Schlagworthaare

Ich und die Friseure dieser Welt. Eine Jahrzehnte lange Leidensgeschichte.

Haar duftet Henna (unfrisiert)

Weiterlesen

Kopf friert.

Kopf_friert.

3 stunden henna starkrot

New Red

Die Rache der -öse

Gerade beim Spreeblick diesen Beitrag gelesen und mich an meine vorgestrige Verstümmelung erinnert. Dass man mich daran erinnern muss, bevor ich drüber blogge, liegt daran, dass ich zwischen dem Zähneputzen meistens nicht in den Spiegel schaue – und das Zähneputzen erfolgt morgens wie abends linsenlos und damit maulwurfsblind. Was mein Friseurbesuch mit dem von Malte Welding gemeinsam hat, ist sein Schlussatz: Als sie fertig ist, sehe ich grotesk aus und ich sage: “Vielen Dank.”.

Begonnen hat die Katastrophe damit, dass ich tagsüber so im Vorbeigehen zufällig doch einmal in einen Spiegel geschaut habe. Dieses Schauen führte zu der Erkenntnis: “Die Frontpartie könnte etwas gekürzt werden.” Da Zeit knapp ist und die Friseure sowieso am wenigsten davon haben, beschloss ich, die Sache (wieder einmal) in die eigenen Hände zu nehmen. Eine Schere war schnell gefunden, und viel wollte ich ja nicht wegschneiden. Über die folgenden 5 Minuten sei nur gesagt, dass es keine gute Idee ist, mit der linken Hand weiterzuschnipseln, während man versucht, mit der rechten das unerwartet klingelnde Telefon zu besänftigen.

Ich konferierte mit meinem Spiegelbild und beschloss: Diesen Defekt kann nur ein Fachmann beheben. Oder eine Fachfrau. Jedenfalls jemand vom Fach.

In der ganzen Umgegend gibt es allerdings nur einen Friseurladen, der ohne Wochen vorher vereinbarten Termin schnipselt. Ich setzte zwecks Tarnung mein Kommunistenkapperl auf und eilte hin.

Der Zufall wollte es, dass die diensthabende Haarkünstlerin meinen Kopf schon einmal in den Fingern hatte, mit einem recht brauchbaren Ergebnis. Sie erinnerte sich sogar daran. Behauptete sie jedenfalls. Ich erklärte trotzdem meinen Wunschschnitt, der – glaube ich – gar nicht so schwer zu verstehen ist: Es gibt einen Punkt auf meiner Stirn, der dank eines ererbten Haarwirbels jeglicher Friseurkunst widersteht. Dieser Wirbel wird auf einen Zentimeter gekürzt, sodass die Haare dort senkrecht in die Luft stehen (keck!). Von dort ausgehend wird die Frisur in alle Richtungen länger, aber halt so schön stufig geschnitten, dass ich mich weder mit Scheitel noch mit komplizierten Zuordnungen aufhalten muss, wenn ich morgens aus der Dusche komme. Die schnittfreudige Dame stimmte mir bei jedem Satz zu. Ich ließ also meine Haare schneidegerecht befeuchten, lauschte ihrer Wiederholung – in jedem Punkt korrekt – und schloss die Augen. Einerseits weil frischgeschnittene Haarspitzen sich nicht gut mit meinen Kontaktlinsen vertragen, andererseits weil es ohnehin schon ein langer Tag gewesen war.

Der erste Schnitt klang etwas beherzt für die geplante Marginalkorrektur, richtig hochfahren ließ mich allerdings ein paar Sekunden später ein eiskalter Hauch auf meiner Kopfhaut. Alles, was ich angesichts des werdenden Irokesen auf meinem Kopf hervorbrachte, war ein schwaches “Äh…” – der Scherenteufel fragte freundlich: “Stimmt was nicht?”

Nichts stimmte. Dort, wo sich eben noch 9-10cm Haar befunden hatte, das nach der Prozedur immer noch eine Länge von 6-7cm hätte aufweisen sollen, war jetzt eine Schneise mit bestenfalls zwei Zentimetern Bewuchs geschlagen. Eine Reihe von möglichen Alternativen zog an meinem inneren Auge vorbei, beginnend bei “schreiend hinauslaufen”. Das letzte Bild war eher blutig und sah die Schere tief in der nicht einmal blonden Frisöse stecken.

Dummerweise brachte mich keines der Bilder näher an meine Wunschfrisur. Der weibliche Terminator der Kopfhaut fragte betont freundlich: “Haben sie sich’s anders vorgestellt?” – Ich hatte, aber dorthin führte kein Weg zurück. Halb lang und halb geschoren herumzulaufen ist in meinem Alter keine Alternative. Ich ließ ihr nach einer kurzen Erläuterung freie Hand bei der Schadensbegrenzung.

Was soll ich sagen? Das einzige Haarbüschel, das etwas länger blieb, war das, das ich gerne kurz gehabt hätte.

Ich verlangte eine Preisreduktion, der herbeigerufene Chef meinte, ich hätte meine Wünsche halt vorher bekanntgeben müssen, ich erklärte, dass ich das getan hatte, die haarmörderische Furie war längst nach hinten verschwunden, wir diskutierten noch eine Runde, dann zahlte ich die Hälfte und schlich mit fröstelndem Kopfe von dannen, um mir zu Hause in aller Stille das eigentlich störende Büschel auch noch abzuschneiden.

Könnte das alles mit meinem Standard-Spruch zu Beginn eines Fremdfriseur-Besuchs zu tun haben, der da lautet: “Kein Balsam, keine Kurpackung, kein Fönschaum, kein Gel und kein Wachs.”? – Ich fürchte, es könnte.

Kleine Fortschritte

Mein Mittwochs-Lieblings-Termin ist unerwartet ausgefallen – stattdessen zum längst fälligen Friseurbesuch entschlossen. Zwar schaffe ich es mittlerweile, der Tante meinen Schnittwunsch so zu unterbreiten, dass sie ihn versteht und, etwas zweifelnd, auch ausführt (wenn auch leise etwas von “nicht modern” murmelnd), aber gefönt werde ich dafür wie eine 80er-Jahre-Möchtegern-Discoqueen. Die kleine Rache der Friseuse, deren Vorschläge für einen “topmodernen” Schnitt ungehört verhallten? Egal, der Schnitt stimmt, der Rest legt sich wieder.

Schnitt

Wie die Mädels bei dem jung-und-hip-Friseur die Ganztagesberieselung mit Techno und House aushalten (wobei die Lautstärke eher einem Wasserfall als einem Rieseln entspricht), ist mir ohnehin schleierhaft. Jetzt aber auch noch 2 arme Wellensittiche in einem Käfig, so brainwashed, dass sie bei kurzen Musikpausen sofort künstliche Keayboardriffs zwitschern.

Anwendungshinweise

Schon irgendwie beunruhigend, wenn in der “Vorsicht!”-Leiste des Haarfärbemittels steht:

Keineswegs die fertige Mischung in der Flasche stehen lassen; die Flasche könnte blähen oder bersten.

Äh, die Flasche!?! Ich hab das Zeug gerade in meinen Haaren! Egal wie’s ausgeht, beim nächsten Mal nehme ich wieder etwas, hm, Natürliches. (Und sollte ich nie wieder etwas von mir hören lassen, dann hat sich wohl mein Kopf gebläht und ist geborsten.)

[Update] Der Kopf ist noch dran. Aber die “violette Wildseide” ist unterm Strich auch nur ein dunkles Kastanienrot.

[Update II] Offenbar doch alles eine Frage der Lichtverhältnisse:

 Foto605

Es war mal wieder Zeit

Obwohl ich doch längst wissen sollte, dass das nicht wirklich etwas ändert. Aber irgendwie doch. Frische Hennahaare sind einfach so leicht, so seidenweich. Und rot natürlich auch.

Jetzt kennen wir uns ja schon so lange, jetzt kann ich es auch zugeben. Ich steh auf Haare. Auf fremde wie auf eigene. Obwohl ich ansonsten optisch nicht sonderlich festgelegt bin, hätte ein Glatzkopf bei mir nie eine Chance. Und auch wenn ich weiß, dass ich mit kurzen Haaren besser aussehe, muss ich sie mir immer wieder einmal wachsen lassen. Geht nichts über das streichelige Gefühl an den Schultern.

Nach so einem Geständnis könnte ich glatt rot werden. Aber bei dem Kopf fällt das ohnehin nicht mehr auf.

 

Etwas muss sich ändern

Und wenn es nur die Haare sind, die will ich jetzt nicht mehr in dem von Anfang an suspekten Blutrot, das in den letzten Tagen immer mehr zu einem grindigen ausgelutschten Zuckerlrosa verblasst ist. Henna drauf, vielleicht wird das wieder. Vielleicht werd ich wieder. Also: Das grünliche Pulver in eine Keramikschale, und dabei tief einatmen, ich liebe diesen Geruch, fremd und verheissungsvoll und trotzdem vertraut vom Anbeginn der Zeit. Und dann Wasser darüber, leicht warm, der Geruch wird stärker. Gut so. Nein danke, keinen Eidotter dazu und kein Bier, das würde nur den Duft verderben, wir nehmen es so wie es ist.

Ein bisschen stehenlassen, derweil ich im Spiegel die Grundlage betrachte. Dieses blonde, dieses kindisch rosarot gewordene Purple, was daraus bloss wird? Es kann nur besser werden.

Natürlich keine Handschuhe zu Hause, natürlich misslingt wie gewöhnlich der Versuch, mit Hilfe von Löffel und Kamm die Hände aus der Sache rauszuhalten, und da es dann ohnehin schon egal ist, verteile ich die erdige Masse mit beiden Händen in den Haaren, langsam und gründlich, nur keine Wurzelspitze auslassen, und dann noch hier ein bisschen und dort…

Und dann die Plastikfolie darüber, und warten. Dabei läßt sich gut ein Buch lesen, ein leichtes, womöglich, und die Wärme genießen, die sich auf dem Kopf ausbreitet. Nur leicht beunruhigt von den Horrorstories, die als Resultat von gebleichten Haaren im Zusammenspiel mit Henna mit Grünlich-Graue Färbung oder gar Haarausfall prophezeien. Und in Gedanken all die Badezimmer abklappern, in denen ich schon eine Spur grünen Pulvers oder bräunlicher Paste hinterlassen habe, glücklich, unglücklich, immer dann, wenn eine Änderung fällig war in meinem Leben hat sie an den Haaren begonnen. Mal sehen ob’s auch diesmal klappt.

Dann, nach einer guten Stunde, den Kopf auswickeln und ab unter die Dusche, erdig rinnt es den Abfluss hinunter und ich widerstehe der Versuchung, jetzt schon den Kopf hinauszustrecken und in den Spiegel zu schauen, erst die Haare mit Shampoo gewaschen und mit dem Handtuch vorgetrocknet, und dann …

… ein warmes Flammenmeer auf dem Kopf, in drei Schattierungen, erstaunlich strahlend und trotzdem nicht grob: Das entspricht mir, das bin endlich wieder ich, und zumindest damit bin ich

zufrieden.

Ja, genau. Ich wollte eigentlich ganz andere Dinge schreiben. Aber davor habe ich mich wieder einmal erfolgreich gedrückt.

Und: Nein, ich werde morgen nicht springen, und: nein, ich werde den genialen Will Oldham morgen nicht live sehen, weil ich nämlich ganz woanders hinfahre, wo ich mich um Dinge kümmern muss, um die mich zu kümmern mir nicht sehr liegt.

Aber dafür werde ich morgen oder übermorgen abends eine liebe alte Freundin treffen, und wir werden das eine und aller Wahrscheinlichkeit nach auch das andere Bier trinken und tratschen, bis die Wände wanken.

 

© 2018 sturmpost

Theme von Anders NorénNach oben ↑