Schlagwortnostalgia

Die letzte ihrer Art?

Kosmonauten im Fünften? #streetart

Werbung, verblasst

Anno 1985

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… like a whisper

...like a whisper

Verloren oder weggeworfen, sie liegt am Boden, die einsame Rose ohne Stiel, und die Ränder der Blütenblätter werden schon schwarz – aus Kälte oder aus Trockenheit, wer weiß. Ich hab sie mit nach Haus genommen, ich konnt nicht anders. Und dabei mag ich gar keine Rosen. Außer halt weggeworfene. Die passen irgendwie zu mir.

Rose ohne Stiel

Jetzt wohnt sie in dem kleinen blauen Flacon mit der güldenen Verzierung und sieht seltsam aus dabei. Sie steht schon ein paar Stunden da, und immer noch kommt sie mir seltsam vor, so kurze Rosenköpfchen bin ich nicht gewöhnt. Sie hat ein bisschen die Blätter gespreizt, mir scheint fast, sie möchte dankbar duften, doch meine Schnupfennase bleibt den Beweis schuldig.

Das blau-goldene Fläschchen hab ich übrigens auf Öland gekauft, im Sommer ‘95 war das. Die ganze schwedische Sommerinsel im Flohmarktfieber. Eine Krone und kein Grund, außer dem Sonnenstrahl, der das Blau durchscheinend und das Gold kostbar scheinen ließ. Zum ersten Mal seit damals steht es nicht einfach nur leer da.

Fliegen, 1944

Wieder mal mit der Vercelli L3 unterwegs, von Neustadt-Glewe nach Lüneburg. Es war eine Strecke die oft geflogen wurde, man kannte sie auswendig. Zwischen Neuhaus und der Elbe war ein weibliches Arbeitsdienst-Lager und in dessen Nähe ein paar kleine Seen. Bei schönem Wetter badeten dort immer einige der Damen und es war üblich sie anzufliegen und ihre Kleider wegzupusten.

Solche und andere Geschichten aus der mehr oder weniger guten, alten Fliegerzeit erzählt User Bobby V. in RP onlines “Opinio-Magazin”.

Sowas wie ein heutegewordener History-Clip

Heute saß ich da, das Fenster weit offen, obwohl es nicht gerade warm ist (aber man muss nehmen, was man kriegen kann) und versuchte (bislang vergeblich) ein in Mozilla und Opera wegweisendes Design auch im IE halbwegs ansehnlich zu kriegen. Ich wusste nicht so recht, welche Melancholie mir da in spärlichen Atempausen das Rückenmark hochkroch, bis ich – designtechnisch endgültig in eine Sackgasse geraten – einen Kreativspaziergang vom Schreibtisch zur Wohnungstür und von dort zum Wohnzimmerfenster einlegte, wo ich (in Gedanken immer noch bei meinem Stylesheet) die Arme auf das gerade nicht mehr regennasse Fensterbrett legte und den einen oder anderen Blick auf das Leben in der Gåssn warf.

Die Blicke fanden nichts Besonderes; da war der Schnitzelbräter, der ein paar Worte mit der Frau mit dem Hund wechselte (vermutlich übers Wetter, das gibt ja genug her dieses Jahr); da war der VW-Verkäufer, der mit zwei anderen in ein heftiges Gespräch vertieft war (möglicherweise darüber, wie am Wochenende 3 Polizeistreifen auf eine minutenlang nervende Alarmanlage reagiert hatten); da waren die Kids, die wie jeden Abend um diese Zeit ihren Basketball nach Hause peppelten.

Aber da war noch was.

Irgendwie fern schwebend dahinter.

Trommeln… nein, Bongos.

Bestimmt, aber dennoch unsicher. Voll im Rhythmus, aber nicht immer im Takt.

Dieselben Trommeln, die der ewige Soundtrack der gesamten 90er waren, unten an der Dechantlacke, damals, als man dort noch baden, entspannen, sommerleben konnte, ohne Spießrutenlauf zwischen alten Spritzennadeln und den ebenso spitzen Bemerkungen der Quartalsäufer.

Ganz seltsam unangebracht altvertraut sympathisch nervig.

Universaldilettanten aller Länder…

Dieser Eintrag mit dem Hinweis auf die seltengewordene Spezies der Universaldilettanten hat mich natürlich sofort an meine allererste Visitenkarte erinnert, ungefähr 1990 muss das gewesen sein; Schrift und Linien im (kannstdicherinnern) Venturapublisher, dazu die kleinerkopierte Karikatur von “unserem” Comic-Heinz, das war eine Fummelei, das nach & nach auf die richtige Größe zu bringen & dann in die 24 Felder auf dem Bogen sauber hineinzukleben, Diskussionen über den richtigen Klebstoff für Layouts wurden hitzig geführt; Scanner gab’s schon, aber eine Stunde an dem Gerät kostete mehr, als ich in einer Woche verdient habe. Heute hätte ich ja einen in der Ecke stehen, bin aber zu faul, jetzt unter den Tisch zu kriechen und ihn anzuschließen, für ein einziges Blatt, daher das lausige Phone-Cam-Bild.

Dann die Fragen dazu, warum man sich selbst als Dilettanten bezeichnet, kann man ja schön erklären, dass das lateinische Grundwort bedeutet, etwas “gerne zu tun” einerseits, dass man zu Zeiten Goethes noch Universalgenie hätte sein können, aber heutzutage… und so fort; in Wirklichkeit gefiel mir einfach nur das Wort, gefällt mir immer noch.

(Und wenn das alles etwas gehetzt klingt, tut es das zu recht, ich sollte nämlich längst woanders weiter-dilettieren) (Adresse stimmt längst nicht mehr, natürlich)

Ich muss aus dieser Stadt raus

An jeder Ecke lauern Geschichten, die nur darauf warten, mich anzuspringen; kein Bezirk, kein Winkerl, in dem nicht klebrige Vergangenheit von den Häuserwänden träufelt; siehst du, das ist die Straße, die ich hinuntergewandert bin damals, als ich zum ersten Mal allein hier war, zuversichtlich, binnen einer Stunde ein Studentenwohnheim zu finden, von dem ich nicht einmal den Namen kannte, geschweige denn den Bezirk, ich wusste nur, dass dort an dem Tag eine Party stattfinden sollte. Siehst du, dort ist das Cafe in dem ich mit meinem Partner gesessen bin, damals, als wir überzeugt waren, ein semiprofessionelles Video-Business wäre die Geschäftsidee des Jahrzehnts (für alle, die sich ein professionelles nicht leisten konnten: so wie wir uns professionelle Ausrüstung nicht leisten konnten), vor und nach dem ersten (und vorletzten) Auftrag saßen wir da in diesem Cafe und schmiedeten Pläne; ein paar Tische weiter der Typ, in den ich während meines unvollendeten Geschichtstudiums unsterblich verknallt war; den habe ich da übrigens zum letzten Mal gesehen, bevor er ein paar Jahre später beim großen Lesewettbewerb auftauchte. Ein paar Haltestellen weiter – kann man es denn glauben? – ist da sogar noch die riesige Blase im Beton, an der ich mir seinerzeit den Knöchel verknackst habe, als ich mich um einen Kellnerinnenjob berwerben wollte; den Job konnte ich vergessen, ein Riesenglück, im Nachhinein betrachtet; aber bringen die hier nicht einmal die Straßen in Ordnung? Das ist über 10 Jahre her!

Da ist die Bank, auf der ich, dort ist das Beisl, in dem ich, hier die Brauerei, in der wir, dort die Haltestelle, an der… und da, wo ich mein abendliches Pizzastück hole, dort habe ich schon vor 15 Jahren dann und wann ein Pizzastück; klar haben die Besitzer gewechselt, mehrfach, aber die Öfen sind dieselben geblieben. Und dann erst; als mein zielloses Umherstreifen unbeabsichtigt ein bisschen weniger ziellos wird, als ein Teil von mir mich um eine Ecke zieht, weil da – noch eine Ecke weiter – ein Lokal liegt, in dessen Schanigarten man ein nettes absichtsloses Sommerabendbier trinken könnte; als ich nun wirklich nicht aufpasse und nirgends hinsehe, sondern den Rest von mir frage, ob er mit dieser absichtslosen Absicht einverstanden ist, da streift mein innerlich abwesender Blick ein Schaufenster und ich bleibe stehen, als hätte mich der Blitz getroffen; da, in diesem selben Schaufenster hängt, an der selben Stelle wie vor 20 18 Jahren, derselbe goldumrandete Spiegel wie damals, der Spiegel, in dem ich regelmäßig – wenn ich in ebenjenes Lokal wollte – noch schnell mal überprüft habe, ob die Frisur auch sitzt, ob die Wimperntusche, die ich zu der Zeit noch deutlich häufiger aufgetragen habe als heute, auch nicht verschmiert ist und ob der Lidstrich besser aussieht, wenn ich von unten nach oben oder wenn ich von oben nach unten blinzle; es ist der selbe! ver dammte! Spie gel!

Eine tiefe Trostlosigkeit überkommt mich; ich denke eine Zeitrafferkamera vom Haus gegenüber auf diesen Spiegel gerichtet, eine Kamera, die alle meine Blicke bewahrt hat und auch den heutigen bewahrt und deren fieses Objektivgrinsen immer breiter wird, mit jedem Mal, dass ich in den Spiegel blicke; ich könnte mich gleich hinsetzen auf die Stufe vor diesem Schaufenster und in langen stillen Jahren verwelken und vergehen, zwischen Spiegel und Kamera, es würde aussehen wie das faulende Obst in der Plastikflaschenwerbung; großartige Werbung übrigens; stattdessen reiße ich mich los von dem Spiegel und von dem Zeitloch; es ist ein Antiquitätenladen, natürlich, immer noch, natürlich, die sollten ihre Waren verkaufen und nicht harmlose Passanten damit erschrecken, mir ist, als wäre ich unversehens in eine Steven-King-Verfilmung geraten. Nur nichts anmerken lassen; auch das wie damals, übrigens, ich kaufe noch einem Zeitungsmann den Falter ab, quasi als Belohnung, weil er ihn mir direkt angeboten hat ohne mich mit Krone und Kurier zu belästigen; der Garten des Lokals, das an allem Schuld ist, ist bis zum letzten Platz gefüllt, ein Glück wahrscheinlich, mit 1 Bier wäre das heute sicher nicht erledigt gewesen;

ich gehe weiter und denke: ich will raus aus dieser Stadt, irgendwohin, wo nur fremde Geschichten in der Luft herumhängen und keine einzige von mir;

nur ein paar Straßen weiter heimwärts dann dieser Typ, ein richtiger Sandler, der an einem der Alleebäume lehnt und in ein Schaufenster starrt, eine Zigarette in der Hand, mal ein paar Schritte näher ran geht, sich dann wieder zurück an den Baum lehnt; was zum Teufel macht der da denke ich und ob ich die Straßenseite wechseln soll, aber wirklich zum Fürchten sieht er ja nicht aus;

dann geht alles sehr schnell, von der anderen Straßenseite ein weißhemdiger Kellner mit einem Bier in der Hand; “He Alter sorry, bei uns kannsd wirklich ned fernsehen, aber des Bier schenkt da da Chef”; in dem Moment habe ich die Stelle erreicht und sehe im Schaufenster einen Fernseher, der irgendwas olypmpiahaftes zeigt; der Sandler ist wirklich einer; ziemlich dreckig und murmelt jetzt etwas von “eh klar und trotzdem, aber danke”;

ein paar Schritte später noch ein Blick zurück, der Kellner verschwunden, der Sandler hat sich mit dem Rücken zum Baum hingesetzt, starrt immer noch auf die tonlose Sportveranstaltung und nippt am Bier;

ich sehr gerührt und denke: genau das ist Wien! Während mein zynisches ich mich für ebendiesen Gedanken psychisch kräftig in den Arsch tritt.

Auch der Spiegel im Nachhinein betrachtet mehr ein abgründiger Schmäh als wirklich verletzend; vielleicht gibt es ja noch anderswo einen Garten, in dem man sich ein Getränk bringen lassen und den Falter lesen könnte? Aber es gibt keinen, alles entweder wegen Urlaub geschlossen oder Eckbeisl voller lebender Leichen;

macht ja auch nichts. Ich trage ächzend mein Kreuzweh in den vierten Stock, werfe noch einen Blick aus dem Gangfenster, das über die Stadt schaut, und denke, dass ich sie so am meisten liebe, diese Stadt, ein Lichtermeer von weit oben, keine Details bitte;

und während der Computer wieder hochfährt und ich die Fenster öffne und den Ventilator umstelle, um die Temperatur in meiner Dachkammer in absehbarer Zeit auf “schlafbar” zu drücken, fällt mir D.H. ein, der mir damals, als ich sehr frisch hier war und und sehr verliebt in Die Stadt, den guten Rat gegeben hat: Ja sie ist schön, hat er gesagt, wunderbare Stadt, genieß es, aber bleib hier nicht hängen, hörst du? Wien, nach einer Weile, ist wie ein Sofa, aus dem man nie wieder aufstehen will; man kann das Leben genießen, aber man kriegt nie etwas Richtiges zustande hier, vergiss das nicht.

Und ich hab’s nicht vergessen, aber hängen geblieben bin ich trotzdem, habe es genossen, und Recht hat er auch gehabt: Etwas Richtiges habe ich nie zustande gebracht; ob das nun an der Stadt liegt oder an mir weiß ich aber wirklich nicht, würde auch keinen Unterschied machen, irgendwie.

Und während ich das schreibe wieder diese Grille vor dem Fenster; es ist immer nur eine, seit drei Jahren schon, ein paar habe ich in der Wohnung gehabt, aber zu hören ist immer nur eine einzige; ich weiß nicht, ob Grillen überwintern und im nächsten Jahr weitersingen, ob es unter vielen hier nur eine gibt, die “singen” kann; oder vielleicht gibt es eine Verordnung, dass immer nur eine singen darf in einem Hörbereich, so wie bei den Straßenmusikern auf der Kärntnerstraße;

ach Straßenmusiker. Hör mir bloss damit auf. Eine Gruppe, die mit Verstärkern und Halb-Playback auftritt, sind keine “Straßenmusiker”, verdammtnochmal. Und auch der Tante mit der klassischen Gitarre, die da gespielt hat, sollte man auf die Stirn tätowieren, dass eine Straßenmusikerin 1.) niemals mit Verstärker, 2.) und wenn doch, dann nicht mit einem dermaßen mies eingestellten, und 3.) schon gar nicht mit einer to-tal verstimmten Gitarre auftritt. Oder?

Man kann’s auch lassen; immerhin kannte der Applaus keine Grenzen, als einer der Zuhörer Mozart erkannt hatte. Was soll’s, sie ist ganz bestimmt nicht die einzige, die heutzutage mit Schrott Geld verdient.

Und so bin ich hin- und hergerissen;

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
wo ich bin will ich nicht bleiben, aber
die ich liebe will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne will ich nicht mehr sehen

Aber das hatten wir ja schon.

„Dies ist die erste Generation, die ihre Jugend mit dem Mobiltelefon in der Hand bewältigt – und die letzte, die noch erlebt hat, wie es früher war. “Die Erinnerung ist aber schon ganz schön verschwommen”, sagt Tobi, Schreiner in Kreuzberg und Mobiltelefonierer der ersten Stunde. Mühsam war es damals, viel Rennerei, oft für nichts. “Immer dasselbe”, sagt er, “Treffpunkte abklappern durch die ganze Stadt.”

[Der Spiegel zu den neuen Kommunikationsformen, via Sofa]

 

Die kleinen Freuden

Ich sage nur: Erdbeeren, Sauermilch und Waldhonig. Und eine ganze Melone im Kühlschrank. Und bald müßte es eigentlich wieder Pfirsiche geben, oder?

Hach. Irgendwo von der Straße her ein Hauch von Musik, “I put a spell on you” – in der CCR-Version. Sofort denke ich an diese andere Version, die ich nur ein einziges Mal gehört habe. Nacht war’s, in meinem Zimmer im alten Haus in Lieboch, auch eine Sommernacht, Fenster weit offen. Und es hieß leise sein, die Großeltern nicht aufwecken, also den Philips-Ghettoblaster ans Kopfende des Bettes gestellt und mit den Ohren zwischen die Lautsprecher gekrochen; eine jener Sendungen, die es damals auf Ö3 noch gegeben hat, nachts: etwas mit spannender, etwas sperriger Musik. Und dann eben dieser Song, eine erdige, kraftvolle, hocherotische Version aus tiefstem Blues, live, wenn ich mich recht erinnere. Und ich mit meinen 16, 17 Jahren und der leichte Sommerwind weht Nachtkühle durch die Fenster, Erleichterung in einer Hitze fast wie jetzt, und meine Träume und meine Zuversicht, und…

Nein, übrigens, es waren nicht die Animals, und Screaming Jay Hawkins war’s auch nicht – jedenfalls nicht in den Version, die es zu kaufen/downzuloaden gibt, obwohl die Stimme schon hinkommen könnte.

Gotta love him…

Reich-Ranicki in seinem “Solo” über Norman Mailer:

“In diesem Interview gewinnt man den Eindruck, Norman Mailer sei schon etwas senil geworden. No kann ja sein; kann ja sein. Aber muss man das so deutlich zeigen?”

In diesem Zusammenhang eine müßige Frage: Wäre ich eine andere Menschin, wenn jemand verhindert hätte, dass ich mich mit kaum 10 Jahren quer durch “Die Nackten und die Toten” gelesen habe?

Ich glaube ja; ich denke schon. Zu den wenigen Dingen für die ich mich posthum bei meinen Großeltern bedanken möchte, gehört dieses riesige Bücherregal: Für sie Speicherplatz nie gelesener, aber beeindruckender Buchrücken; für mich von Anfang an Quelle nicht nur der Inspiration sondern auch der Subversion.

Natürlich: Wenn sie gewusst hätten, was da so alles drinsteht, in den Büchern, hätten sie mir ganz sicher verboten, diese zu lesen. Aber sie haben’s eben nicht gewusst… zum Glück, wie ich meine.

 

 

Wehe, wenn man mich auf ein Thema bringt… Ich brause also ganz absichtslos durch die Seiten zum Thema, und stoße bei Amazon.com auf den harmlosen Vorschlag…

Customers who bought this book also bought: From Here to Eternity by James Jones

Nunja. Während “Die Nackten und die Toten” mich damals, Kind das ich war, größtenteils ratlos – wenn auch in meinem kindlichen Pazifismus bestärkt – zurückgelassen hat, war “Verdammt in alle Ewigkeit” ein ganz anderes Kaliber.

In riesigen Boxhandschuh-Lettern schrieb James Jones an die Wand meiner Träume: Liebe ist wichtiger als Vaterland! Individualismus geht vor Gemeinschaft! Es ist der Mensch, der zählt, nicht Idee oder Organisation!

Auch wenn das Buch von vielen Rezensenten ganz anders gelesen worden ist: Das war die eine Botschaft, die mein Preteen-Ego daraus behalten konnte. Seltsam genug, wenn man so will.

Und dann: Als ich zum ersten Mal die Filmfassung gesehen habe. Yugo-TV. Originalversion. Zwar war mein Verständnis des Englischen noch sehr abhängig von der grossväterlichen Übersetzung. Doch war ganz klar, dass das, was da zu sehen ist, viel größer, wahrer war als alles Fernsehen bis dahin.

 

Was ich noch sagen wollte

Zum Beispiel wie völlig unbegreiflich & absurd es erscheint, wenn entliebte Elternteile sich die lieben Kleinen einfach unter den Arm klemmen und abhauen. I mean, can you imagine that?

Dann endet der Themenabend, und die müde Channelhopperin stolpert über einen Bericht zum Kennedymord unter besonderer Berücksichtigung von Jackie, und spätestens als der Name Onassis fällt, steigt das altgriechische Mondgesicht von Angelo hinter dem Fernseher auf & strahlt: “Oh yes, my good friend Onassis. One day he asked if I would trade my Villa for his Yacht, but I said no. So he said he has to build another Villa beside mine, you know? But we could never find out who the land belonged to. So he built a villa on [Name vergesen] instead.”

“But I can tell you, those Parties, on his Yacht. Fantastic. Fantastico. The girls. and the sun. And the drinks.” [langes sinnendes Lächeln.] “And he could dance, you know, that man could dance…” [Noch ein langes sinnendes Lächeln.]

Irgendwann die Frage, wieso er, Angelo, denn so gesund und so frisch sein kann, wo er doch angeblich im gleichen Jahr geboren ist wie der alte Aristotle S., der ja nun (damals) schon bald zwanzig Jahre tot ist.

Wieder dieses sinnende Lächeln (wie lang er wohl gebraucht hat um das zu perfektionieren vor dem Spiegel?), und dann, sehr intim und nahezu heimlich, eine Hand auf einer Schulter, die den Zuhörer – ich sass ja nur daneben – beinah unmerklich und doch sehr bestimmtend zum ewigen Rauschen des Meeres dreht – als könnte es nur hier, genau hier, diese Nacht, dieses Gespräch, dieses Meer mit diesen Erkenntnissen geben –  und die Stimme, meeresgeschwängert, sehnsuchtsschwer:

“You know, back then in Athens” [pause] “I was a broker, and there were not many brokers in my time. Not like today.” [pause] “Ah, the parties we had, these days, fantastico!” [pause] “back then in Athens, i knew a doctor. He was a costumer of my agency. And he said to me” [pause] “Angelo, he said, fish is good for you. And Retsina is good for you.” [Pause] “So, when I retired & built my Villa here, I remembered his words, and every day I eat fish, and every day I drink white wine. And I feel good. Fantastico!” [Pause]

“So, if want to get old & healthy, you eat fish & you drink white wine. Every day. My friend Onassis did not believe me. He didn’t do it. And he died. And I live. And I feel good. Fantastico!”

[Pause.] Und da sitzt Angelo, angeblich über 80 Jahre alt, aber rein optisch gibt man ihm keinen Tag mehr als 65, und strahlt wohlwollend und winkt den Kellner herbei und bestellt noch ein Glas “White Wine”. Und niemals etwas anderes. Für seine Gäste, für die Handvoll interessanter Gesichter aus dem Touristenstrom, zahlt er Ouzo und Metaxa, aber selbst trinkt er nie davon. Nur “White Wine”.

Und ob und wieviel von den Geschichten wahr war, habe ich nie hinterfragt, ist auch ganz egal. Aber jedesmal, wenn der Name Onassis fällt sehe ich Angelos strahlendes Gesicht vor mir und höre seine Stimme, die sagt: “But he is dead and I am alive. And you know why? Because every day i eat fish. And every day, I drink white wine. Fantastic. I feel fantastico.”

Und auch wenn’s unrealistisch ist (weil über 10 Jahre her) wünsch ich mir, dass er heute noch dort sitzt auf seiner Insel und ungefragt seinen Fisch und seinen Retsina serviert kriegt, jeden Abend knapp vor Sonnenuntergang, und andere nichtsahnend anreisende Touristen so unter seine Obhut nimmt wie uns damals, und seinen eigenen Heidenspass hat dabei.

Und wenn ich in meiner Altlastenaufarbeitung jemals so weit fortschreiten sollte, reich ich das Foto nach, von Angelos Mondgesicht, kurz nach der Aussprache des Wortes “Fantastico”.

picture yourself in a boat on a river with tangerine trees and marmalade skies…

[Wahrscheinlich sieht man das nicht so gut hier, aber das ist die Spiegelung einer Hand, die nach der Spiegelung eines Knies greift, während draußen schwedische Landschaft vorbeizieht – irgendwo zwischen Fiskeboda und Rönnö.]

Mufti, noch zuversichtlich, kurz vor dem großen Knall [Datum ungefähr]

Her mit dem Futter, aber fix! (Tiger’s Bruder, Datum ungefähr)

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