Schlagwortherbst

Na gut dann

Dann zieh ich mir halt wieder den Pullover an. Und Socken noch dazu. Und nach dem Duschen ist jetzt wieder Fön angesagt. Fön? Ja wo ist er denn? Naja, dann halt ein Tuch stattdessen.

Dass es am Samstag beim Sufi-Fest (Bilder folgen) unbedingt regnen musste, war klar. Dass die Temperaturen dabei recht übergangslos um 20 Grad gefallen sind, habe ich auch noch nicht persönlich genommen. Aber dass es jetzt tagelang so bleibt? Dazu im wilden Westen der Erste Schnee.

Jedesmal im Herbst, wenn ich zum ersten Mal friere, muss ich an meine alte Schulkollegin A. denken, die damals gemeint hat, ihr Ziel wäre es, irgendwohin zu ziehen, wo das Wetter immer gleich ist – dort würde man nämlich nicht merken, wie man altert. Ein Satz, den ich heute viel besser verstehe als damals: Denn die Sommer sind immer noch gleich schön, die Winter aber werden mir immer schlimmer.

Das Fest übrigens, das war trotz Freiluft-Wetterwidrigkeiten ein voller Erfolg, das fand nicht nur der vergoldete Sufi und unser auf die nasse Wiese beorderter Freundeskreis, dass fanden auch die ebenfalls eingeladenen 20-jährigen Fallschirmspringer – und das will schon was heißen.

Dass die nächtliche Dunkelheit bis weit in den nächsten Tag anhielt, war nicht nur meteorologisch bedingt. Der Sufi bekam außer hübschen Gaben auch noch ein neues Wort geschenkt: nämlich das “Reparaturseidl” – von dem er, um es sich für die Zukunft besser zu merken, gleich mehrere konsumierte. Trotzdem fand die geborgte Infrastruktur ihren Weg zurück zu den Verborgern, und das Partyzelt war deutlich schneller ab- als aufgebaut.

Im übrigen wäre noch anzumerken, dass ich es überhaupt nicht schätze, jetzt Halskratzen zu kriegen (wo ich doch am Donnerstag singen soll). Und damit Ruhe, derweil ich versuche, mich langsam an die Kälte zu gewöhnen.

Sunday Morning coming down

Solche Bilder macht man nicht, belehrt mich die Fotografin in mir, viel zu dunstig, zu wenig Kontrast, will keiner sehen. Warum nicht, wehre ich mich, genauso war doch dieser Tag, grau und feucht und wenig ansprechend, das darf man doch auch abbilden, wenn es schon genau so war?

Nein, spricht der Bildmensch in mir, auch wenn es so war: das behält man für sich. Herzeigen tut man das nicht, herzeigen tut man so etwas:

Bitte, der Himmel könnte noch besser sein, 5 Minuten Photoshop, aber das willst du ja wieder nicht, mit deinem dämlichen Authentizitätsfimmel.

Genau, sage ich, Authentizität, das bunte Bild da kannst du schmeißen. War zwar genau so, erweckt aber einen völlig falschen Eindruck. So als könnte man sich gemütlich vor die Bäume setzen und die schönen Farben betrachten. Kann man aber nicht, weil einem dabei der Arsch abfriert. Pfeif auf die Ästhetik, was hat man denn davon, wenn es viel zu kalt ist, um sie zu genießen.

Ach, große Worte, strahlt die Kamerahalterin. Schließlich haben wir in schönstem Einverständnis das da fotografiert.

Und das schaut gut aus, obwohl uns beiden das Business dahinter am Arsch vorbeigeht. Nein, wehre ich mich, das ist doch eine tolle Aussage in dem Bild, Kunststadt Wien als Massenware, das hat eine Aussage, eine Bedeutung.

An so etwas denkt doch keiner, schnappt das Auge zurück. Verfroren, verloren. Authentisch abgezockt. Können wir uns jetzt auf etwas Warmes einigen?

Klar. Das können wir.

Solchermaßen warmfingrig stromern wir eine Weile durch den Wiener Wald (wenn auch nicht durch den Wienerwald), ein seltenes und in seiner Ziellosigkeit auch seltsames Unterfangen, stoßen auf einen keltischen Baumkreis mit Musik, später auf einen Pensionisten mit Endzeitphantasien (“Der Ami ist am Zusammenbrechen, und wenn der Ami erst einmal zusammenbricht, dann fallen alle über uns her, die Jugos und die Tschechen und die ganzen Ostländer”), lassen dann den Bulli fast selbsttätig den Weg in die Stadt hinunter finden, dann noch da und dort, hier und da:

Ja.

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