Schlagworthauptbahnhof

Skepsis im Frühzug

Mrgn.

Bahnhofswolken

Bahnhofswolken #latergram #hauptbahnhof #wien

Allwetterspaziergang

20150208_125509Man sollte sich doch wieder einmal ein bisschen bewegen, dachte ich, warf mich in Winterschuhe, Mütze und mobile Bettdecke (aka Daunenjacke) und machte mich auf den Weg. Allzu weit wollte ich dennoch nicht, schließlich warein Schneesturm angekündigt, und etwas Sonntagsarbeit wartete auch noch auf mich.

Erst einmal im Zickzack durch den Fünften, Richtung Hauptbahnhof. Der Schnee nur teilweise geräumt, teilweise knirschte er noch unter den Schuhen. Ich brauchte ein Weilchen, bis ich mich überreden konnte, den Blick von der Straße zu heben, doch am Gürtel fiel es mir auf, das wunderbare Winterlicht.

Man könnte ja doch ein bisschen weiter…, dachte ich, denn das Licht hier einzufangen, gelang nicht, überall standen Häuser im Weg und hingen Lampen und Kabel herum.

Also nichts wie ab Richtung Süden, durch die ungewöhnlich leere Favoritenstraße. Man braucht wohl das kühle Grau schmelzenden Schnees, um die wahre Tristesse des Zehnten zu erahnen. Aschenputtel hatte hier seinen Schuh verloren, doch ein Prinz war weit und breit nicht in Sicht.

Aschenputtel?

Stattdessen Grüße aus ferner Vergangenheit und verduftete Düfte.

Gruß aus der VergangenheitDer Duft des Abschieds


Time waits for no one„, sang ich rein innerlich vor mich hin.

Zeitlos

Kühl. Das Blau am Himmel zwischen den Wolken, das Grau der Straße, die nass-staubigbraunen Häuser. Kühl. Nur ein verlorener Buchstabe brachte einen Hauch von warmem Rot in die Stadtlandschaft.

Verlorenes H

Das Licht hingegen, das wollte sich auch hier nicht so recht einfangen lassen. Die Beine protestierten ein wenig, aber ich lenkte sie dennoch nach links in die Quellenstraße und dann an der Ankerbrotfabrik vorbei hinauf in Richtung böhmischer Prater. Das gestrenge Schild, das keiner je beachtet hat, hält immer noch seine einsame Wache.

Das Schild, das nie vergeht

Verlassene Vergnügungsparks haben etwas ganz Eigenes. Eine Stimmung zwischen unhörbarer Karusselmusik und unerzählter Horror-Story.

Winterruhe

Dann, jenseits geschlossener Riesenräder und verschneiter Biergärten, fand ich es endlich, das Licht.

Kaltes Land

Mit Auto-Effekten sehen die coolen Fotos übrigens gleich viel wärmer aus. Ungefähr wie eine Postkarte aus den 50er-Jahren. Danke, Google! (seufz.)

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Es war recht still und leer da oben, nur ein paar HundespaziergängerInnen großzügig über den Schnee verteilt, und ein ernsthafter kleiner Schlittenfahrer, den die halb-apere Piste nicht störte. Ein paar Hunde kamen mich neugierig begrüßen und freuten sich freundlich über ein Nackenkraulen. Der Wind dagegen biss bösartig in Nase und Wangen. Beim Panoramisieren wollten mir die Finger abfallen.

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An dieser Stelle wäre ein Tee an einem warmen Kamin sehr nett gewesen, doch alle Lokale lagen im Winterschlaf. Ich mummelte much also tiefer in meine Jacke und marschierte weiter. Zwei Dackel hefteten sich fasziniert an meine Fersen. „Vermutlich riechen Sie nach Hund“, mutmaßte deren Frauchen. „Ich hoffe nicht“, antwortete ich, aber der Witz kam nicht an.

Den Hügel hinten hinunter und im Gewirr der Autobahnzubringer und Bahnschienen immer dem Gefühl nach, landete ich tatsächlich wieder in der beim Eingang des böhmischen Prtaers. Beinah warme Sonnenstrahlen begleiteten mich bergab. Zu bewerben gibt es hier übrigens seit Jahren nichts.

Nichts zu bewerben

 

Unten zogen dunkle Wolken auf, und mit ihnen ein Schneestürmchen. Ich ließ mich nicht beirren und wählte den Heimweg über Gudrunstraße und Landgutgasse. Dort, wo einst die spannende G’stättn war, reiht sich jetzt eine Baustelle an die nächste. Es gibt auch neue Gassen dort, wo früher das Bahngelände war. Die Alfred-Adler-Straße, die Vally-Weigl-Gasse, die Gerhard-Bronner-Straße und noch ein paar. Der Helmut-Zilk-Park entsteht gerade.

Baustellen statt G'stättn

 

Die Ex-Gstättn wirkt geschäftig

 

Näher am Bahnhof ist schon einiges fertig.

Schneesturm im Anmarsch

 

Ich hatte mir einen Cappuccino versprochen, am Hauptbahnhof, wenn ich der Verlockung widerstanden hatte, Schnee und Kälte durch die Flucht in ein öffentliches Verkehrsmittel zu entkommen, doch in den Hallen lockte nichts. Er schien trotz aller Sonntagskulinarik ein wenig dunkel verloren, dieser Hauptbahnhof, und seine Besucher mit ihm. Ich stromerte durch die weitläufig verworrenen Gänge, um Finger und Zehen für den nächsten Abschnitt aufzuwärmen, und fragte mich, wie man so ein Ding wohl beheizt. (Erdwärme ist die Antwort.)

Nach etwas mehr als zweieinhalb Stunden wieder den halbwegs warmen Heimathafen erreicht. Wie üblich vergessen, den Schrittzähler einzuschalten. Schade, ich hätte jetzt gern mit meiner Kilometerzahl geglänzt.

Hier und dort und irgendwo

Manchmal ist einfach jeder Anlass recht, um den Computer zu verlassen, der mich mittlerweile sehr viel besser kennt als meine eigene Mutter es je konnte, aber das hat natürlich seine Gründe. Aber ich frage nicht nach Anlässen noch nach Gründen, wenn der Wind weht und die Frühlingssonne scheint, ich nehme stattdessen einfach die Kamera und geh da raus. Der Moment, in dem der Wind mein Gesicht trifft und die Haare nach hinten weht, macht mich zwanzig Jahre jünger, innerlich. Dass meine Haare schon vor 20 Jahren nicht gut ausgeschaut haben, wenn der Wind sie mir aus dem Gesicht geweht hat, macht mir nicht das geringste aus. Ich hab halt keine eleganten Ausdemgesichtwehhaare, soll ich deshalb auf das zweitschönste Gefühl der Welt verzichten? Niemals.

Me & the world

Es ist dieses wunderbare Allesvollerlebengefühl, das mich den ganzen Weg zu Fuß gehen lässt. Jenseits des Gürtels ist sowieso alles anders. Die Leute reden anders, auch wenn sie deutsch reden, die Autoabgase riechen anders, die Wölkchen wolken anders. Aber wahrscheinlich liegt das alles an mir.

Gegenverkehr, schräg

Tatsächlich macht mich die Vorstadt so anders, dass ich mich wirklich in ein Gwandgschäft wage. “Kann ich helfen?” fragt der unverschämt junge Gwandverkäufer mitten in mein schwedisches Hörbuch hinein. “Ich schau nur,” aber wenn er dann schon da ist, “eigentlich such ich Sweatshirts. Aber ohne Kapuze. Und ohne Reißverschluss.” Ich bin schon lange genug herumgelaufen, um zu verstehen, dass das zurzeit ein sinnloses Unterfangen ist. “Ja, die such ich auch. Schon seit Jahren.” grinst der Hilfsbereite dunkeläugig, “also hier gibts keine.” Er klingt charmant und hat einen ganz leichten Akzent mindestens zweiter Generation, der nach Meer und nach vertrauter Fremde klingt.

Artig bedankt und wieder hinaus in den Wind und in die Sonne, die sich einen glaubwürdigen Scheinkampf liefern, der mich noch ein bisschen breiter grinsen lässt. Wo doch überall schon die Blüten blühen und die Knospen sprießen, was bildet er sich eigentlich ein, der Herr Winter? Im Straßencafe sitzen schon die Verliebten, aus den rosa-grünen Bäumen tönt Gezwitscher. Das Künstlerpärchen, das sofort und ohne jeden Zweifel das Bild des Tages wäre, fotografiere ich nicht. Halte die Kamera stattdessen nach oben, auf die Blüten. Es ist, als könnte das Abbilden meiner Wirklichkeit ihre Wahrhaftigkeit zerstören. Das will ich nicht auf meine Kappe nehmen, wirklich nicht.

Blüten

Ein mit Jean und Kapuzenshirt beinah originaler 80er-Jahre Dylan rennt mich fast um, als ich mit der Linse in den Himmel ziele. “Was fotografierst du?” fragt er, als fest steht, dass keiner von uns umfallen wird. Ich weise in großer Geste auf die Straße und den Himmel und alles andere und frage, ob ich sein Bild auch mitnehmen darf. “Nein, heute nicht.” Er wiederholt halb spöttisch die Geste meiner Weltumarmung, tritt einen Schritt näher und murmelt vertraulich “Ich bin gar nicht da”, bevor er im Getümmel verschwindet. Schade, irgendwie. Ich hätte gern gewusst, ob er zu Hause eine Gitarre hat.

Der neue Bahnhof wird

Auf dem Heimweg den neuen Bahnhof mitgenommen, der heute noch aussieht, als hätte ihn ein schlecht austariertes Raumschiff verloren, der aber vermutlich in ein paar Jahren zu unserer Stadtwirklichkeit gehören wird, als wäre er immer da gewesen.

Im Grunde wünscht’ ich, es könnte immer Frühling sein. Und nur ab und zu und für ein paar Tage Sommer werden. Aber man wünscht sich ja so vieles, wenn die Tage langsam länger werden, und dann irgendwann hält man es doch jedesmal wieder aus, wenn sie kürzer werden.

Schweißfüße und an Bam am Schädl

Immerhin hab ich weder Schweißfüß noch ein bam am SCHÄDL, und das ist ja wohl irgendwie auch was wert. Obwohl mir nicht ganz klar ist, was.

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