Schlagwortnachbarschaft

Bassenadrama: Mein seltsamer Nachbar ist offenbar wieder mal splitternackt zum Gangklo und hat die fensterputzende Hausbesorgerin erschreckt.

WTF?

Der lärmtechnisch eher ruhige Nachmittag wird plötzlich von markerschütterndem Gebrüll durchschnitten. Es klingt ungefähr so, wie wenn ein ungeübter Metzger versucht, eine Sau abzustechen, während die Sau vor einem Megaphon steht. Ich bin aber ziemlich sicher, dass wir weder Schweine noch Megaphone im Haus haben. Also laufe ich, Telefon in der Hand, auf den Gang, um zu sehen, ob erste Hilfe, Rettung oder Feuerwehr gebraucht werden. Draußen die Nachbarin, die sich grade eine Zigarette anzündet (sie raucht nicht in der Wohnung). Ich frage: “Was war das?” – Sie rollt die Augen und schüttelt den Kopf: “Nichts.” Bevor ich nachfragen kann, fliegt ihre Wohnungstür mit einer Wucht auf, dass das ganze Stockwerk erzittert, und in der Tür steht die 9-jährige Tochter, mit hochrotem Kopf, aber offenbar unverletzt. Sie brüllt, in Sopran-Tonlage, mit der lautesten Stimme, die ich je bei einem Menschen gehört habe: “Ich wiiiiill aber einen Totenkopf auf den Arsch tätowiert haaaaaben!”

Ah, ja.

Ich schätze, ich geh dann Mal Ohropax kaufen.

Dialog der Welten

“Ich habe mich im Stich gelassen”, sagt eine fremde schöne Frau, und dann brüllt das Kind der Nachbarn (andere Seite): “Ich hab mir die Zähne schon geputzt!”. Der Rest vom Traum ist weg; der Rest des Morgens Schweigen.

Mein Nachbar sitzt am Klo und singt.

Addictions

“Nikotin!” verlangt der darbende Körper, beinahe hörbar, und folgsam (keinerlei wie auch immer geartete Vorsätze sprechen dagegen) bewege ich ihn vier Stockwerke tiefer und um die nächste Ecke, hinter der ein Zigarettenautomat köstliche Abhilfe verspricht. Und damit wäre diese Geschichte auch schon zu Ende, bzw. wäre gar nicht schreibenswert gewesen – hätte nicht der Rettung Suchtbefriedigung verheißende Automat mal wieder den Dienst verweigert.

Genauer gesagt verweigert der Apparat nicht seinen eigentlichen Dienst, sondern die Anerkennung der Karte, die nicht nur mein ins negative tendierende Vermögen verwaltet, sondern auch den Nachweis meiner Volljährigkeit erbringen soll – “Authent nicht erfolgr”. Für’s “ifizierung” reicht die Größe des Displays offenbar genauso wenig wie für’s “eich”. Ein Blick ins spiegelnde Automatenäußere zeigt allerdings, dass meine Fältchen nicht geglättet, mein Alter also nicht reduziert worden ist. Schade.

Seisdrum. Nächster Halt: Beisltour.

Gleich gegenüber ist offen, also nixwie. Oder so. Mein beherzter Anlauf auf die Tür wird unterbrochen durch drei recht jugendliche Gestalten, die den Zugang blockieren, indem sie davor stehen. “Iss ja voll uncool!” meint die linke (Gestalt), eine Einschätzung, die man angesichts der tristen Thekenhänger hinter der Glastür durchaus teilen kann. “Scheißegal, I wü ma heut des Hirn wegblosn” – die rechte (Gestalt). “Verzeihung, darf ich mal durch?” (ich) war milieupolitisch wohl die falsche Anrede; nichtsdestotrotz wenden sich 3 Augenpaare – mir zu.

“Ey, Oide – stimmt des?”, mit unbestimmter Handbewegung Richtung handbeschrifteter Tafel, werte ich als milde Reaktion. Ich lese “Dopel-Willemsbirn: 1,80”  auf der Tafel. “Na, wenn’s da steht, muss es auch so stimmen” kleide ich mein handelstheoretisches Halbwissen in Zuversicht, ohne weiters auf die Rechtschreibung einzugehen. Das bringt freien Zugang zum tristen Beisl. Als ich eineinhalb Minuten später mit unkompliziert ergatterten Zigaretten herauskomme, stehen sie immer noch da, alle 3. “Wie is des, do drin?” fragt der linke. “Düster”, antworte ich wahrheitsgemäß. 3-faches Schweigen folgt mir um die Ecke.

Morgen-Folter von Nebenan

Ich weiß nicht, was ich mehr hasse: Die hysterischen Zeichentrickstimmen um 6 Uhr früh oder die penetrant fröhliche Werbung dazwischen.

Surrealismus im abendlichen Treppenhaus

(Nachbarin 1 von oben nach unten, Nachbarin 2 von unten nach oben. Ich am Gangfenster, mit der Kamera auf Wolkenjagd.)
Nachbarin 1 lauthals: “Guten Morgen! … Äh… ” (schaut auf die Uhr)
Nachbarin 2: Des mocht nix, I hob die Butter vergessen.
Beide verstummen und schauen mich an.
Ich: “Guten Tag!”
Nachbarin 1: “…Abend.”
Nachbarin 2 (schon im Weitergehen) “Jojo, des Leben wort ned auf uns.”

Scheiß-Techno-Freaks

Die Party ist zwei Stockwerke unter mir – aber die Blätter meines Gummibaums zittern.

Schon lang nicht mehr getagebucht

Es war eine seltsame Nacht heute, vollmondig irgendwie, obwohl der doch längst vorbei ist. Zwischen den – durch lautes Türknallen unterstrichenen – Klogängen der hustenden Nachbarn (ungefähr halbstündlich) döste ich in einem überschärften Bilderreigen, als hätte ich eine seltsame neue Droge probiert. Das einzige, was ich tatsächlich probiert hatte, war eine Pizza mit Sommergemüse drauf. Vielleicht war es ja die Rache der Pizzagötter, weil so viel Gemüse auf einer richtigen Pizza nichts zu suchen hat.

Als mich um 4:16 eine weitere zugeknallte Tür aus dem Cockpit einer kleineren Cessna riss, die ich selbst geflogen war, während der Pilot den Flugplan ausfüllte, beschloss ich, heute nicht um 8 Uhr zum Heilturnen zu gehen. Das Heilturnen heißt natürlich “Rehabilitationsgymnastik in der Kniegruppe”, aber als letztens eine Mitturnerin mit slawischen Akzent “Ich bin jetzt Heilturnen” in ihr Handy flüsterte, habe ich das Wort sofort adoptiert. Heilturnen um 8 Uhr hieße aber: aufstehen um 6:45, und das hätte bedeutet, nach bestenfalls 2,5 Stunden richtigem Schlaf in Kontakt mit der feindlichen Umwelt zu treten – und was zu viel ist, ist zu viel. Außerdem kann ich ja zu Hause auch Heilturnen, und die Bewertung meiner Fortschritte muß einfach bis zum nächsten Termin warten.

Ich stellte den Wecker um, so, dass ich rechtzeitig anrufen konnte, um mein Nicht-Kommen zu kommunizieren, und machte mich wieder auf die Suche nach der Mitte des Schlafs. An seinen Ausläufern wechselte ich aber erst einmal das Flugzeug und zog mit der Skyvan über die Lande, diesmal nicht im Cockpit, sondern als Passageuse mit eiligem Auftrag. Als zwei Abfangjäger mit österreichischem Kennzeichen auftauchten und punktgenau erst den einen, dann den anderen Motor vom Flügel schossen, war ich halbwach genug, um zu verstehen, dass nur wieder einmal eine Klotür geknallt hatte. Ich wünschte den Nachbarn geistig gute Besserung – offenbar haben sie zusätzlich zum Husten eine böse Darmgrippe – nahm aber trotzdem einen Fallschirm, um dem schwer beschädigten Flugzeug zu entkommen. Ich wählte den großen, um sanft zu landen, weil ich ja mein Knie nicht abbiegen kann. Der zufällig ebenfalls mitfliegende Tandemmaster schnallte meinem nichtspringenden Begleiter das Tandemgeschirr und sich selbst den Fallschirm an (mein Unterbewusstsein ist manchmal erschreckend realistisch) und fauchte mich an, weil ich Schwierigkeiten mit dem Öffnungsmechanismus der Tür hatte (wirklich unnötig realistisch). Wir sprangen und sahen das Flugzeug im wirbelnden Schneesturm verschwinden (nicht sonderlich realistisch) und dann sah ich das Tandem sowohl von oben als auch vom Boden aus sauber landen, nicht aber meine eigene Landung, die aber gut gewesen sein muss, weil ich dann schon dabei war, den Schirm zu packen. Der Tandemmaster stand daneben und nörgelte an meiner Packweise herum, während der Passagier versuchte, das Erlebnis soweit zu verdauen. Jetzt wäre die falsche Zeit, um mich zu belehren, sagte ich dem Tandemmaster, denn wer immer versucht hätte, uns vom Himmel zu schießen, würde sicherlich auch am Boden nach uns suchen… da fiel der erste Schuss. Der natürlich keiner war, sondern – Überraschung! – schon wieder die Klotür.

Dummerweise war ich jetzt nicht mehr nur halb- sondern hellwach. Ich überlegte, hinauszugehen und den Nachbarn eine Lektion in “ziviles Türenschließen, Stufe eins” zu geben. Ich ließ es aber bleiben. Nicht, weil ich so nachsichtig bin oder die Nachbarn zu gern hätte, auch nicht aus Angst – sondern einfach, weil mir um diese Uhrzeit der Gedanke an Kommunikation (und sei es auch ein einfach gebrülltes “Könnt ihr die Tür nicht leise zumachen, ihr Arschlöcher?”) schlimmer ist als alles andere. Ja, ich bin seltsam.

Ich fragte mich, was mit der motorlosen Maschine im Schneesturm wohl in Wirklichkeit passiert wäre, kam zu keinem Ergebnis, stand auf, rauchte eine Zigarette, checkte die Postfächer (die natürlich, vom Spam mal abgesehen, leer waren), überlegte, ganz ohne Schlaf doch zum Heilturnen zu gehen, verwarf den Gedanken wieder, las über blogg.de das Tagebuch einer depressiven Grundschullehrerin, bis ich zu frieren begann und wieder ins Bett ging. Die ganze Zeit über war es nebenan völlig ruhig gewesen. Kaum löschte ich bei mir das Licht, begann drüben das Gehuste wieder. Während ich darüber nachdachte, wieso ausgerechnet das Leben einer depressiven Grundschullehrerin mit seiner tristen Gleichförmigkeit in mir ein bisschen Sehnsucht nach einem gutbürgerlichen Leben auslöste, knallte die Tür drei Mal. Dann irgendwann schlief ich ungestört, endlich.

Als ich gegen acht die Abteilung Heilturnen anrief, klang meine Stimme wie die von Joe Cocker nach einer sehr langen Nacht. Die Dame im Hörer wünschte gute Besserung und empfahl ungefragt Salbeitee mit Honig. Ich korrigierte ihre Annahme nicht, legte auf und ließ den Vormittag ohne mich vorübergehen. Einmal kratzte etwas an meinem Bewusstsein, ungefähr wie ein schneeschaufelnder Hausmeister, aber das muss wohl eine falsche Assoziation gewesen sein.

Die Strafe für solch frivoles Faulenzen folgt natürlich auf dem Fuss, dringliche Emails in dreifacher Ausführung, mehrfache Nachfragen auf allen bekannten Kommunikationskanälen, nichts wirklich Wichtiges, aber heute hält ja jeder alles für wichtig; man hat sich da schon so daran gewöhnt, dass es normalerweise kaum mehr auffällt. Dazu allgemeine Mattigkeit und das monatliche Bauchgrummeln – als hätte das nicht bis morgen Zeit gehabt.

Als ich endlich alle kleinen lästigen Tasks erledigt hatte und einkaufen gehen konnte, begann es schon abendzudämmern. Draußen am Gang roch es nach frischgebackenem Schokoladekuchen. Auf der Treppe zum Dachboden malerisch schräg hingeworfen ein abgenutzter Besen – fallengelassen, als wäre sein Benutzer Hals über Kopf geflüchtet. Wovor nur? Haust oben unter dem Dach etwa Trude, die Teufelstaube?

Vor dem Fenster, gegen den Wienerwald hin, ein dichtes Leichentuch aus Nebel. Sah aus, als würde es näherkommen. Ich wollte es nicht wirklich genauer wissen und humpelte, mittlerweile in annehmbarer Krückengeschwindigkeit, hinunter zur Trafik und dann zum Supermarkt. Dass man mich in letzterem des Diebstahls der c’t bezichtigte, die ich in Wahrheit in der Trafik gekauft hatte, wunderte mich kaum mehr. Nach diesem Tag.

Umziehen

Umziehen ist so eine Sache. Kann ich jetzt wieder aus erster Hand sagen, wo ich dem werten Sufi seit Tagen (zwar spärlich aber doch) dabei zur Hand gehe. Ich weiß auch wieder, Kistenschlepp- und Regalzusammenbau-Muskelkater sei Dank, warum ich mir beim Einzug in meine jetzige Wohnung (die damals schon als Notlösung gedacht war) geschworen habe, erst dann wieder umzuziehen, wenn ich etwas gefunden habe, wo ich für den Rest meines Lebens bleiben möchte.

Ich meine, es geht ja nicht nur um die paar Tage, die man – offenbar naturgemäß – zwischen Kisten und Schraubenziehern, zwischen Inbusschlüssel und Putzfetzen am Rande der Hysterie wandelt, bis zu dem Punkt, an dem man sich den Schweiß von der Stirn wischt und eigenschulterklopfend bemerkt: Das ist ja wieder einmal gutgegangen.

Sondern auch darum, sich immer wieder eine fremde Umgebung vertraut zu machen. Wobei: die Gegend, vielmehr die Wohnung, in die dieser liebe (wenn auch manchmal anstrengende) Freund jetzt zieht, haben wir uns beide – nur mittelbar unabhängig voneinander – schon vor Jahren zu eigen gemacht. Es war also fast eine Quelle der Verwunderung, dass in diesem Haus, dessen Hausordnung “Nachtruhe ab zehn Uhr!” vorschreibt, der erste Nachbar ob unserer fortgesetzten Regalbau-Aktivitäten nicht schon um 10:15, sondern erst um 10:25 belehrend an die Tür klopfte.

Noja. Irgendwann ist auch die (vorläufig) letzte Kiste möglichst leise ausgepackt, und nachmitternächtlicher Hunger treibt einen durch die Stadt. Das Beatrixstüberl ist ja leider vergangen, aber immerhin, die Gräfin gibt’s noch. Wobei es, obwohl immer noch August, so gegen ein Uhr doch empfindlich kühl wird, draußen.

Und dann heim. Genau: heim! Heim in dieses heruntergekommene Mietshaus, dessen Farbe in den oberen Stockwerken seit dieser Katastrophe völlig ungehindert von den Wänden blättert. Ich lächle beim Aufschließen, weil der Typ ganz unten, rechts von der Eingangstür, wieder mal irgendeine Polizeiserie so laut laufen hat, dass man bei den unvermeidlichen Sirenen unweigerlich einen Blick über die Schulter wirft, obwohl man weiß, dass Einsatzfahrzeuge bei uns ganz anders klingen.  Derselbe Typ, der wegen einer nicht näher bezeichneten Krankheit frühpensioniert ist und der dem Hausmeister und allen Mietern ständig in den Ohren liegt, dass es nicht angeht, dass nach Mitternacht jemand die Haustür öffnet und schließt, weil ihn das an seinem krankheitsbedingt dringend nötigen Schlaf hindert – wo doch das ganze Haus weiß, dass dieser Fernseher täglich bis in die Morgendämmerung lautstark läuft. Täglich.

Ich beäuge den Postkasten, nehme die üblichen Werbeprospekte heraus, halte die Luft an und kann trotzdem nicht verhindern, dass mir beim Öffnen des Papiercontainers eine Wolke des Totrattengeruchs in die Nase steigt, der nicht nur mich, sondern unweigerlich alle in den Wahnsinn treibt, die diesen Deckel heben.  “Was soll machen” fragt die Hausmeisterin lauthals, sobald man sie darauf anspricht (und das geschieht oft), “schon xMal gewaschen mit allen, was hilft. Hilft nix!” – Offenbar hilft wirklich nix. Der Container, in leerem Zustand fürs Auge völlig sauber, riecht, als hätte man darin eine Woche lang eine Leiche aufbewahrt, und das bei 35 Grad Außentemperatur.

Ich nehme, mit einem unweigerlichen Seufzer, die ersten Stufen in Angriff. Vier liftlose Stockwerke. Das habe ich sicher schon irgendwann einmal erwähnt.

Im ersten Stock sitzt wieder einmal das Kaninchen vor der Wohnungstür. Ich habe vor einer Weile angefangen, mich zu fragen, wie lange Kaninchen eigentlich leben, denn dieses Kaninchen gibt es schon, seit ich hier eingezogen bin. Es ist leicht erkenntlich, am dreifarbigen rechten Ohr (das linke Ohr dagegen ist reinweiß), und an seinem Verhalten: Es hockt, wann immer ich es sehe, zitternd auf der immergleichen Türmatte. Je näher man kommt, desto mehr zittert das Hinterteil, und kurz bevor man den Treppenabsatz erreicht, macht es einen 180°-Dreher aus dem Sitzen. Offenbar ist der sich nähernde Riese weniger gefährlich, wenn man ihm nicht direkt ins Auge sehen muss.

Im zweiten Stock dann der Rest eines Geruchs nach Kutteln. Den Hund, für den die regelmäßig gekocht werden, habe ich noch nie gesehen. Man hört ihn aber ab und zu Jaulen. Jedenfalls kann ich davon ausgehen, dass der Geruch, auch wenn er auf dieser Höhe bereits halb verflogen ist, sich unter dem Dach sammelt und mit der geballten Kraft des fehlenden Auswegs durch die teuflisch undichte Tür den Weg auch in meine Wohnung gefunden hat. Ein Glück, dass es warm genug ist, um nachhaltig zu lüften.

Im dritten Stock Totenstille. Auch das vertraut, seit der Typ ausgezogen ist, der regelmäßig um 3 Uhr früh heimkam und dann den Fernseher auf Höchstlautstärke gestellt hat, um dann daneben… ja was? Einzuschlafen? In Halbtotenstarre zu versinken? Klingeln, klopfen, anrufen hat nie eine Reaktion bewirkt.  Etliche schlaflose Nächte später bemerkte ein Übernachtungsgast nebenbei: Warum drehst du ihm nicht einfach die Sicherung heraus? und verursachte damit etliche ängstlich-atemlose Trips durchs nächtlich-dunkle Treppenhaus, ähnlich wie damals im Internat, als wir… aber das ist eine andere Geschichte. Seit unter mir dauerhaft Ruhe herrscht, weiß ich nicht recht, ob der Gedanke an irgendjemand (zu Gesicht habe ich diesen Nachbarn nie bekommen), der aus Verzweiflung über unzuverlässige elektrische Anlagen die Wohnung wechselt, mir eine Grimasse der Reue oder ein Grinsen des Triumphs entlockt.

Ist ja auch egal. Endlich oben. Mein direkter Nachbar hat immer noch die unsäglich rote Lampe hinter der Glastür und diesen Husten, der ihn eigentlich schon längst auf den Zauberberg befördern hätte sollen. Immerhin ist aber seine Kärntner Mutter abgereist, die nicht nur notorische Frühaufsteherin ist (6:30), sondern auch noch so schwerhörig, dass es mir in diesem Sommer nicht erspart geblieben ist, seine Meinung nicht nur über mich, sondern auch über alle übrigen Nachbarn und – natürlich – zu allen lokalen und internationalen Tagesthemen zur Kenntnis zu nehmen.

Was übrigens durchaus interessant war; nach den diversen Ehestreits (teilweise mit Polizeieingriff) und unseren wenigen persönlichen Begegnungen hätte ich ihn für wesentlich beschränkter gehalten, als die Diskussionen mit seiner Mutter jetzt vermuten ließen. Ach ja.

Drüben in der Eckwohnung läuft wieder einmal Hair, und hinter den rotorangen Vorhängen bewegen sich dunkle Schemen verdächtig jung. Ich weiß noch die Zeit, als ich mich auf so eine Party unweigerlich eingeladen hätte, aber hej: Die ist vorbei. Spätestens, seit ich dem Mieter ebendieser Wohnung erklären musste, dass es eben nicht in Ordnung wäre, wenn er die Prospekte, die “diese Scheiß-Inder” immer an seine Türe hängen, recht unbeschwert auf meine Wohnungstüre umverteilt. Leider stellte sich im Laufe des Gesprächs heraus, dass der junge Elektrotechnik-Student, der mindestens einmal die Woche eine Party mit toller Hippie-Musik schmeißt, nicht nur latent ausländerfeindlich, sondern geradezu stolz auf seine faschistischen Ansichten ist. Soviel dazu.

Ich schließe die eigene Tür hinter mir, mache in oft verwendeten Handgriffen dasfensterauf diejalousienhoch dencomputeran,  da draußen schon wieder diese einsame Grille, und denke dabei, wie seltsam es ist, dass ich mir viel leichter vorstellen kann, nach Berlin, nach London oder auch nach Tadschikistan zu gehen, als hier in Wien den Bezirk oder auch nur den Straßenzug zu wechseln.

Eine neue Wohnung, bitte!

Ich hab es satt. Ich habe es so verdammtnochmal verdammt satt.

Da will man glatt früh schlafen gehen (so man 2:15 als früh bezeichnen kann), versenkt Linsen in Linsenflüssigkeit, putzt Zähne, dreht alles ab, was man nächtigens besser abdreht, und klettert in die vermeintlich heimelige Wärme seines Hochbetts. Beginnt, aus dem Jetzt in ein Anderswo zu driften, und es wäre alles gut, wenn nicht…

“ump…ump…ump…”

…genau jetzt der Nachbar heimkommen & prompt den Techno-Sampler auf Wochenendlautstärke stellen würde.

13 hoffnungsfrohe Wälzer später stehe ich entnervt wieder auf. Checke Email & News. Natürlich hat sich nichts getan. Was sollte sich auch tun, um 3 Uhr früh. Überlege, ob ich nicht doch mal Schwein sein und die Bullen rufen sollte, wegen Lärmbelästigung. Aber das wäre irgendwie deutlich unter meiner Würde.

Dann plötzlich: Stille. Dieses Aufatmen! Und zufrieden lächelnd wieder hochgeklettert, in das warme weiche. Bett.

Nur um Minuten später wieder hochzuschrecken. “Du blede Sau Du! Mit mir kaunst des ned machen! (…)” von unten, von der Straße.

Kann man erstmal gut ignoriern. Aber als das Gebrüll in ein hohes, von Schluchzern durchsetztes Kreischen übergeht, klettert man doch wieder runter & wirft einen Blick durch’s Fenster. Man weiß ja nie.

Gerade rechtzeitig, um die Ankunft der Funkstreife mitzukriegen, mit Blaulicht, aber ganz ohne Lalü-Lala. Nun versucht die Funkstreife erstmal in vorbildlicher Art und Weise De-Eskalation zu betreiben, was allerdings angesichts des toxikolgischen Befunds des Krawallmachers keine wirklich beschwichtigende Wirkung hat.

Der Hausmeister ist auch schon wach, tritt aus der Haustür & fragt, was denn los wäre. Der Besoffene beginnt, seine Geschichte lauthals von neuem zu erzählen. Die Polizisten versuchen vergeblich, ihn daran zu hindern.

Ich höre irgendwas von “letztem Stock” und “ermitteln”. Schnell das letzte Licht ausgemacht, da klopft es auch schon an der übernächsten Tür. Und nochmal. Und nochmal. Nichts.

Plötzlich klopft es an meiner.  3 Klopfzeichen lang halte ich aus, bevor ich mit dem bereitgelegten Morgenmantel dann doch zum Öffnen schlurfe.

“Ham sie scho g’schlafen?” – No na. Es ist 4 Uhr 12. “Kennen sie diesen Herrn?” Ich nicke bestätigend & gestehe, dass ich ihn 2 Türen weiter bereits ein- und ausgehen gesehen habe. – “Wissen Sie, ob die Wohnung ihm g’hört oder einer Dame?” – Bedaure, keine Ahnung. “Na dann, enstchuldigen sie die Störung…” – Tür zu. Weiteres Klopfen nebenan. Nichts rührt sich. Vielleicht ist jetzt ja endlich…

…eine bislang unbekannte weinerliche Stimme mischt sich ein. “Warum passiert sowas immer mir? Warum muass sowas immer mir passiern?” – Dazu die männliche: “Red kan Schaß, heast, vastehst, des is mei Wohnung, MEINE, schleich di ham…” Und dazwischen die bemüht freundlich begütigenden Worte der Gesetzeshüter. Schritte die Treppe runter. Dann wieder rauf. Weitere sinnlose Diskussionen. *gähn*

OK, seit dem Beginn des vorletzten Absatzes ist Ruh’. Ich versuch’s nochmal mit schlafen. Aber wer mich morgen (heute) vor 12 Uhr anruft, ist wirklich selber schuld.

Kälte ist eine Sache…

…dass der Typ aus dem zweiten Stock mitten in der Nacht Kutteln für seinen Hund kocht, dieselben anbrennen läßt und statt dem Fenster die Gangtür aufmacht, ist eine andere. Ich lüfte hier schon Durchzug auf gefühlte -5 Grad. Es riecht immer noch zum Kotzen. Herzlichen Dank.

No Fun

Aufwachen vom röchelnden Husten des Nachbars; jemand der seit Jahren jeden Morgen so hustet, müsste schon längst tot sein, ist er aber nicht; heute neues Geräuschfragment dazwischen, ein gullerndes Gluckern, erst nach dem Ende des Hustenanfalls feststellen können, dass es von der anderen Seite kommt: Dort quält offenbar jemand ein Baby (mantraartig wiederholtes “Ja wie heißt denn du? Gulli Gulli Gulli!”); Vermutung Momente darauf durch gellendes Babygeschrei bestätigt; versteh ich gut: Wenn mir jemand so dämlich kommt, würd ich auch brüllen. Männliche Stimme dazwischen, nicht zu verstehen, Baby wieder still, Quälerin auch.

Vollmondtraumfragmenten nachgehangen, sehr weit weg, sehr zart & warm; Telefon klingelt dazwischen und berichtet von Sonnenschein, hier ist es finster. Niesanfall schmerzt in taschentuchaufgescheuerter Nase. Ohren dafür wieder frei.

Einziger Vorteil der kalten Jahreszeit ist, das Schlafgemach wenig zu heizen & dafür unter einem Deckenwall verkriechen; ich liebe das. Aufstehen ist dann weniger lustig, aber aufstehen ist ohnehin nie lustig.

Mein madegassischer Mini-Baobab, der den Sommer sehr genossen hat, kümmert dahin, seit Tagen schon. Ich gönne ihm einen Platz unter der hellsten Lampe & mir dann anschließend einen Kaffee. Zum Kaffee die computerliche Morgenrunde, mit den Zähnen knirschend erstmal durch die Mail; ich habe meinen Spamfilter ausgezeichnet dressiert, hilft aber nix, wenn nette Freunde den dümmsten Schwachsinn weiterleiten, man könnte verzweifeln an Seminaren zur inneren und äußeren Erleuchtung, manche fallen immer noch auf den Nokia-Gratis-Phone-Schmä rein, schwer zu glauben; ähm, und auch wenn ich Musik sehr gern habe, braucht ihr mir nicht jeden Band-Newsletter weiterzuleiten, den ihr kriegt, weil die, die mich interessieren, habe ich selbst abonniert.

& der Rest des Sonntags gehört meinem werdenden Pulli und der wachsenden Musikbibliothek.

Manchmal ist der Scheißkerl von gegenüber ja auch für was gut

Zum Beispiel, wenn man wissen möchte, was sich auf dem Fussballfeld tut, aber gleichzeitig einen Krimi sehen. Der Scheißkerl schaut nämlich immer Fussball, und wenn ein Tor fällt (oder ein Elfmeter gepfiffen wird oder eine rote Karte gegeben), dann schreit der Scheißkerl: “Toooor!” oder “Scheißeeeee!” oder “Supaaaaa!” oder “Oaaaschloooch!”, je nachdem. Und zwar so laut, dass man es bestimmt auch noch um zwei Ecken hört. Ich aber, direkt gegenüber, muss dann nur nach jedem Schrei schnell den Fernseher umschalten, um verläßlich jede sehenswerte Szene aus dem Spiel in der Zeitlupenwiederholung zu sehen.

Ob

Das wars dann wieder mit dem Frühling. Fürs erste. Vom Himmel fällt Wasser, und ich bin müde. Die Ehestreits der Nachbarn werden heftiger. Um halb drei Uhr früh weckt mich das Getöse zerschellenden Geschirrs. Auf meiner Seite der Wand rieselt der Putz herunter. Langsam sollte ich mich wirklich nach einer ruhigeren Wohngegend umsehen.

Ob dieser Tag noch zu einem Besseren wird?

© 2018 sturmpost

Theme von Anders NorénNach oben ↑