Schlagwortbachmannpreis 2018

Zufrieden mit den (meisten) Texten, unzufrieden mit der Jury, eh alles wie immer. Schön wars mit euch, ich freu mich schon aufs nächste Jahr! #tddl

Mexiko, Gagausien, Feuer und Wasser (Bachmannpreis 2018 #5)

Jakob Nolte eröffnet den Samstag mit „Tagebuch einer jungen Frau, die am Fall beteiligt war„. Das Tagebuch geht nach innen, und der Fall bleibt aus. Die Sprache ist literatur-referentiell („Beschreibungen des Sternenhimmels sind schwer“), es langweilt mich. Die Jury taucht ins 19. Jahrhundert. Winkels wittert Dekonstruktion und ein „romantisches Großereignis“, was immerhin ein Ansatz wäre. Kastberger hat sich im Gegensatz zu mir keine Minute gelangweilt. Überhaupt redet die Jury den Text groß. Mir bleibt nur der Schluss, als die Hauptfigur sich selbst erzählen muss, „ein einzigartiges Erlebnis“. Die Jury begeistert sich für die Langeweile, aber langweilig bin ich selber, dafür brauche ich keine Literatur.

Ich wünsche mir auf Twitter etwas Experimentelles und bekomme es immerhin ansatzweise. „DESTINATION:AUSTRIA“ von Stefan Groetzner spielt mit Klischees, Weltbild und Politik. Die Bachmannpreis-Parallele hat sich mir nicht aufgedrängt, ich sah eher einen bekifften Blick auf die vielen Weinprinzessinnen. Für das österreichisch-slawische Kaleidoskop verzeihe ich sogar gerne ein paar (nicht viele) papierene Redewendungen. Mir hat der Text gut gefallen, viele kleine Details, Brabantbuntbarsche und Powidltatschkerln. Twitter und später auch die Jury stößt sich an der Oberflächlichkeit und übersehen dabei die meines Erachtens durchaus vorhandene Tiefe. Man bräuchte einen ganzen Tag, um alle Details zu würdigen, insofern ein Klagenfurttext, aber etwas gestrafft durchaus auch für eine Kabarettbühne geeignet. Kastberger zeigt sich geradezu persönlich beleidigt.

Der Rest der Jury verteidigt auch eher halbherzig. Aber wohl Kandidat für den Publikumspreis.

Zu „und ich brenne“ von Özlem Özgül Dündar könnte man stundenlang diskutieren. Großes Thema. Ich fand die Umsetzung nicht so gut gelungen, Twitter und der Großteil der Jury sind anderer Meinung. „Mütterknäuel“.

Lennart Loß läßt in „Der Himmel über A9“ einen Zahntechniker und ehemaligen RAF-Bombenbauer mit einer Kugel im Bein mit dem Flugzeug abstürzen. Wie die Überlebenden da so im Wasser treiben, erinnert mich an meinen unvollendeten Roman. Das tut zwar nichts zur Klagenfurter Sache, würde mich aber durchaus für den Text einnehmen, würde der nicht so viele unwahrscheinliche Zufälle zusammenbringen, dass man gar keine Lust mehr hat. Auf gut kärntnerisch: Lei losn. Die Jury sieht das ähnlich, vor allem Kastberger, was mich wieder mit ihm versöhnt. Keller sieht die vielen Unwahrscheinlichkeiten als Zusammenströmen von Magnetlinien, auch eine Möglichkeit. Jemand hat sogar einen 68er-Text darin gelesen. Naja.

Punktgenau zum tödlichen Sturm im letzten Text kommt hier übrigens stärkerer Wind auf. Ich würd jetzt gerne baden gehn, muss aber stattdessen arbeiten.

Vatergeschichten und Obdachlosigkeit (Bachmannpreis 2018 #4)

Es ist gleichzeitig gut und schlecht, wenn man nicht live und mit Twitter Bachmannpreis schaut. Man hat einerseits mehr Zeit, sich auf einen Text einzulassen, andererseits fehlt die Verortung durch die anderen Meinungen. Ich habe ja schon lange vor Twitter ganz alleine jedes Jahr zugehört, und als ich an diesem Freitag Abend heim komme, freue ich mich schon auf die Nachmittagstexte.

Bov Bjerg war (ist) ja quasi der große Internet-Favorit des Jahres, mit entsprechender Erwartung näherte ich mich den „Serpentinen„, musste aber dann enttäuscht in die nächtliche Leere twittern.

Die Jury widmete sich mehr dem nicht ausgeführten Mysterium, ob Vater und Sohn nun auf der Flucht sind oder doch eher im Urlaub. Aber, es bleibt ein Vater, der nicht wirklich etwas mit seinem Sohn anfangen kann, der aber das „männliche“ Bedürfnis hat, die Vaterlinie zu erforschen und auch ein bisschen weiterzugeben, ohne die Suizid-Komponente natürlich. Dabei tut er „männliche“ Dinge wie Autofahren und Bier trinken und sich wundern, dass die Frau mit dem Hotel (?) nicht zu Hause picken geblieben ist. Das hätte sich so leicht und so gut aufbrechen lassen, aber… naja, ich kritisere ja immer die Jury, wenn sie sagt, was sie lieber gelesen hätte, daher lass ich das jetzt.

Besser gefiel mir Anselm Neft mit „Mach’s wie Miltos„. Dem Versuch, sich in die Innenwelt eines Obdachlosen zu begeben, mit der schwebenden Frage, wer oder was denn nun real ist – dem folgte ich gern, eine Geschichte, gut vorgetragen, und den Vorwurf der Jury, es sei emotionelle Erpressung, kann ich gar nicht folgen, die Story bleibt mir durchaus trocken und distanziert, obwohl von innen betrachtet.

Sex, Panik und Froschgeschichten (Bachmannpreis 2018 #3)

Den Anfang vom Freitag leider wegen wichtiger Telefonate verpasst. Der erste Satz, den ich von Corinna T. Sievers‘ „Der Nächste, bitte“ höre, enthält schon das Wort Koitus. Es liegt durchaus etwas Faszinierendes in der Geschichte der sexsüchtigen Kleinstadtzahnärztin, die trotz aller Ausschweifungen bieder bis ins Mark bleibt, während sie sich ihre Existenzgrundlage nach und nach vom Leib vögelt. Die Autorin hätte aber wohl diesen Widerspruch noch ein bisschen zuspitzen müssen, denn bei der Jury kam er nicht an. Die diskutierte stattdessen über literarische Vorlagen und hatte nicht einmal genug Verstand, Übergriffigkeiten mit Blick aufs wirkliche Leben  bleiben zu lassen. Danach störte mich sogar die Feststellung „mit männlicher Kraft erzählt“ von Nora Gomringer. Wenn meine innere Feministin einmal wach ist, ist sie wach.

Ally Klein wagte mit Carter einen Ausflug ins Unterbewusstsein. Der Anfang verwirrend, jemand stolpert, mehr oder weniger betrunken, durch die Nacht. Dann wird klar, dass wir mit diesem Text mitten in einer Panikattacke stecken, sprachstark und entsprechend vorgetragen. Wie sich die Welt auflöst, wie sich der Blick nach innen richtet, wie sich die Hauptfigur die Welt mühsam wieder zusammensetzt. Wie sogar die hilfsbereiten Hände zum Feind werden. Schon auf Twitter wurde klar, dass dieser innere Ausnahmezustand nicht bei jedem ankam, und in der Jury kam er gar nicht an. Diskutiert wurde stattdessen darüber, wer Carter sein mochte, und man nannte den Text eine Kosmogonie, oder schlimmer noch, einen Adolesszenztext. Ob dieses Zersplittern der Welt und des Ichs wirklich nur erkennen kann, wer es kennt?

Als Tanja Maljartschuk „Frösche im Meer“ liest, muss ich los zu einem Termin. Vielleicht liegt es ja an meiner inneren Hektik und am Unterwegs-Hören, dass ich den Text trotz feiner kleiner Bilder und Wendungen todlangweilig finde, aber der Eindruck ist so nachhaltig, dass ich ihn auch später nicht noch einmal ansehen will. Die Diskussion beginnt mit Gomringer, die meint, das Publikum würde jetzt denken „endlich Literatur!“. Unterstellung! Oder spricht sie von sich selbst? Mehr kriege ich dann aber nicht mehr mit und hab auch gar kein Bedürfnis danach, es weiter zu hören.

Bachmannpreis 2018 (2)

Mit Anna Sterns „Warten auf Ava“ kann ich gar nix anfangen. Das liegt nicht nur an kalt und Berg, das liegt vor allem an der hölzern gestelzten Sprache. Keller verteidigt ihn mit allen Mitteln, womit ich sie endlich auch wieder nervig finden kann. Kastberger klagenfurterisch inkorrekt: „Interessiert mich einfach nicht“. Twitter diskutiert über die Bluse von Nora Gomringer.

Ich brauch mehr Kaffee.

Joshua Groß, „Flexen in Miami„. Der Text ist nicht nur bekifft, wie die Jury später meint, der ist stellenweise durchaus auf Acid. Zwischendurch möchte ich meinen Sportjoker anrufen, aber Twitter hilft auch:

(Die Sportart ist Basketball, nur so for the Record.) Es ist ein gegenwärtiger, junger Text, wie Kastberger auch feststellt, aber ob es ein text „für die Schulbücher in 100 Jahren“ ist, wie die einladende Insa Wilke meint, wage ich zu bezweifeln. Jedenfalls besser anschauen als lesen, denke ich.

Bachmannpreis 2018 (1)

Man sollte über Tomaten schreiben, dachte ich in der Pause, als ich schnell beim Spar ein Jauserl holte und über die Vielfalt an runden, ovalen, kleinen, großen, gelben und roten Tomaten blickte. Aber hat das nicht jemand schon mal? Achnein, das waren Erdbeeren.  Ich kaufte Limetten und Pfirsiche, von denen ich hoffte, dass…

Moment, ich wollte ja eigentlich über die Tage der deutschsprachigen Literatur schreiben. Die 42. übrigens. Da trifft es sich gut, dass Feridan Zaimoglu in seiner gestrigen, einleitenden Rede zur Literatur eine poetische und dennoch beinharte Antwort auf die aktuellen Fragen gab. tatsächlich fragte ich mich danach, ob es überhaupt noch Sinn hätte, weitere Autoren vorlesen zu lassen, aber alles andere wäre dann ja doch auch schade.

Der erste Tag begann – verschlafen. Ich war zu spät aufgestanden, um noch alles zu erledigen, was ich noch unbedingt erledigen wollte, bevor es um 10 wirklich losging. Und als Raphaela Edelbauer zu lesen begann, tanzten in meinem Kopf noch politische Diskussionen, Arbeitsanforderungen und andere literaturfremde Themen. „Das Loch“ schaffte es dann aber doch, mich halbwegs in den literarischen Aufnahmezustand zu versetzen. Die Verbindung von Geschichte und Ingenieurskunst zu einem hinterlandbraunen Text ließ sich durchaus anhören. Jury wie Twitteria verbissen sich in die vordergründige Metaphorik, sodass die hintergründige unerforscht blieb. (Oder vielleicht habe ich die letztere auch nur imaginiert.)

Bei Martina Clavadetschers „Schnittmuster“ denke ich eingangs „Bitte nicht“, aber der Text schafft (für mich) den Sprung aus dem Sterbezimmer und hinein in ein vielfältiges Perspektiven-Chaos, das erstaunlicherweise niemand dem Text anlastet. Die vife aber unbeholfene alte Frau, die getragenen Verwandten, die schnoddrigen Krematoriumsmitarbeiter. Die Diskussion dazu, nunja… mir scheint, die Jury diskutiert schon wieder mehr darüber, was sie lieber gelesen hätte, als über das, was sie gelesen hat. Insa Wilke nervt, aber das ist wohl ihr Job, nachdem alle anderen nervigen Juroren weg sind.

Stefan Lohse begibt sich mit „Lumumbaland“ auf gefährlichen Boden. Damit meine ich nicht die trostlose Vorstadt, sondern das Spielen mit Kolonialgeschichte, weil da Twitter erstmal darüber diskutiert, ob ein weißer aus Sicht eines Nicht-Weißen schreiben darf. Aber da er ja nur schwarz sein will, ist das dann wohl wieder in Ordnung. Ein durchaus sympathischer Kiffer-Text, aber auch nicht viel mehr (wenngleich einige da Homoerotik hineinlesen wollen, die ich so nicht finde, und selbst wenn, würde der Text davon auch nicht tiefer). Der erste Satz allerdings, der bleibt: „Hinter der Sahara hätte noch was kommen müssen“.

In der Pause pfeife ich auf vorgenommene Erledigungen und hole mir stattdessen eine Stärkung. Jetzt also ein Tonic aufgespritzt, mit etwas echter Limette. Das Getränk hätte nun sowohl geschmacklich als auch für die Qualität der literarischen Rezeption wirklich einen Schluck Gin verdient, aber da ich nach den Nachmittagslesungen wirklich, wirklich noch etwas arbeiten muss, bleibt der in der Flasche.

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