. So lange nicht einkaufen gewesen, dass ich glatt vergessen hatte, wie ungern ich das mache. Aber die Unlust kam prompt zurück, je mehr Fetzen ich sehe, umso weniger will ich welche haben. Drei Kaufhausrunden später war ich mies gelaunt, hatte nichts entdeckt, was sich zu kaufen gelohnt hätte, und ging den Rest des Wegs nur mehr deshalb zu Fuß, weil ich es mir nun einmal vorgenommen hatte.

Ich will endlich meinen persönlichen Einkaufs-Assistenten im Internet, der mich automatisch mit passender Kleidung versorgt. Und fortan in Ruhe spazierengehen.