Kein Genuss in vollen Zügen

Ich bin bestimmt kein Feind der ÖBB, ganz im Gegenteil, ich verteidige sie regelmäßig im Freundeskreis. Meistens pünktlich, moderne Wagen, überdurchschnittlich häufig sogar richtig freundliches Personal – unsere Bundesbahn, als überzeugte Vielfahrerin kann ich das sagen, ist deutlich besser als ihr Ruf.

Nur eines quält mich in zunehmendem Maße, und das ist für jemand, der regelmäßig weite Strecken fährt, leider kein unwesentliches Detail: Ich rede vom Essen unterwegs. Vieles ist besser geworden für die Reisenden, seit ich Ende der siebziger Jahre meine ersten Langstreckenfahrten auf Schiene unternommen habe – zu vieles, um hier mit einer Aufzählung auch nur anzufangen – aber die Kulinarik an Bord hat leider ganz deutlich den umgekehrten Weg genommen. Das fängt schon bei der Vielfalt des Angebots an.

Damals, die Älteren unter uns werden sich erinnern, hatte jeder Zug, der weiter fuhr als ein paar Kuhdörfer lang, einen Speisewagen. Und an den Bahnknotenpunkten, auch und besonders an jenen, die außer ihres Bahnknotenpunktdaseins kaum etwas vorzuweisen hatten, gab es am Bahnhof einen Buffet-Wagen, der außen an den haltenden Zügen entlang fuhr und Standards wie Würstchen, Wurstsemmeln und Obst sowie sehr häufig auch lokale Spezialitäten durchs Fenster verkaufte. Die ebenfalls üblichen Ausflüge zum nächsten Greißlergeschäft fallen heute schon allein wegen der verkürzten Steh-Zeiten aus, aber das kann man durchaus unter “positiv” verbuchen.

Inzwischen wurden mehr und mehr Speisewagen durch das “mobile Bordservice” ersetzt. Gemütliches Abendessen auf dem Weg von Salzburg nach Wien? Fehlanzeige. Lunch auf dem Weg aus der Hauptstadt nach Graz? Nur wenn man bereit ist, vorverpackte Sandwiches als Lunch zu bezeichnen. Wann die seinerzeit allzeit bereiten fahrenden Würstelstände von den Bahnsteigen verschwunden sind, kann ich nicht genau sagen, aber sie fehlen. Sehr.

Denn schlimmer als die verringerte Auswahl ist die Qualität der verbliebenen. Natürlich, ein Fernzug ist kein Haubenlokal, das war er nie, das ist auch nicht sein Sinn. Aber zwischen Haubenlokal und “irgendetwas in den Mund stopfen, um die Leere im Bauch zu füllen” gibt es viele Abstufungen, und das kulinarische Angebot der ÖBB liegt zurzeit knapp unter der untersten.

Ein hungriger Blick auf die Karte des mobilen Bordservice lässt dem ausgeliefert Reisenden die Wahl zwischen Käsesandwich, Schinkensandwich, Kartoffelchips und diversen Schokoriegeln. Nichts gegen ein gutes Sandwich. Doch die (ungekühlte) Vitrine enthüllt, dass es sich um die monatelang haltbaren Doppelbrötchen im Dreiecksplastik handelt, bei deren Anblick sich der gute alte Earl of Sandwich, würde er noch leben, aus Sorge um seinen guten Namen umgehend erschießen müsste. Über den Rest will ich gar nicht reden; wenn ich Hunger habe, dann hab ich keine Lust zu naschen.

Mit solchen Erfahrungen im Reisegepäck freut man sich natürlich über das Vorhandensein eines Speisewagens. Neulich, auf dem Weg nach Bregenz, war einer dabei. Kurz nach Innsbruck machte ich mich auf den Weg zu einem Abendessen. Die Speisekarte war bunt und verlockend, und ich entschied mich für ein “Saftiges Rindsgulasch”. Gulasch im Speisewagen ist so etwas wie eine persönliche Tradition. Vor vielen Jahren hatte ich einen Studienkollegen, der sein Auto wochenends stehenließ, um mit dem Zug nach Graz zu fahren und im Speisewagen ein Gulasch zu essen – das Gulasch im Speisewagen, fand er, wäre das beste überhaupt. Ich habe mich ihm oft genug angeschlossen, um mich genau zu erinnern: Das Gulasch war ein Gulasch. Zugegeben, ich habe seither bessere gegessen. Schlechtere aber auch.

Das Gulasch, das mich vor wenigen Wochen über den Arlberg begleitete, war keins. Der Saft unterschied sich von einer schlecht gesalzenen Einbrenn nur in der Farbe. Das Fleisch war trocken, zäh und geschmacklos. Die Nockerln… ach was, zu einem richtigen Gulasch hätte ohnehin eine Semmel gehört.

Als wohlwollender Mensch war ich bereit, einen einmaligen Ausrutscher zu vergessen. Also versuchte ich es auf der Rückfahrt noch einmal. Das Gulasch wollte ich lieber vergessen als wieder bestellen. Der Tafelspitz war, nach kaum einem Drittel der Reisedistanz, ausverkauft. Das “Zarte Hühnerbrustschnitzel” bot sich an. Der Teller, der mir serviert wurde, war durchaus hübsch anzusehen. Das Leid begann mit dem ersten Bissen Fleisch, eine sinnliche Erfahrung, zu der mir partout nichts Originelleres einfallen will als der abgeschmackte Vergleich mit einer Schuhsohle. Das viel zu weich gekochte Gemüse war ordentlich gesalzen, ein Ausgleich zum trocken-bröselig geschmacklosen “Wildreis”.

Eine andere Fahrt, frühmorgens. Die Reisende freut sich auf ein Frühstück im Speisewagen. Doch leider: Von einst gängigen Speisewagen-Attraktionen wie Spiegelei und Ham-and-Eggs ist nichts mehr zu entdecken. Von den drei in der Karte angebotenen Frühstücks-Varianten gibt es auch nur Semmerln mit Marmelade, die “Zutaten” für die anderen wurden nicht rechtzeitig geliefert. Letzteres mag ein Einzelfall sein, der Kaffee dagegen ist eine Katastrophe. Ich erinnere mich an Zeiten, wo man bei Salzburg noch schnell einen Kaffee bestellt hat, bevor die Deutschen die Agenden übernommen haben. Heute gibt’s hier wie da Sabberwasser, das vielleicht irgendwann einer Kaffeebohne begegnet ist. Vielleicht aber auch nicht.

Diese Erfahrungen stellen mich irgendwie doch vor ein Rätsel. Wie schaffen es die Betreiber der ÖBB-Speisewagen, mit all den Fortschritten im Bereich von Convenience-Food, Mikrowellenherden und Frischhaltetechnik, dass das Essen deutlich schlechter ist als vor 20 Jahren? Die einzig plausible Erklärung ist, es ist ihnen “wurscht”: Wer erst einmal im Zug sitzt, der hat eh keine Alternative mehr.

Dass es auch besser geht, zeigen Erfahrungen mit kroatischen und ungarischen Speisewagen. Liebe ÖBB, strengt’s euch bitte ein bissl mehr an. Sonst mache ich es auf künftigen Reisen so wie meine Großeltern seinerzeit und nehm mir mein Mittagessen in Alufolie mit.

Update Ende 2012
Die heute vermehrt eingesetzten Railjets können es zum Glück wieder etwas besser. Aber es bleibt noch Raum nach oben!

Unwettertourismus mit der österreichischen Bundesbahn

Als ich gestern Abends um 6 in München in den Zug Richtung Salzburg stieg, dachte ich, der Tag wär so gut wie vorbei. Erst noch der etwas mühsame Bummelzug nach Salzburg, dann der Eurocity, der traditionell eher nur halbvoll ist und daher gemütlich. Nach Mobilfunkgrenzüberschreitung noch ein paar Mails beantworten, danach lesen oder Musik hören, je nach Müdigkeitszustand, bis Wien, dann das wohlverdiente Bett. 5 Uhr (früh) bis 23:30 ist irgendwie doch recht lang für einen Ausflug.

Wenige Kilometer nach München verfiel der Zug in Schleichgang und schlich noch ein Stückchen weiter bis zu einem Full Stop. Ich biss seufzend in mein labbriges Mozzarella-Sandwich (von der jämmerlichen Verpflegung auf internationalen Routen muss ich wohl irgendwann gesondert berichten) und folgte eher desinteressiert den Berichten der Zugbegleiterin mit dem nicht ganz zuordenbaren Dialekt. Irgendwas mit einem schweren Gewitter und Stromausfall. Na dann. Wir sammelten im Stopp&Go knapp 25 Minuten Verspätung, die Dame mit dem Käppchen war am Zugtelefon überdurchschnittlich bemüht, jeden Anschlusszug entweder aufzuhalten oder für adäquate Ersatz-Information zu sorgen. So kam es auch, dass der 20:08er ab Salzburg Richtung Wien West brav auf uns wartete, was allerdings in Salzburg einen Sprint durch den Bahnhof bedeutete.

Nun hab ich grundsätzlich nix gegen einen kleinen Bahnhofslauf, was ich dagegen hatte, war immer noch heftiger Hunger (der Tag hatte bis zum labbrigen Sandwich vorhin gerade mal ein Frühstückskipferl um 8 Uhr gebracht). Weil der EC nach Wien zur besten Abendessenszeit allerdings keinen Speisewagen an Bord hat, sind die 19 planmäßigen Minuten Aufenthalt in Salzburg die einzige Möglichkeit, sich im Laufschritt wenigstens einen schnellen Burger zu besorgen. Und diese 19 Minuten, die fielen jetzt weg. Ich überlegte, laufend, ernsthaft, das Laufen sein zu lassen und stattdessen in Salzburg nett Essen zu gehen. Der 21:35er von Salzburg nach Wien, der ist nämlich ein Intercity, was bedeutet, dass die Ankunftszeit in Wien nur eine knappe Dreiviertelstunde später liegt als beim 20:08er, obwohl man in Salzburg 90 Minuten Aufenthalt gewinnt. (Ich schreib diesen Eintrag ja nur, um mit meinen Fahrplankenntnissen zu protzen.)

Mit meinen Sprint-Fähigkeiten hatte ich gegenüber langsameren Anschlussreisenden zwei Minuten gewonnen, die ich vor dem Zug für eine schnelle Denk-Zigarette nutzte. Dann stieg ich doch ein und verlagerte meine kulinarischen Hoffnungen auf Wien, wo mich der Herr Sufi abholen wollte.

Zu dem Zeitpunkt war es in Salzburg übrigens zwar wolkig, aber noch drückend heiß.

Gewölk, beeindruckend

Im Abteil wars finster und gemütlich. Irgendwo hinter Vöcklabruck, in der mobilfunktechnisch behinderten Zone, begann es draußen zu regnen. Blitze zuckten. Ich wechselte angesichts eines asozialen Abteilmitbewohners, der ungefragt das Deckenlicht auf volle Leistung geschalten hatte (“Muss das sein?” – “Ja.”) das Abteil und fand eins für mich allein. Allerdings nur bis zu einem weiteren der Bummelbahnhöfe, an denen der abendliche Eurocity zwischen Salzburg und Linz unerklärlicher Weise stehen bleibt. Dort fand die herrliche Ruhe ihr jähes Ende durch drei Mädels, die die Zugfahrt nutzten, um sich auf ihrem iBook einen Film anzuschauen. “Chocolat”, glaube ich. Ich überlegte einen weiteren Abteilwechsel, ließ es aber angesichts der ansonsten durchaus gemütlichen Haltung der drei bleiben und pflopfte mir stattdessen die Kopfhörer ins Ohr. Das Mobilfunkdatennetz glänzte mit beharrlicher Abwesenheit, und ich versuchte, stattdessen ein bisschen Schlaf nachzuholen. “White Noise” am iPhone eignet sich hervorragend, um Umgebungslärm auszusperren, ich empfehle die Flugzeug-Geräusche.

Nun schlafe hervorragend im Zug, wie ich gerne erzähle, aber das gilt für fahrende Züge. Unserer blieb stehen. Ich blinzelte abwechselnd zu den Blitzen nach draußen und zum bunten Bildschirm innen und fragte mich, ob so ein Waggon eigentlich auch ein Faradayscher Käfig ist. Wär schad gewesen um den schönen Mac. Zwischendurch erfuhren wir, dass wir den ungeplanten Aufenthalt einem Stromausfall im Stellwerk St.Valentin zu verdanken hatten, und hörten über diverse Mobilfunktelefonate die ersten Katastrophenmeldungen aus der Außenwelt. Faustgroße Hagelkörner in Salzburg. Nicht ganz so große in Wien, dafür wasserfallartiger Regen. Ich dachte an die unzuverlässigen Regenrinnen an meinem Haus und hoffte das Beste. Derweil fuhr der Zug immer Mal wieder im Schritttempo ein paar Kilometer und blieb dann wieder stehen. Im Nebenabteil hatte einer die ZiB 2 am Computer, Armin Wolf erzählte scheinbar korrekt gekleidet etwas vom heißesten Tag des Jahres, während kalter Regen auf uns herunterprasselte und die immer noch laufende Klimaanlage im Zug für erstes Frösteln sorgte. Der Buffetwagen kam durch. Die Sandwiches sahen noch labbriger aus als vorher. Bier war aus. Ich nuckelte an meiner Mineralwasserflasche.

Mit 40 Minuten Verspätung rollten wir schließlich weiter. Der Schaffner kam durch und fragte jeden nach seiner endgültigen Destination. Etwas später die Lautsprecherdurchsage, dass wir an ein paar kleineren Bahnhöfen halten würden, um Fahrgäste mit verpassten Anschlüssen aussteigen zu lassen. Ich fand die Lösung bewundernswert praktisch und unbürokratisch. Auf ein paar Minuten mehr kams zu dem Zeitpunkt auch nicht mehr an.

Hinter Linz fand der Eurocity zu seiner gewohnten Geschwindigkeit zurück. Draußen weiterhin Regen und Blitze. Ich zog mir das Tuch vors Gesicht und döste im White Noise. Bis St. Pölten blieb die Zugwelt in Ordnung. Schläfrig blinzelte ich auf die Uhr, die die planmäßige Wiener Ankunftszeit zeigte. Ein Stündchen noch. Oder so.

Ich war gerade dabei, richtig wegzuschlummern, als wir wieder stehen blieben. Ich versuchte beharrlich, einen stehenden Zug ebenso gemütlich zu finden wie einen fahrenden. Eine halbe Stunde später gab ich auf. Es war kurz vor zwölf. Durchs Fenster schimmerte das Bahnhofsschild von Kirchstetten. Der Zug war voller schlafender und schläfriger Menschen. Ich suchte nach dem Mann mit dem Buffetwagen und fand den Wagen neben einer offenen Zugtür, davor Schaffner, Buffetwagenbetreuer mit einem American-Football-Spieler und einem weiteren Passagier. Rauchend. Ich rauchte mit und erfuhr dabei, dass der Stromausfall zwischen Eichgraben und Rekawinkel so komplett und allumfassend war, dass es derzeit nicht einmal genaue Informationen darüber gab. Die Mobilfunkstationen waren mit ausgefallen.

Die Luft war angenehm frisch, die Zugoffiziellen konferierten mit dem Bahnhofsmenschen von Kirchstetten, wir unterhielten uns über Football und Fernsehserien und rauchten, so lange noch einer Zigaretten hatte. Nach und nach fanden weitere Mitreisende die offene Tür. Es war ein bisschen wie in einem Katastrophenfilm, in dem man vor der Katastrophe nach und nach alle Mitwirkenden kennenlernt. Ich hoffte auf das Ausbleiben der Katastrophe.

Zug steht.

Vor uns, so hieß es, stünden noch zwei Züge, hinter uns bereits sieben. Ich war froh, dass wir im Bahnhof standen und nicht auf der Strecke. Einer verlangte nach Schienenersatzverkehr, eine nach Gratisverpflegung zur Entschädigung (“Besorgen Sie halt was, das muss schon drin sein!” – mitten in der Nacht, in Kirchstetten. Viel Glück.). Der Strom sollte bald wieder da sein, meinte der Schaffner, falls nicht, würde würde bereits ein Busverkehr geplant, allerdings, mit 10 stehenden Zügen sei unklar, wann unserer dran sei. Die Reisenden, die um 5 Uhr früh ein Flugzeug nach Mexiko besteigen wollten, verloren als erste die Nerven und bestellten ein Taxi aus St. Pölten. Weitere zwei, darunter die indignierte Dame, organisierten einen Privattransport. Beides ließ auf sich warten. Unser kleines Grüppchen plauderte, rauchte und lachte viel, nicht ganz ohne lästern. Wir schlossen Wetten ab, ob zuerst die bestellten Autos kommen oder der Zug sich bewegen würde. Die auf den Zug gesetzt hatten, verloren. Der Schaffner hatte als letzter noch Zigaretten und verteilte großzügig seinen Privatvorrat. Einbrüche ins längst geschlossene Bahnhofscafe wurden erwogen. Ich dachte daran, trotz nachmitternächtlicher Stunde den nahe wohneneden Dorian anzurufen. Mit einer Palette Bier, in seiner Speisekammer vermutlich vorhanden, hätte er zu dem Zeitpunkt in kurzer Zeit ein Vermögen machen können, wie den Gesprächen der Mitreisenden zu entnehmen war.

Die Nachrichten, dass der erste Zug jetzt auf Busse umgestiegen war, und dass der Strom wiederhergestellt, die Weichenstell-Computer aber noch leidend wären, kamen zur gleichen Zeit. Wieder wurden Wetten abgeschlossen: Bus oder Zug? Ich hoffte auf den Zug. Auf einen engsitzigen Bus hatte ich wirklich gar keine Lust. Den Witzchen ging langsam die Luft aus. Ich fand ein verlassenes Abteil für mich allein und versuchte es nochmals mit Dösen. Mittlerweile wäre wohl auch ein stehender Zug bequem genug gewesen, aber meine Neugier war wacher als der Rest von mir. Ich stieg wieder aus und hoffte gegen besseres Wissen, dass irgendjemand vielleicht doch noch Zigaretten… Da kam der Bahnhofsvorstand mit wehenden Armen aus seinem Kämmerchen: Es geht weiter! Ich schaute auf die Uhr: 2 vorbei.

Draußen hörte ich den Schaffner fröhlich Abfahrt pfeifen, während ich mich in die Polster kuschelte. Eine halbe Stunde Schlaf war besser als gar kein Schlaf. Noch einmal blieben wir stehen, offenbar um Gegenverkehr vorbeizulassen, Das nächste, was ich hörte, war ein forsches “Ausstieg: Links!”. Ich erblinzelte Hütteldorf. Noch 5 Minuten bis nach Hause, eine bahnoffizielle Entschuldigung über die Lautsprecher, Ankunft Westbahnhof: Punkt 3 Uhr früh.

Taxistand leer, und obwohl ich die erste war, die der Zentrale von einem frisch eingetroffenen Zug voller taxibedürftiger Menschen am Westbahnhof erzählte, hielt ich mich aus den Kämpfen raus, die um die ersten eintreffenden Wagen ausbrachen. Ich war sicher, dass es Wien definitiv genug Taxis gibt, auch um 3 Uhr früh, da braucht man keine Fäuste zu schütteln, ein Daumen genügt. Eine halbe Stunde später war ich folgerichtig zu Hause. Der Fahrer erzählte von Hagel, von umgestürzten Bäumen, von einer Sichtweite von unter 5m und von einer gesperrten Ringstraße. Zum Glück nur für eine Viertelstunde, wie er sagte. Der Baustelle vorm Haus hatte es Container und Absperrung umgeworfen, meiner Wohnung ging es zum Glück gut. Nur etwas fiebrig war sie. 38,5°. Was mit offenen Fenstern schnell behoben und meinem Schlaf dann auch egal war.

Baustelle, beeinträchtigt

Zugsplitter

Statt Innsbruck: dornbirn.

Der Polizist am Innsbrucker Bahnhof, allein im Regen, am Bahnsteig, auf dem der Zug von Brenner ankommt. Brennero. Das Gefühl beim Lesen: “Brennero”. Lang auf diese Zigarette gewartet, 6 Stunden fast. Glücksgefühl. Es beginnt zu regnen, leicht nur, aber aus sehr dunklen Wolken. Ich steige wieder ein.

Blick auf die KulturhauptstadtEiner im Abteil schreibt, programmiert auf seinem Laptop, manisch fast. Ich tippe auch. Fast wie eine Bürogemeinschaft auf Zeit.

Die Berge draußen, voller Schnee. Später Nebel, es wird dunkel lange bevor es dunkel wird.

Tirol durch dreckige Fensterscheiben

Dann Musik im Ohr und eine Hand mit sehr roten Fingernägeln auf dem Oberschenkel gegenüber. Und die Musik. Und der Regen. Und.

Versuch über die flüchtigkeitDie Stimme mit den roten Fingernägeln bedauert die Goldfische im Teich. Bei so großen Regentropfen müssten die ja Kopfschmerzen kriegen. Dann wird die Stimme leiser und erzählt von Kindern, verletzten. Ich dreh die Musik lauter in meinem Ohr. Jetzt nicht. Nicht jetzt.

Mehr Nebel. Es regnet sich ein. Nach Ötztal wieder ein Fensterplatz. Gut jetzt. Gut so.

In St. Anton Schneefelder bis fast ins Dorf, in Langen keine mehr. Dann ein Gulasch. Der Speisewagenkellner wagt tatsächlich zu fragen, wie’s geschmeckt hat. Auf mein “Naja” wiegt er bekümmert den Kopf “alles aus der Großküche…” –

Die Landschaft draußen: Groß, selbst im Schlechtwetter-Dämmer. Herunten alles sehr grün, dadrüber die Berge. “Schön” weiß ich nicht. Groß.

Gegend

Aus welchem Tunnel man auch kommt, man schaut hinunter oder hinauf zu einem Kapellchen. Drumrum das Grün. Drüber die Berge. Die sind übrigens: Groß.

Eben “oh ist das schön” gesagt, angesichts eines Wasserfalls. Das sieht mir gar nicht ähnlich. Foto durch hinterhältigen Tunnel vereitelt. Innerbranz, sagt mein iPhone, aber angesichts der Verbindungsschwierigkeiten hier könnte es auch daneben liegen.

Danach jetzt rollt der Zug im Unter-Schrittempo. Richtung Westen ein Hauch von Licht. Zwischen mir und dem Licht ein Bach. Hier müsste man… ja, was?

Kühle kriecht durch die Klimaanlage herein. Zum Aussteigen die Jacke bereithalten, die mittags noch völlig deplatziert schien. Wieder an Innsbruck denken. An die Zigarette, die Zufriedenheit.

Man könnte ja auch in Bludenz aussteigen. Zum Rauchen, zuerst, aber dann… etwas ganz anderes machen. Für immer. Oder zumindest morgen. Und übermorgen.

Stattdessen Dornbirn. Das Hotel ist OK. (Der Sufi wär andrer Meinung). Beim Griechen daneben darf man rauchen. Also trinke ich ein Glas Wein und viele Gläser Wasser und rauche. Und schreibe. Die Musik wird besser, seit ich die letzte Gästin bin. Um 11 macht er zu. Das passt genau.

Das Davor und das Danach ohne das Dazwischen

Der Zugsog

Der Bahnhof von München erinnert mich an den Flughafen von Paris – egal, wo man hinwill, man ist immer am falschen Ende des Riesendings. Im übrigen habe ich auch noch nie einen Bahnhof gesehen, an dem es so viele verschiedene Dinge zu essen gibt. Außerdem soll man nie die Kraft der Vorurteile unterschätzen, obwohl, so oft wie ich heute von dem bayrischen Taxler “Jo leckts mi doch am Oasch” gehört habe, war der vielleicht vom Fremdenverkehrsverein bestellt. Samt dem Stau, der die Flüche hervorbrachte.

Die Zugdurchsagen (und ich hab heut reichlich davon gehört) häufig in breitem oder leicht verhohlenem Ostdeutsch. Statistisch natürlich irrelevant, ruft aber irgendwie nach einer dahinterstehenden Geschichte. Auch die Dialekte ringsum durchaus bunt durchgemischt; Bayern kräftig aber nicht unbedingt in der Überzahl.

Bei der Einfahrt nach München noch überlegt, eine Stunde Stadtbummel in Betracht zu ziehen. Aber es regnet. Es ist kalt. Ich bin müde. Woraufhin natürlich, um mein gern gesungenes Loblied auf die Bahn zu untergraben, der Regionalzug nach Salzburg erstmal 20 Minuten Verspätung hat. Von Polizeieinsatz und Selbstmördern reden die Fahrgäste, von geänderter Streckenführung die Offiziellen. Hm. Und dieses Löwenbräu ist übrigens ein ziemlich grausliches Zeugs. Erinnert mich, falls ichs vergessen sollte.

Zugdynamik selbst ist auch etwas eigenes. Fernzugreisende sind leichtem Geplauder gegenüber aufgeschlossen, wenn es nicht zu dicht wird, und kommt nach den ersten 150 Kilometern ein neuer dazu, ist er erstmal ebendas – der Neue. In Regionalzügen dagegen kennt man sich entweder, oder man kennt sich nicht. Fremde anzureden, ist nicht eingeplant, sogar Augenkontakt wirkt schon dreist.

Bayern scheint sich in Sachen Wirtschaftskrise nicht so ganz einig zu sein. In München Kräne, die bauen, als gäbe es kein Morgen. Am Land schauts streckenweise eher schäbig aus, ein paar Kilometer weiter stampfen sie ganze Siedlungen aus dem Boden. Hm.

Alle Züge außer der bayrischen Regionalbahn heute irgendwie indisponiert, Verspätungen, nach der Reihe, so kenn ich sie gar nicht, meine Bahn. Jede Durchsage bringt rund um mich hektisches Mobiltelefonieren in Gang, “du, ich komm 5 Minuten später” – “Du, ich komm noch 5 Minuten später!” aus der Teenie-Riege, während Omis erst hektisch die papierenen Zugbegleiter wälzen und dann leiser Verzweiflung verfallen. Warum auch immer, möglicherweise hungert zu Hause der Dackel. Trotzdem alle meine Anschlüsse gekriegt, nicht zuletzt wegen hektisch telefonierender Schaffnerin (wie heißen die eigentlich heute politisch korrekt?), “Lassense ma denn 12:51er nicht fahren, ich hab da noch 5 Loit für den.” Danke, das wär sonst irgendwie stressig geworden. Andere Schaffner zucken da nur mit den Schultern, auch schon erlebt.

Salzburg-Wien zahrt sich jetzt doch auch ziemlich, weil der Zug immer wieder Mal irgendwo mitten in der Pampa stehen bleibt. Jetzt kurz vor Attnang Puchheim. Da hab ich in der Früh Cappuccino getrunken. Also, während dem Durchfahren, ausgestiegen bin ich nicht. Wär auch irgendwie ungesund gewesen, bei der Geschwindigkeit.

Jedenfalls, von der Stimmung her, sehr zufrieden mit dem Moment mit Cappuccino und dem zugehörigen Butterkipferl, noch warm, die Wasser-Geschichte korrigierend, redigierend. Mir vorgestellt, bei einfachen Textarbeiten immer Mal wieder quer durch Österreich zu rollen, einfach so. Ohne Grund. Weil alles irgendwie leichter von der Hand geht,wenn sie draußen die Lanndschaft vorbeiziehen.

Erster Eintrag mit eee und Huawei. Muss ja auch Mal gesagt werden. (Muss es natürlich nicht, ich will aber)

Öffentlicher Verkehr

Ich habe mich seit früher Kindheit mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegt als mit den diversen familieneigenen Autos. Ich habe grundsätzlich überhaupt kein Problem damit, zu einer Haltestelle oder einem Bahnhof zu gehen, mich dem Fahrplan anzupassen (den zu lesen ich in den seltsamsten Sprachen gelernt habe), oder auch mal ein bisschen zu warten oder mit einer Verspätung zu leben, die ohnehin selten mehr als ein paar Minuten beträgt. Die Öffentlichen, zumindest hier in Österreich, sind deutlich besser als ihr Ruf.

Umso weniger verstehe ich das Entsetzen meiner offenbar bis zur Gehirnwäsche autogeschädigten Freunde und Bekannten. Spricht man ein simples “Ich geh dann zum Bahnhof” oder “Ich komm dann mit dem Bus nach” aus, weiten sich die Pupillen, hektisches Überlegen setzt ein, der oder die Angesprochene bietet in der Regel sofort an, sich selber ins Auto zu setzen um einen ans Ziel zu bringen oder beginnt zumindest hektisch im Handy nach einer Alternative zu suchen. Ich kenne mittlerweile die Symptome der übertragenen Auto-Verlustangst und beeile mich, ein “Ich fahre gern mit dem Zug/Bus” hinzuzufügen. Die Reaktionen reichen von simplem Unglauben bis zur lauthalsen Erklärung, ich müsse “vollkommen wahnsinnig sein” oder zumindest “viel zu viel Zeit haben”.

Das mit der Zeit ist aber so eine Sache. Gerade, wenn es mir wichtig ist, pünktlich irgendwohin zu kommen, lehne ich nach Möglichkeit jede angebotene Mitfahrgelegenheit vehement ab. Der begeisterte Autofahrer kommt nämlich fast immer zu spät. Mit einem beruhigenden “fahr ich dann halt ein bisschen schneller” gönnt er sich “noch 10 Minuten Ruhe” vor der Abfahrt, muss unterwegs hier noch etwas erledigen, dort einen neuen Schleichweg ausprobieren – und das sind nur die psychologischen Gründe. Jeder Stau – auch und besonders der am Freitagnachmittag auf den Ausfallstraßen – kommt völlig überraschend, “diese Umleitung war aber gestern nicht da”, und nein, der Fahrer hatte natürlich bisher noch nie Probleme, in der Hauptgeschäftszeit auf der Mariahilferstraße einen Parkplatz zu finden.

Die angeblich verlorene Zeit kann ich im Zug auch nutzen, wenn ich sie brauche – im Gegensatz zum Autofahrer, der seine Aufmerksamkeit auf die Straße zu richten hat. Muss ich nicht arbeiten, lese ich auch lieber im Zug ein Buch, als mir im Auto ein Hörbuch anzuhören, oder ich höre Musik, lasse die Landschaft an mir vorbeiziehen und entspanne mich, anstatt mich hektisch über den “langsamen Trottel da vorne”, den “Idioten, der keinen Blinker hat”, den “Sonntagsfahrer mit Hut” oder die “typische Frau am Steuer” zu echauffieren.

Ehrlich, es lebt sich ziemlich gut ohne Auto. (Obwohl ich ja jetzt eigentlich eines habe, aber das ist eine andere Geschichte…) Autos sind praktisch, wenn man etwas Großes zu transportieren hat, wenn man für eine 5-köpfige Familie einkaufen muss oder wenn man sich für einen Campingurlaub entscheidet. Autos machen Spass, wenn man an einem Sommersonntag über wenigbefahrene Landstraßen cruisen kann und nach Lust und Laune mal hier eine Wiese, mal dort ein Gasthaus testen will (vorausgesetzte man schafft es, für diese Zeit sein ökologisches Gewissen abzuschalten). Im Alltag aber sind Autos Mühsal und Plage, und ich kann einfach nicht verstehen, dass manche Menschen lieber freiwillig Tag für Tag in die Arbeit stauen, als sich gemütlich in den Zug oder in die S-Bahn zu setzen. Und billiger ist das Autofahren, zumindest übers Jahr gerechnet, ganz bestimmt auch nicht.

Ausgelöst wurde diese Grundsatzerklärung übrigens von dem völlig entsetzten Gesichtsausdruck meines autofahrenden Zug-Zubringers heute, als der Bahnhofsvorsteher mich darauf aufmerksam machte, dass ein Teil der Strecke als Schienenersatzverkehr geführt wird – man muss also an einem Bahnhof in den Bus umsteigen, und an einem anderen wieder zurück in den Zug. So what? Mein Gepäck bestand aus einem Rucksack, der außer einer Mappe mit meinen Texten gerade Mal noch einen Pullover, ein Buch und ein Getränk enthielt, außer dem immer präsenten “Überlebenspack” (Taschenmesser, Block, Kugelschreiber, Handy und Geldtasche). So umsteigen tut nicht weh, wirklich nicht.

Erinnert hat mich das auch an eine Freundin von mir, die leicht außerhalb wohnte (und vielleicht noch wohnt, ich habe sie länger nicht mehr gesehen). Als ich mich nach dem ersten Besuch mit den Worten “Ich geh dann Mal zum Zug” (keine 10 Minuten bis zum Bahnhof) verabschieden wollte, redete sie so lange intensiv und überzeugt auf mich ein, sie würde mich natürlich zum Bahnhof fahren, bis ich zustimmte. Ich hatte das Gefühl, sie wäre sonst beleidigt. Bei mehreren Besuchen mit mehreren Diskussionen spielte sich das dann ein. Es schien ihr wichtig zu sein, mich zum Bahnhof zu fahren, und ich wehrte mich nicht mehr, obwohl ich so einen Spaziergang eigentlich genieße. Irgendwann dann saßen wir mit mehreren Leuten bei ihr auf der Terrasse, und ich sprach vor meinem Aufbruch zum Zug über mein glücklich autofreies Leben – worauf sie zynisch meinte “Eh klar, weil du immer einen Trottel findest, der dich herumführt, wenn’s nötig ist – so wie mich jetzt”.

Ich verzichtete darauf, das weiter zu diskutieren, und habe sie einfach nicht mehr besucht. Überzeugte Autofahrer sind ein unlogisches Volk.

nur ein fahrender zug ist ein guter zug

foto-118Nur ein fahrender zug ist ein guter zug – dieser zug aber steht schon seit 10 minuten hier. Schräg gegenüber drei früh pubertierende mädels, die ihre belanglosigkeiten so laut in die welt brüllen, dass lesen unmöglich und musik hören sinnlos ist. “ich bring dich um!” eben die eine, stampft dazu mit beiden beinen auf. Dann kichern sie wieder, minutenlang. Ein paar plätze weiter zwei jungs, die sich musik von ihren handies vorspielen, schmalziger yugo-pop in der qualität eines schlecht eingestellten mittelwellen-radios. Hinter mir ein mädchen, das der person am anderen ende der verbindung genauestens erklärt, wer in diesem zug wo sitzt. Ohne das satte grün vor den fenster wär das das intro eines film noir.

Von Mitternacht bis Mitternacht

Ein Hund auf drei Beinen, die Katze auf einem Auge blind. Hangover in a morning train. Unerwartet vertrautes Gefühl. Der Mann in meinem Zug-Buch ist den Kater gewöhnt. Zwischen den Augenlidern Bilder von der Nacht davor. Menschen, Menschenbilder. Man hält mich für distanziert, erfahre ich über zwei Ecken. Ich fühle mich nicht distanziert. Verstecke mich trotzdem hinter der Kamera. Muster. Der Rettungsring Musik. Neues. Nicht mehr die Jüngste. Gesichter, Menschengesichter. Möchte hingreifen, Leben ertasten. Lasse es. Später Videos noch, zu zweit. Ein längst verschollen geglaubtes. Jemand wird sich freuen, erstmal freue ich. Mich. Noch später kenne ich die Frau nicht, die auf der Bühne ich ist. Zu spät, um zu analysieren. Artikulieren. Es war. Es war gut.

Der Zug kommt an. Gerade, als das Buch spannend wird. Die Jacke zu warm. Die große Straße voller Menschen. Der Frühling summt. Beine gehen aus reiner Gewohnheit. Jemand will nicht blau machen. Nur nicht denken jetzt. Das Fenster offen, der Bildschirm blüht. Das Konzert heute passt nicht in meinen Kopf. Passt aber dann in meine Ohren. Nur nicht reden müssen.

Geht gut.

Zugsplitter

Dass die ÖBB mittlerweile auch in den 2.-Klasse-Abteilen normale 230V-Steckdosen anbieten, finde ich gut. Obwohl es mir auch für die samstägliche Zugfahrt die Ausrede nimmt “Habe vergessen, mein Handy aufzuladen”. Aber das Handy kann man auf Vibrationsalarm stellen, dann die Mp3-Player-Stöpsel ins Ohr, die von der Bahn ziehen die Landschaft vorbei, und schon hat man einen Spielfilm.

Dass es in der ersten Klasse jetzt auch gratis-Orangensaft gibt für Businessreisende, lese ich im Zugbegleiter, und frage mich, wo das mobile WLAN bleibt.

Obwohl die Fenster längst nicht mehr aufgehen und der Kaffee um nichts besser geworden ist, gilt noch, was ich immer schon gesagt habe: Alleine die Bewegung des Zuges macht mich zufrieden und froh, läßt den Alltag von mir abfallen, gaukelt mir eine Beständigkeit vom Hier im Jetzt vor, die im Rest meines Lebens Ihresgleichen sucht.

Aber müde bin ich, viel zu wenig Schlaf, daher bin ich froh, dass das Abteil ab Wiener Neustadt mir allein gehört. Genaugenommen bin ich zuerst einmal froh, dass es hier noch Züge mit Abteilen gibt. Großraumwaggons sind wie Großraumbüros, modern, oft sogar freundlich; aber gemütlich sind sie nicht.

Ich greife unter mich und siehe da: Die Sitze lassen sich noch ausziehen. Ich knöpfe die Kapuze von meiner schwarzen Daunenjacke ab, ein wunderbarer Kopfpolster, und breite den Rest der Jacke über meine Füße. Der Zug ruckt an, Schwellenrhythmus, der Eisenbahn-Blues, schon döse ich, vielleicht bin ich sogar ganz eingeschlafen, als plötzlich die Tür aufgeht.

Taste reflexartig nach Handy und MP3-Player, beides noch da, werfe dabei die Zigaretten runter, fluche halblaut, schaue zur Tür. Dort ein optisch androgynes Wesen, das ein taxierenden Blick auf mich und die Situation wirft, danach Handy, MP3-Player und Zigaretten aus der Jackentasche nimmt, die Sachen neben sich auf den Sitz legt, die schwarze Daunenjacke ablegt, den Sitz auszieht und es sich in einer ähnlichen Position wie ich bequem macht. Mit der Jacke über den Füßen.

Fast ein Spiegelbild, wenn sie (dass sie eine Sie ist, weiss ich erst etliche Kilometer später) nicht mindestens zehn Jahre jünger gewesen wäre als ich. Ehrlichgesagt eher noch ein paar Jahre mehr.

Ich reibe mir die Augen, und bevor ich wieder einschlafe, klingelt mein Handy. Sie funkelt ein wenig irritiert herüber, aber noch bevor der erste Semmeringtunnel mein Gespräch auslöscht, klingelt auch ihres.

Danach schweben wir durch die Landschaft zwischen Handy, Rauchschwaden und MP3s. Der Sufi, als ich ihm später davon erzähl, will wissen, wo sie herkam und wo sie hinwollte; keine Ahnung, sage ich. “Habt ihr denn nicht geredet?” – Ich spar mir die Antwort, es ist zu offensichtlich. Auch das ein Teil des Spiegelbilds.

[Erst viel später fällt mir dieser Blogeintrag ein, wo immer das auch war, wo jemand hinterfragt hat, wie alt man denn sein dürfte, bevor ein MP3-Player lächerlich wirkt. Heyia, habe ich damals schon kommentiert, ich trage das Ding wegen der Musik mit mir herum, nicht wegen der Coolness. Aber das wiederum konnte ja die coole Tante nicht wissen.]

Die halbe Stunde Aufenthalt in Graz reicht jedenfalls, um beim Sorger ein Käsestangerl und ein Topfentascherl zu besorgen; wo ist jetzt dieser Artikel, der schlüssig erklärt, warum es in Graz deutlich bessere Bäckereiwaren gibt als in Wien? – Verschwunden in den Tiefen des Internets.

Von Graz aus weiter im Regionalzug, der weder Steckdosen noch ausziehbare Sitze bietet. Dafür mit Emmylou Harris im Ohr, die bei entsprechender Lautstärke auch die schwerst pubertierenden HTL-Schüler verläßlich aus meiner Wahrnehmung ausschließt.

Alles außer mir steigt in Leibnitz aus. Ich dagegen, ich steige erst in Spielfeld um. Oder versuche es zumindest. Wo denn der Bus nach Radkersburg abfährt, frage ich den rotbekappten Bahnbeamten. “Heute gar nicht” ist die entmutigende Antwort.

Da hilft mir mein ganzer fein säuberlich im Internet (mit dem richtigen Datum) recherchierter Plan nichts: Auch auf dem angeschlagenen Fahrplan steht der Bus heute nicht drauf. “Das ist, weil der Samstag bei uns nicht als Schultag gilt”, sagt Rotkäppchen und fügt mutig hinzu “Zu unserer Zeit war das noch anders.” Was ich durchaus als Kompliment gelten lasse: Auch er ist deutlich jünger als ich.

Da ich nicht 2 Stunden am Bahnhof rumsitzen will, organisiere ich mobiltelefonische Transportalternativen und sitze dann, weil drin das Rauchen verboten ist, draußen vor dem Bahnhof. Als 3 Minuten später der angeblich nichtexistente Bus einfährt, staune ich nicht schlecht. Immerhin spricht es für die Spielfelder, dass Rotkäppchen atemlos angelaufen kommt, damit ich den unerwarteten Anschluss nicht doch noch versäume.

Aber mittlerweile warte ich auf meinen privaten Transport, der auch spontan funktioniert, und die Bundesbahnen, die treffe ich erst am Sonntagabend wieder.


Ich eile also zum 21:45er nach Bruck/Mur, mit Umsteigemöglichkeit nach Wien. Gerne hätte ich noch Proviant eingekauft, allein: Es gibt keinen. Sonntags kurz nach halb 10 haben am Grazer Hauptbahnhof sowohl die Pizzeria als auch der McDonalds die Jalousien bereits heruntergelassen.

Ich bin entsetzt. Was vermutlich verständlich wäre. Genau so verständlicherweise hätte ich mir aber vermutlich sparen sollen, dem Sufi am Telefon lauthals von dieser Unannehmlichkeit zu erzählen. Sagen zumindest die Blicke der Mitreisenden.

Dass der Mann auf der anderen Seite des Mittelgangs nicht in irgendeinem Buch liest, sondern mit lautlos sich bewegenden Lippen den Koran studiert, merke ich erst, als ich aufgehört habe zu telefonieren. Das ist auch ein bisschen ein komisches Gefühl. Zuerst ein Impuls, aufzustehen und mir einen anderen Platz zu suchen, um ihn mit meinem aus reinem Trotz gekauftes Bier (wenn ich schon nix zu essen kriege, will ich wenigstens was zu saufen) nicht in seiner Andacht zu stören. Dann der Gedanke, dass er ja nicht wissen kann, dass ich aus Rücksicht aufstehe, dass er es, im Gegenteil, als Beleidigung auffassen könnte. Ob ich nicht vielleicht Bier wie MP3-Player besser rücksichtsvoll in der Tasche ließe?

Dazwischen ein Quasi-Control-Check in mir selbst. Ist das jetzt positivistischer Rassismus? Nein, stelle ich fest, säße da drüben jetzt eine Nonne, die ihren Rosenkranz betet, würde ich mich genau so seltsam deplaziert fühlen.

Ich denke an den Menschen, der mir vor nicht allzu vielen Jahren erklärt hat “du denkst zu viel”, ich denke an den Baum, ich denke an den Sufi, der seine Kreise nie von so etwas stören ließe: Stopfe mir die Kopfhörer in die Ohren, mache mein Bier auf und hänge lässig in dem Zug-Sessel, wie ich es normalerweise sowieso tun würde, nur dass es plötzlich auf unerwartet unangenehme Weise auch eine Pose ist.

Mein peripheres Sehvermögen ist trainiert genug, um zu bestätigen, dass der Koranleser soweit keine Notiz von mir nimmt. Entspannter schaue ich in die Dunkelheit jenseits des Fensterscheibenspiegels, Lichter huschen vorbei, vierzig Minuten bis Bruck an der Mur (“In Bruck an der Mur gibt’s Dodeln g’nua, In Bruck an der Leitha san’s a ned vü gscheida” tönt die Geisterstimme meines Großvaters mitten in die E-Gitarre von Jimi Hendrix); erst als ich in der Spiegelscheibe dem Blick des Koranlesers begegne, wird mir seine Anwesenheit wieder bewusst, und natürlich ist es nur ein gespiegelter Blick in einer schmutzigen Scheibe, aber einen Augenblick lang lese ich Angst in diesen Augen. Warum? Wovor? Vermutlich nur unbegründete Einbildung.

Trotzdem atme ich freier, als er aussteigt, an irgendeiner dieser Regionalzugstationen. Wie sich der Zug überhaupt leert, von Station zu Station. In Bruck hetzen eine andere Frau und ich zu zweit zum Anschluss nach Wien, der schon da steht und – wie der Lautsprecher verkündet – entlang der Strecke nirgends mehr stehen bleiben wird. Das hat es in meinem Bahn-Universum auch noch nicht gegeben. Natürlich mag es einen Geschwindigkeitsvorteil bringen, aber ganz ehrlich, was ist so eine Zugfahrt, wenn man nicht beim 5-Minuten-Halt in Mürzzuschlag das Fenster öffnen und tief die Bergluft einatmen kann? – Egal, die Fenster gehen ohnehin nicht mehr auf.

Ich zeige dem herbeieilenden Schaffner mein Ticket und befrage ihn nach diesem seltsam stationslosen Zug. Ja, meint der, der fährt halt seit ein paar Jahren immer sonntagabends von Villach nach Wien. Der Mitreisende im Abteil widerspricht, jeden Abend fahre dieser Zug, die beiden diskutieren das relativ basisdemokratisch, während meine Aufmerksamkeit sich schon dem näherkommenden Buffetwagen widmet: Endlich etwas gegen den Hunger, wenn es auch nur die typisch klebrigen Bundesbahnsandwiches sind. Und, warum nicht, gerne ein zweites Bier dazu. Der Mitreisende nimmt auch ein Bier, und ich unterdrücke den Impuls, der Frau vom Brucker Bahnhof, die nach einem Irrweg durch den weitgehend rauchfreien Zug auch in ausgerechnet dieses Abteil gefunden hat, aus seltsamer Solidarität auch eines anzubieten.

Aus dem Verhalten der Frau rührt übrigens der Eintrag mit den ungeschriebenen Gesetzen, denn da in dem 6-sitzigen Abteil, schematisch:

. . .

. . .

…der bereits vorhandene Typ (t) und ich (i)  unsere Plätze bereits eingenommen haben, wie folgt…

t . .

. . i

…hätte sie (s) eigentlich (den ungeschriebenen Bahnreise-Gesetzen zufolge) einen der mittleren Plätze nehmen müssen, also entweder:

t s .

. . i

oder:

t . .

. s i

Stattdessen setzt sie sich ans Fenster gegenüber des Typen (t), also sitzen wir so:

t . .

s . i

Nicht-Bahnreisende mögen das durchaus pingelig finden, der Typ (t) und ich (i) wechseln aber einen Blick mit hochgezogenen Brauen, der beidseitig ungläubiges Erstaunen ausdrückt – ein Gefühl, das sich – zumindest bei mir – relativiert, als sie ihren MP3-Player aus der Tasche nimmt und ihn sofort an die nur am Fenster verfügbare Steckdose anschließt.

Dass ich ihr, entgegen meinem ursprünglichen Impuls, kein Bier angeboten habe, tut mir ein bisschen leid, während mir der Gedanke gleichzeitig ein bisschen peinlich ist; beides aber nur ungefähr 3 Minuten lang: dann nimmt sie eine Dose aus ihrem Rucksack, und der unausgesprochene Kreis ist geschlossen. Sie pflopft sich sofort die Ohrhörer in die Gehörgänge, während ich damit warte, bis ich mein Sandwich vernichtet habe. Dann trägt Grandaddy mich über den Semmering.

Weil es draußen zu dunkel ist, um still in die Landschaft zu träumen, nehme ich mein Notizbuch aus der Tasche und notiere dies und das, mit Füllfeder auf Papier, und schließlich:

Vielleicht der stärkste Flashback von allen: Das Schreiben im Zug. Wie die Hand mit der Füllfeder das “Schwimmen” auf den Gleisen antizipiert, ausgleicht. Das macht mich auf unerwartet vertraute Art zufrieden mit dem Moment, ja sogar mit mir.

Und später dann noch:

Wie der stille Alte uns beide wahrnimmt, frage ich mich, zwei halbwegs weibliche Wesen, die sich mit Ohrhörern von der Umwelt abschoten, auf ihren Handies herumtippen und ab und zu dabei kichern (ja, ich auch). Wobei der stille Alte vermutlich gar nicht so viel älter ist als ich, jedenfalls besteht zwischen ihm und mir deutlich weniger Altersunterschied als zwischen ihr und mir. Ich weiß nicht, wahrscheinlich denkt er sich gar nichts. Trotzdem ist es irgendwie seltsam, wie wir so dasitzen, der Typ mit seinem Bier, das Mädel mit ihrem MP3-Player und ihrem Bier, und ich mit meinem Notizbuch, meinem MP3-Player und meinem Bier. Und ich frage mich, ob ich die einzige bin, die sich fragt, was die anderen beiden denken.

Und angekommen sind wir dann auch, irgendwann.

Sätze, im Kopf festgefroren

Ich will gar nicht darüber schreiben, wovon ich eben geträumt habe im schienengewiegten Halbschlaf zwischen Bruck und Mürzzuschlag. Nein. Will ich nicht. Schön wars trotzdem.

Wie dieser Zug heißt, steht nirgends, jedenfalls heißt er nicht Romy Schneider, denn der Intercity 535 Romy Schneider verkehrt zwischen Wien und Klagenfurt. Nicht Zwischen Wien und Graz. Mit Romy Schneider habe ich gestern die Strecke zwischen Wien und Bruck/Mur hinter mich gebracht. Und dabei wieder einmal daran gedacht, dass ich endlich herausfinden muss, wo im Netz die wirklich tollen Bilder von dieser wirklich tollen Frau sind. Damit ich sie der Zirbelschen Frauensammlung vorschlagen kann. Was ja nicht heißt, dass das auch angenommen werden muss. Aber mir hat sie dort immer schon gefehlt.

Der Zug, wie immer er nun heißen mag, ist fast leer. Bin fast allein im Abteil. Ganz alleine wär mir lieber. Im Moment. Aber das macht nicht viel. Ein bisschen müde bin ich. Das war ein gemütlicher Nachmittag, Frühabend, freundschaftsgetränkt und zwanglos kommunikativ. Plötzlich rede ich viel. Zuviel vielleicht. Über das eine und das andere. Über das Springen und über die Wüste.

Als könnte ich mit Worten diese Gefühle festhalten, die Gefahr laufen, im Alltag zu ertrinken. Als könnten meine Worte ein Gummiboot aufblasen, in dem wir beide, meine Gefühle und ich, dem sinkenden New Economy Schiff entkommen könnten. Und irgendwo neu anfangen, auf einer Palmeninsel mit weißem, feinen Sand.

Und dort könnte man auch wieder Sätze sagen, die man hier und heute nicht sagen kann. Sätze wie:

“Du bist so schön wenn du lachst!”

Und so ein Satz würde endlich wieder so klingen, wie er gemeint ist, und wäre gar nicht peinlich.


Ein Zug in der Nacht ist etwas anderes als ein Zug am Tag. Die Landschaft draußen ist nicht sichtbar, nur ein Licht ab und zu, und das viel zu helle Deckenlicht macht dem Reisenden viel zu bewußt, wo er hinschaut.

Läßt man den Blick gewohnheitshalber durch die Fenster ins imaginierte Draußen laufen, trifft man unweigerlich auf Spiegelbilder. Zuerst das eigene, dann die der Mitreisenden. Verschwommene Gestalten in vielfacher Lichtbrechung lesen, dösen, tratschen, und man kommt sich ein bisschen verschlagen vor als heimlicher Beobachter, und dann hebt einer oder eine den Blick und schaut einem meiner Spiegelbilder direkt in die Augen, ertappt und verwirrt muss der Blick schnell ganz wo anders hin springen, und dann der nächste Augen-Blick, und schon wird man ein bisschen

nervös.

Davor bewahren geschlossene Lider, und was für ein Gefühl das ist: Durch Bewegung und Geräusch des Zuges fast sofort in Halbschlaf versunken, bin ich für lange Zeit schwerelos wie sonst nur in meinen Träumen. Und dann durch die nicht ganz, nur halb geöffneten Lider blinzeln, wo man denn nun ist.

Die langen Zugfahrten aus alten Zeiten tauchen wieder auf, 38, 42, und noch weiter: um die 50 Stunden manchmal zwischen Einsteigen und Aussteigen. Vorfreude auf den Urlaub, das große Abenteuer Reise, ganz anders als in einen Flieger einzusteigen und ein paar Stunden später wieder hinaus, nicht: Erst hier, dann dort, sondern jede Veränderung der Landschaft, jede Wetterscheide, jede Staatsgrenze zu erleben, bis man endlich am Ziel war, die Fahrt ein Teil der Reise, nicht lästiges Kilometerfressen.

Aber damals, in dieser fernen Zeit, die gar nicht lange her ist, gab es auch noch keine Handys, kein immer und überall verfügbares Internet, war man einmal weg, dann war man weg, und selbst eine simple Telefonverbindung zu den Daheimgebliebenen konnte, wenn überhaupt, nur mit Mühe und unter hohem Aufwand an Zeit und Kosten hergestellt werden.

Das waren Zeiten. Soviel besser als heute. Soviel schlechter als heute. So völlig anders. Und gar nicht lange her.

Draußen der Mond, der volle runde, wolkenumschwärmt und groß und nah.

Da wundert mich nicht mehr, dass ich träume.


Der Traum

Es ist der Traum der Träume. Der Traum, der schamlos Bilder aus den alten Träumen stiehlt und sie zu einem Ganzen zusammenfügt, das außerhalb des Traums nicht existieren könnte. In diesem Traum grenzt Wüste an Meer. Birken wachsen neben Palmen, und gleich nach dem nordfarbenen Sonnenuntergang geht dieselbe Sonne wieder auf. Am selben Platz. In Südfarben.

Der Wein schmeckt rot und voll unter den Pinien, und niemand wird besoffen weil alle ganz bei sich sind. Wir sprechen ohne Worte. Wir sind satt von Gedanken. Und all die eingefrorenen Sätze tauen auf, und sie sind nicht mehr seltsam. Und ich sage:

Du bist so schön, wenn du lachst!

Schön wie eine exotische Blüte, dem Glashaus entkommen. Schön wie das Asphaltflimmern über der Straße, die nach Süden führt. Schön wie das Lächeln, das alleine zurückbleibt, wenn alles andere vergangen ist. Schön wie das beinah verlorene Leben. Schön.

Und du lachst.

 

In Zügen bin ich immer froh

Nein, heute ist nicht die strahlendste aller Wetterlagen, trotzdem ist die Luft frühlingsklar und lässt Gebäude, Bäume, Autos strahlen als wären sie aus Glas.

Am Südbahnhof hektische Betriebsamkeit, schliesslich fangen heute die Ferien an, alles voller Menschen, die nach Hause oder auf Urlaub fahren wollen, glücklich oder genervt, und dann bin ich im Zug und finde ein Plätzchen, tatsächlich, im Abteil mit einem scheu lächelnden ebenfalls Hennaroten Mädel, und später kommen noch andere dazu, aber die sind nicht wichtig.

Die Zugbewegung macht mich ruhig, zufrieden, wie ich das gewohnt bin. In einem Zug zu sitzen etliche Stunden lang: Das befreit von der Last des Irgendwo-Seins, ich bin geborgen in der stetigen Bewegung, die mich zu einem flüchtigen, ungebundenen Wesen macht.

Und ich packe mein Buch aus und zünde mir eine Zigarette an, und der Zug fährt los. Die Dinge schauen ganz anders aus heute, hinter dem Bahnhof Meidling zum Beispiel ist eine Baustelle, dahinter ein Friedhof, den man bislang nie gesehen hat, und ich bin verwirrt: Bin ich in der richtigen Stadt, im richtigen Zug? So fremd sieht das aus, auf der Backbordseite des Zuges, aber an Steuerbord ist alles in Ordnung, derselbe gute alte Bahnhof: von hunderten von Zugfahrten bekannt.

Dann hinaus aus der Stadt durch die Industrieanlagen, die aufgegebenen, die alten aber noch in Betrieb stehenden, die neueren und die ganz neuen. Eine Bilderserie müsste her, denke ich, und: das ist der Maschinenraum der Stadt. Die alten, fleckigen Ziegelhallen , schon lange leer, auf den Fassaden noch altdeutsche Schriftzeichen, verwaschen, verblasst, Die Dachziegel teilweise abgefallen, die Höfe überwuchert von Gestrüpp. Dazwischen verrostete Gerätschaften, dermaßen verunstaltet vom Vergehen der Zeit, dass man ihren ursprünglichen Zweck nicht einmal mehr ahnen kann: Nutzlos geworden, entwickeln sie eine Ästhetik der Trümmerkultur. Daneben, im selben Blickfeld, hochmodernes aus Glas und Beton: Kontraste . Und auch wieder nicht.

Ungefähr da habe ich alle Telefonate erledigt, schalte das Telefon aus, jetzt ein bisschen Musik, U2 kommt gerade recht, und dann durch das Wiener Becken nach Süden, die Wolken werden dünner da heraußen und höher glaube ich auch, und da stehen Bäume, die schon blühen und die noch schwarz und wie tot in die Landschaft greifenden bizarren Figuren der Weinstöcke, und die Welt, das Leben, rollt unter mir dahin, und die Musik in meinem Ohr macht aus der Ansicht einen Film, und der gefällt mir.

Und dann, ungefähr in der Höhe von Bad Vöslau, ist da tatsächlich ein Flieger am Himmel, ich hatte gar nicht aufgepasst, plötzlich diese Shilouette im Fenster, ja, das könnte eine Cessna sein da oben – oder auch nicht. Und die schwarzen Punkte daneben, darunter, habe ich mir nur eingebildet. Ganz bestimmt.

Dann die Stimme aus dem Lautsprecher, die die Musik übertönt, wir erreichen in Kürze: Wiener Neustadt, und wieder eine Überraschung im Fensterviereck, 2 Fallschirme, die sich herunterschlängeln, would you believe it? Zu weit weg, um auch nur die Farben zu erkennen… Bine, bist du das gewesen?

Noch voller wird der Zug jetzt, und dann geht es weiter durch die eigentlich triste Landschaft der Nadelbaumplantagen, künstlich gepflanzte und daher in Reih und Glied stehende Föhren, dazwischen Wege; schnurgerade, aber gerade dieses Stück liebe ich, aus alter Zeit her noch, wenn diese Landschaft mich begrüßt hat: Im Hitzeflimmern des August kenne ich sie, im klaren Licht der Frühlingssonne, im Regen und im Nebel und schneebedeckt mit einer dünnen, durchsichtigen Schicht oder mit einer dicken Decke strahlend weißen Weichs, und immer war sie ein Versprechen, damals, als Wien mein Fluchtpunkt war – auf dem Weg nach Süden ein beruhigendes: „Du kommst wieder zurück“, und in der Gegenrichtung ein: „Na also, du bist ja wieder einmal entkommen.“

Und oft habe ich mir gedacht, dass ich eines Tages dort irgendwo aussteigen werde, um in diesen Wäldern spazierenzugehen, wie die Paare, die ich ihre Kinderwagen durch alle Wetterlagen schieben gesehen habe, oder wie die Jugendlichen mit ihrem Hund, dem sie gerade das Apportieren beibrachten, oder wie die alten Männer, die alten Frauen, die ganz alleine ihre Runde durch diese in ihrer Verbindung aus Natur und Geometrie eigenartig anmutende Landschaft drehen, aber ich bin nie ausgestiegen, und ich bin auch sonst nie hingekommen… eines Tages vielleicht.

Dann hinauf auf den Semmering, hier werden die Wolken wieder dichter, die Landschaft versteckt ihre schroffe Schönheit, und ich verzichte heute auf mein Ritual des Semmering-Biers, dazu habe ich noch zuviel vor, wenn ich erst einmal angekommen bin.

Ach, wozu immer ankommen? Ein anderes Leben: Ein ganzes Leben im Zug.