3 Tage Computerfrei

Freitag: D.-Band-Probe (mäßig)

Samstag: mit L. Einkaufsbummel und Schwimmen (Greifenstein Nacktufer), nett (statt Hubschrauberhupfer, weg. Genehmigungsentzug); dann gemütlich zurück & noch kurz in Miniheurigem in Kloburg

Sonntag: Flohmarkt St.Pölten (schwach), dann Überland mit Umladepause in Kirchstetten, Suppe in Neulengbach und über Nebenstraßen nach Frauenhofen, wo ganz zufällig ein Gartenmarkt offen hat. Gebummelt, uns für zukünftige Terrasse auf Pinie und Feigenbaum geeinigt, um den spaltblättrigen schwarzen Ahorn muss ich noch streiten. Derweil Indienminze und Zitronenmelisse gekauft.

Dann an Langenlebarn vorbei nach Klosterneuburg, ich todmüde, bessert sich aber in der Sauna (bzw im Kaltwasserpool).

Wallander ist nie jung gewesen

Was haben wir aus diesem Tag gelernt, fragt mich der Sufi, und während er seine eigenen, zulässigen, ja: für die weitere Lebensgestaltung unerläßlich wichtigen Schlüsse zieht, denke ich: Ich habe auf jeden Fall gelernt, dass man aus einem mittelalten Kommissar keinen jungen Spund machen kann, einfach so. Wenn ich, so ganz persönlich und ohne Gedanken an profanen Nutzen, noch etwas gelernt habe, dann das, dass ich nie wieder ohne Digitalkamera aus dem Haus gehen werde. Was könnte ich jetzt alles zeigen… die Bilder, ach, die Bilder.

Was so ein Tag alles in sich tragen kann, von versuchten halbgaunerischen Immobilientransaktionen bis zu stundenlangen halbtrunkenen Lobliedern auf das Reisen im Allgmeinen und Vietnam im Besonderen. Wie man sich freuen kann, erkannt zu werden. Wie Menschen, die man seit vielen Jahren kennt, plötzlich eine ganze neue Seite haben. Wie das kommunizieren mit Fremden doch immer wieder funktioniert. Aber, und dabei tief einatmen, verlassene Riesenräder in der Abenddämmerung. Und dann, jetzt bitte ausatmen, dieser Möchtegernparagleiter auf dem einzigen Hügel weit und breit. Und dort, hat mal jemand eine Zigarette?, dort serviert man Hendln unter der Platane und Budweiser dazu, nein, nicht im Prater, viel gemütlicher, nur diese dummen Gelsen (Schnaken?), was solls, da kommt der Wind, schon sind sie dahin.

Die Flugzeuge, sage ich zum Sufi, nachdem wieder einmal ein heftiges Getöse von oben mich mitten im Satz unterbrochen hat, weißt du was? Seit ich nach Wien gekommen bin, habe ich immer in der Einflugschneise gewohnt, das muss einen Sinn, eine tiefere Bedeutung haben, immer waren meine Wohnungen direkt im Landeanflug der dicken Brummer, bis auf diese kurze Zeit da im zwölften (dem 12. Bezirk, in Wien denkt man in Bezirken). Immer sind sie über meine Wohnstatt geflogen, immer habe ich geträumt wo sie herkommen, wer wohl da drinnen sitzt und warum, immer habe ich ihnen von unten auf den Bauch geschaut, und in dem Haus, das wir uns heute angeschaut haben, ist es genau so. Das muss doch etwas bedeuten? Der Sufi glaubt nicht, hört mir aber trotzdem zu, als ich ausführe, dass seit kurzem, also so seit etwa einer Woche, das Flugaufkommen sich deutlich erhöht hat, und dass und warum ich das beurteilen kann, und wie der Anflug eines Jumbos mit vier Triebwerken sich unterscheidet von dem der kleineren Maschinen, und dass ich noch nie so viele Propellermaschinen gehört habe wie in der letzten Zeit. Das muss doch etwas zu bedeuten haben? Der Sufi glaubt nicht.

Dann kann man sich auch noch über Literatur unterhalten, wenn der Wind durch die Blätter streift, wenn es eigentlich schon viel zu kühl ist aber doch noch zu schön um schon hineinzugehen. Da kann man wunderbar über TCBoyle und DeLillo tratschen und nebenbei, in Halbsätzen, über Wohnsituationen und deren mögliche Finanzierung. Da stört auch ein verirrter Drehorgelspieler kaum, und der halbe Harley-Davidson Club in Leder-und Jeansjacken mit bunten Stickern ist eine fast erwartete Kulisse, da drüben gibt es übrigens des Sufis Lieblingsbier, womit ich besser leben könnte, wenn die Gäste nicht so laut und falsch singen würden, aber das Bier ist leider aus und daher bleibt uns auch die Geräuschkulisse erspart.

Und die Bilder, ach, die Bilder: Von kaiserlicher Arbeiterhütte über strizzihaltigen Vergnügungspark bis hin zur späten Nachtmusik in uralter Stammkneipe. Beleuchtete Bäume und Neonschriftzüge. Fachwerkarchitektur und ein Internetpuff. Wie schade, das hätte ich zu gerne festgehalten. Vielleicht beim nächsten Mal.

Ach ja das Buch, das Buch ist nicht schlecht, nur ist Wallander halt nie jung gewesen. Das gibt’s. Ich kenne solche Leute: Die schon mit zwanzig älter sind, als ich mir jemals vorstellen kann zu werden. Jaja. So haben wir alle etwas gelernt, jeder auf seine Weise. Und die Nacht ist noch nicht einmal in der Mitte.

Pfingst…

Ich sitze in meinem hellen gründurchwachsenen Zimmer. Das Fenster ist offen und draußen ist nichts. Ein Nichts, das langsam anschwillt, es wird Abend, die ersten kommen zurück von ihren Ausflügen, Autos werden geparkt, Türen klappen zu. Aber nur vereinzelt. Irgendwo gegenüber spielt jemand Gitarre, hab ich auch noch nie gehört in dieser Gegend. Die Rauchwolke vom ersten Zug meiner Zigarette bildet einen perfekten Kringel, natürlich sollte ich nicht rauchen, schon gar nicht mit diesen Bronchien, aber was soll man schon.

Woanders gegenüber brüllen sich zwei an, immer wieder, ein Streit mit langen Denkpausen. Dann wieder ein Kofferraumdeckel. Ab und zu regnet es, winzigkleine Tropfen, kaum zu erkennen außer daran, dass die Straße langsam feucht wird. Mein Duschabfluss ist verstopft, dem ist mit Pumpen nicht beizukommen, da muss kräftig Rohrfrei rein morgen, sobald die Geschäfte aufsperren, Umwelt hin oder her. Wie friedlich es ist, wenn das Telefon nicht läutet. So einen wunderschönen kreisrunden Rauchkringel gibt’s immer nur beim ersten Zug von der Zigarette, da kann ich probieren, soviel ich will. Entgegen aller Erwartungen sprießt im bislang dunkelerdigen Blumentopf tatsächlich eine kleine grüne Nase, genauer besehen eine Doppelnase. Es wird mir doch nicht wirklich gelingen, einen madegassischen Mini-Baobab mitten im fünften Bezirk zu züchten?

Da unten probiert jemand sein Handy aus, sämtliche Melodien der Reihe nach, schrill, nervig, hartnäckig. Ein kleiner Spaziergang wäre angesagt, um zu sehen, wie der känkliche Körper darauf reagiert, aber ich mag meine Burg nicht verlassen. Hier zwitschern immerhin Vögel in den Alleebäumen, mitten in der Stadt. Der Gitarrenspieler ist ans Fenster gekommen und hat “Leck mich am Oasch!” auf die Straße hinuntergebrüllt. Vermutlich meint er den mit dem Handy. Das Mädel zwei Fenster weiter mit dem Buch in der Hand hätte vor Schreck beinahe das Gleichgewicht verloren. Hat sie aber nicht. Stattdessen sucht sie kopfschüttelnd und weit hinausgebeugt nach dem Urheber des Schreis, der allerdings samt Gitarre schon längst wieder verschwunden ist.

Es ist ein friedliches, ruhiges Sein in diesem halben Genesungszustand, jetzt, wo der Kopf zu schmerzen aufgehört hat, eigentlich sehr angenehm. Frei von “sollen” und frei von “wollen”, das viele Fernsehen verschwimmt mit dem Rest des Lebens, sodass eigentlich alles in beruhigender Ferne vorbeizieht, wie ein Film auf der Scheibe eben. Und die Träume sind bunt, Tagträume wie Nachtträume, nicht alle Geschichten müssen erzählt werden, nicht alle Märchen aufgeschrieben, manche gehören mir allein und das ist besonders schön.

Das Rauschen von der Hauptverkehrsstraße schwillt unmerklich aber stetig an, wie das Meer, wenn ein Sturm kommt. Ein paar Kinder peppeln einen Ball die Straße entlang. Nicht, dass ich die Gegend lieben würde, aber ich habe mich ziemlich daran gewöhnt. Deshalb ist es gut, alles in der Schwebe zu lassen. Veränderung heißt nicht notwendigerweise Verbesserung. Zuviele Dinge müssen bedacht, zuviele Möglichkeiten erwogen werden.

Da freu ich mich fürs erste lieber an den Kleinigkeiten, daran, dass die D.-Band endlich im Soundpark angekommen ist zum Beispiel.

Wochenbericht

Ein unten, ein oben und ziemlich viel dazwischen. Die Weinstöcke zeigen schon zartgrüne Blätter. Dieser Zug, der fährt, wo ich noch nie gefahren bin: Gleich nebenan. Und im Bus nur alte Leute, aber guter Laune und mit erstaunlichen Geschichten. Die meiste Zeit vergeht natürlich am Flughafen. Am ersten Mai ein einziger roter Luftballon, der dahinfliegt, davon übers Rathaus, und die Straßen der Innenstadt sind vestopft. Nachmittags springt einer mit einem roten Stern am T-Shirt. Das war’s auch schon.

Rapsfelder, vor einer Woche noch zaghaftgelb, erstrahlen jetzt in voller Blüte. Am Nachmittag beginnt man den Schatten zu suchen. Jetzt schon? Wie schön! Sonne macht müde und Packen auch, und sogar ich alte Einsiedlerin werde plötzlich gesellig. Beim Landen in einem fremden Feld hoppelt plötzlich ein Hase davon. Auf dem Rückweg zwei Rebhühner aufgestöbert. Ziemlich viel Durst. Und müde. Sagte ich das schon?

Der Himmel ist ein Gedicht

Ich trete aus dem Haus, und der Himmel ist ein Gedicht in flammendem Orange. Ein Versprechen wie eine Erinnerung. Kalt, aber versöhnlich.

Spazieren, einfach so. In verschiedenen Ecken und Enden der Stadt.

Überall herrscht ganz klar Weihnachtsalarm. Bunte und goldene Lichter scheinen und blinken, ich bin fast versucht, die Sonnenbrille aufzusetzen. Ich lass es. Zu auffällig. Pärchen und Väter mit Söhnen und Omas mit Enkerln, dazwischen einzelne, mehr oder weniger tief den Kopf in den Jackenkragen zurückgezogen. Ein Stückchen weiter. Ganz woanders. Ein paar Stationen mit der U-Bahn, die oben fährt, und alles was gleich bleibt, sind die Lichter.

Hier viele Touristen, zwischen den Punschständen, und etwas neues: Ein Weihnachtsbauernmarkt. Endlich eine Möglichkeit, am Sonntagabend Brot zu kaufen. Und Käse. Und Saft. Das könnte es das ganze Jahr über geben, denke ich.

Zurück in der großen Straße, die sich langsam belebt. Touristen, ja, auch hier Spaziergänger, eine Menschentraube vor dem Kinoeingang. Dass es das noch gibt? Zwischen denen, die irgendwohinwollen, die, die nirgends mehr hinwollen: Bettelnd um ein paar Schillinge, eine Zigarette. Und die, die nicht einmal mehr betteln, mit leeren Augen in einem Hauseingang stehen in dünnen Jacken, als hätte die Kälte keine Bedeutung mehr.

Noch viele Schritte und die Schuhe sind schwer, aber sie halten die Füße warm, das ist wichtig, kalte Füße machen mich unglücklich, was für ein Luxus, so zu denken. Ein paar Schritte weiter und ein paar Stationen mit dem Bus, dann nähere ich mich heimischen Gefilden, jetzt ist es fast ganz dunkel, ein sandfarbener Streifen am Horizont, der unendlich langsam in ein dunkles Türkis verschwimmt, dann eine Wolke, und nach der Wolke Dunkelheit: ein bisschen enttäuscht, nur Kulisse für das Lichtermeer zu sein.

Ein paar türkische Kids am Spielplatz, die dreschen einen Ball gegen den Maschendrahtzaun, und ein paar andere sitzen auf den Bänken und tratschen, als hätten sie nicht gemerkt, dass es schliesslich doch kalt geworden ist, auch heuer. Als hätten sie kein Zuhause. Haben sie ein Zuhause?

Vor dem Jugendgefängnis zwei Familien, die sich verabschieden, fröhliche Normalität: Kichernde Kinder, Verabredungen: Kommt ihr am Donnerstag zum Punsch? Eine Familie geht hinein, in den Knast, die andere kommt heraus. Besuchstag?

Die Tür des Beisls am Eck öffnet sich, einer kommt heraus. Er hält sich mühsam aufrecht und spricht zu seinem widerstrebenden Dackel: Komm, Hasso, mir gehn ham. Es ist 5 Uhr. Der Dackel bleibt stehen und starrt den Schäferhund an, der vor der Theke liegt. Sommers liegt der immer draußen, auf dem Gehsteig, und versucht manchmal, in den Bus einzusteigen. Heute liegt er friedlich vor der Theke, und die Annäherungsversuche des Dackels interessieren ihn nicht. Ich frage mich, was man für ein Leben führt, wenn man um 5 Uhr besoffen aus einem Lokal, nein: das ist kein Lokal, auch kein Beisl, das ist ganz eindeutig eine Windn – kommt und einen Dackel hat, der Hasso heisst. Ich schaff es nicht, ein Leben drumherum zu bildern.

Ist vielleicht auch besser so.

Oh, Fuck

Wieder ein Tag verschwendet an dummen Schriftkram mit Ämtern und sonstigen unnötigen Instanzen. Addieren wir noch einen halberfolgreichen Installationsversuch einer künftigen Entwicklungsumgebung; der Hop täte ja, was ich will, sogar unter Windows 2000, aber MySQL läßt mich trotz hunderter besuchter Dokumentationsseiten dumm dastehen und saublöd dreinschauen. Danke, das hab ich noch gebraucht.

Wäh. Ich fühl mich richtig überflüssig. Dazu im Radio noch Dummgequatsche anstatt Musik, und ich zu dämlich um abzuschalten. Schon recht, erzählt mir nur alles über die 22jährigen Bestsellerautoren, damit ich mich dann so richtig als Versager fühle. Interviewt sie und lasst sie pseudointellektuell über alles referieren von dem sie einen Scheißdreck verstehen. Genau so macht man Programm.

Yeah right, da hätten wir noch den Fernseher, der sagt, es ist Krieg. Wir sehen grünflimmernde Explosionen und Menschen auf der Flucht. Dazu Propagandafilme der Rüstungsindustrie, schwarze Flieger und stählerne Raketen, die in der Sonne glänzen, während sie die Sensoren ausfahren, um ihr Ziel ferngesteuert todsicher zu erreichen. Oh, und natürlich wird jeder, der jemals irgendeinen Fuß in ein islamisches Land gesetzt hat, als Experte interviewt. Der Schrott, der da zusammengeredet wird, würde hunderte Lastwägen füllen, wenn man ihn aufsammeln müßte. Da vergess ich glatt meine pazifistische Einstellung und hätte großen Spass daran dem einen oder anderen mit der Faust ins Gesicht zu hauen. Vielleicht hilft die Erschütterung, die Ganglien zu rekalibrieren, wahrscheinlich aber nicht, denn wo nichts ist, gibt es auch nichts einzustellen.

Ach, shit on it. Ich öffne ein Bier und eine Packung Chips, nee, vorher noch eine Zigarette, Tage wie dieser eignen sich nicht zur selbstverordneten Regeneration.

Wie nett, die Mitternachtsnachrichten haben noch einiges im Angebot. Einen vermuteten Anschlag mit Milzbrand-Bakterien zum Beispiel, und wenn da irgendwas dran ist, sind wir right back mitten im Katastrophenfilm. Zurücklehnen und zuschauen, Chips und Bier hätten wir ja schon bereitgestellt. Spannend genug wär es ja, nur sind die Hintergründe etwas verworren. Sag doch einer dem Regisseur, dass die Aufmerksamkeitsspanne heutzutage nicht mehr so lang ist. OK? Hier die Guten, dort die Bösen. Alles andere überfordert die Leute. Ist nunmal so. Aber spannend ist er, wie gesagt, nicht übel, der Film. Schaun wir halt weiter zu.

Was soll man denn auch sonst machen? Demonstrieren für den Frieden? Ist ja ein Megabrüller! Ich seh sie vor mir, hiesige und dortige Krieger, zwischen Kampf und Konferenz herzlich lachend über die Idioten auf der Straße. Gibt ohnehin so wenig Vergnügliches zur Zeit, da kommen diese Pausenclowns gerade recht.

Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.

Da sitz ich nun und schmiede an einer Zukunft, die mir hohnlachend den Perserteppich unter den Füßen wegzieht. Oh, das macht weiter nichts, aufrappeln und die blutiggeschlagene Nase putzen, das kenne ich, ist ja nicht das erste Mal. Dann nach dem besten Feiertagslächeln suchen und von vorne anfangen. Die Schwalbe, das lästige Scheißvieh, versucht sich einzumischen, da hilft nur noch die Fliegenklatsche.

Reicht das alles etwa noch nicht? Muss das sein, dass ich jetzt noch Dazed and Confused vorgesetzt kriege, einen mittelmäßigen Film mit brauchbarer Musik, der mich trotz seiner College-Brutalität schon an optimistischen Tagen viel zu gnadenlos an die Dinge erinnert, an die man mit 18 voller verzeihlicher Dummheit zu glauben pflegt? So wie Liebe zum Beispiel, oder Freiheit, oder das Leben, oder ähnlichen haarsträubenden Schwachsinn? Ey, das ist übrigens genau das, was ich an den Amis noch nie verstanden habe: Die gnadenlose Naivität, gepaart mit hirnloser Action auf Kosten anderer. Und das auch noch in der wie üblich völlig dummsynchronisierten deutschen Fassung, was bedeutet, dass man das Filmchen unmöglich anschauen kann, ohne einen Wutanfall nach dem anderen zu bekommen.

Aber was sind die Alternativen? Schlafengehen etwa? Danke nein, auf die Träume kann ich heute auch verzichten.

Was sagst du? Weinerlich? Egozentrisch? Ach leck mich doch am Arsch. Denkt ja sonst keiner an mich, denk ich halt selber an mich.

Von besorgten Anfragen nach meinem Wohlergehen bitte ich freundlichst abzusehen. Es geht mir dreckig. Und wie üblich ist morgen ein neuer Tag, und der wird für sich selber sorgen. Scheiß drauf.

Ach, und eh ich’s vergesse, an all die Idioten, die nach “bin laden funny”* suchen: Hier gibt’s weder Witze noch Bilder. Ich find den Typ nämlich nicht besonders witzig.

That’s all for tonight.

*das war ein Altavista-Link. (Anm. 2017)

Baden im Oktober

Im Oktober baden gehen, im Freien, das ist schon was Besonderes. Oben am Himmel Ballone, das Wetter ideal wohl auch für sie. Wundersame Kindersprache, dazu ein paar Stunden mit einer samstäglichen Reifenpanne. Später fließen Bier und Worte, dazu gehört noch ungehörte Musik.

Sonntag beginnt spät, mit roten Elefanten auf der Mattscheibe. Der Körper will gepflegt sein, dafür trage ich ihn in die Sauna. Das ist nett.

Jetzt fallen Bomben. Lebensmittelpakete auch? Was dran richtig ist? Oder falsch? Was wahr und was erfunden? Weiß ich nicht zu sagen. Kopf tut weh.

Unsägliches wurde gesagt, da kann man nur staunen: Wie alle, ausnahmslos alle Gäste einer Diskussionssendung sich nicht entblöden, aus Terror und Krieg Argumente für ihre innerösterreichischen Parteiquerelen zu extrahieren. Danke, mir ist schon schlecht. Da tun die Details gar nichts mehr zur Sache.

Silberlichtnächte

Silberlichtnächte schlaflos gedankendurchstreift. Seltene Stille auf der Gasse. Erst gegen morgen hin das ungewohnte Geräusch eines Straßenfegers. Weckendes Radio fährt wie Kanonendonner in meinen Vormittagshalbschlaf. Nachtgedanken treffen Morgenworte. Oktober schon, warum eigentlich? Erstaunliche Zeitraffererholung gestern noch müde herabhängender Zimmerpflanzen.

Nun zur Musik.

Bunte Tage

Die Blätter färben sich schon, gelb und vereinzelt sogar rot, die meisten hängen aber noch an den Bäumen. Weiterhin auf allen Wegen dieses seltsame Gefühl der leicht veränderten Umgebung, vielleicht ist es nur der Herbst, vielleicht bin ich das auch, meine Augen, mein Hirn wahrnehmungsbereiter, wer weiß.

Der Freitag bringt eine langerwartete Überraschung: Mein neuer, eigener Fallschirm ist endlich auch fertig, mein Gear damit komplett, und als am Samstag noch dazu die Sonne scheint, ist klar: Er muss in die Luft. Ich muss in die Luft. Wir müssen beide in die Luft.

Der Sufi hat ein Einsehen, packt Hängematte und Zitronenlimonade ein und auf gehts, überland. Der Überschwang des Sommers ist klammheimlich verschwunden, sanft und sehr in sich gekehrt ruht die Natur.

Am Flugplatz dagegen ist Vollbetrieb. Das ist mir nur recht. Wir sind spät aufgestanden und haben beim Fahren noch getrödelt, aber immerhin bringe ich die neue Schönheit noch zweimal in die Luft.

So könnte es bleiben. Dazwischen in der Hängematte schaukelt es sich höchst gemütlich unter dem Blau, und warm ist es auch noch einmal geworden, sogar fürs T-Shirt reicht die Temperatur.

Aber auch so ein Tag geht zu Ende, leider, das Gulasch im Fliegerstüberl ist nach wie vor ausgezeichnet, Gespräche und Rauchgehalt der Luft tragen zum allgemeinen Gefühl der Unwirklichkeit bei. Bald ist es Zeit zu fahren.

Was für ein seltsames Jahr, sage ich zum Sufi, ganz anders als erwartet, aber doch so schön. Und schweige erschrocken, als ich feststelle, dass es viele gibt, die das nicht sagen können.

Unser vierrädriger Lastesel trägt uns derweil heimelig brummend durch die Nacht. Noch eine Flasche Sturm kaufen als Mitbringsel, die gewohnte Quelle hat zu, und nebenan ist die Stimmung sehr… einheimisch. Das soll uns auch nicht weiter stören, wir rollen schon wieder dahin.

Hoch über uns ein beinah voller Mond, der zwinkert mir zu durch die zunehmenden Schäfchenwolken. Musik wäre jetzt gut, aber das Radio spuckt nichts Brauchbares aus. Gut, dann eben die Musik der Straße, die eine Autobahn werden will, noch immer queren amputierte Brücken die baustellengesäumte Landstraße, seltsamer Anblick im silbernen Mondlicht, der Mond selbst zieht den Schleier vor und malt Bilder aus Licht, alle anderen als zärtliche Gedanken wären jetzt schrecklich deplaziert.

Immer wieder der Blick auf den Fluß, über dem die Nebelschwaden wohnen, so als würden sie dahingehören, so als wollten sie nie wieder weg. Und mir ist es recht. Es ist eine Fremdheit in mir, die macht dass ich mich zu Hause fühle in solchen Nächten, weit weg bin ich dann und trotzdem ganz da, und endlich kann ich berühren, was sonst außer Reichweite liegt.

Aber unwirtlich: Jedes Ankommen erscheint unwirtlich in dem Moment, gut wäre nur weiter dahinzurollen durch die Nacht, egal wohin, nur immer weiter, und das Land von ferne sehen. Angekommen werde ich unnahbar, ich kann’s nicht ändern, der Restabend seltsam kühl.

Die Nacht, die Träume. Immer geht es ums Fliegen, in der Luft und im Leben. Ein bisschen geht es um die Liebe, und dann, gegen den Morgen hin, geht es um mich in der Welt, dieser seltsame Graben zwischen dem Bild, das ich mir von meinem Leben mache und dem, was es wirklich ist, und ich denke, ich bin so unzulänglich für alles, was ich vorhabe, und dann denke ich, aber so schlecht war’s doch nicht, bis jetzt, und dann schlafe ich wieder und die Bilder setzen ein, und irgendwann ist morgen.

Soll sein, soll sein. Traumbilder und Geschichtenworte bestimmen den neuen Tag, wie immer werde ich ungeschickt, wenn ich in meinem Kopf an Handlungstüchern webe, stolpere über dies, vergesse jenes. Ein gutes Zeichen; so fängt es meistens an.

Die Wolken hängen tief, und trotzdem sind wir unterwegs. Ein Tag in der Sauna, entspannt und warm, dazwischen tauchen im Kaltwasserbecken, spazieren im weitläufigen Garten. Nicht viel zu sagen, lieber den Nachtbildern nachhängen und sich fragen, wie daraus etwas werden soll, aber zuversichtlich: Es wird, es wird schon.

Am umnebelten Fluss nehmen wir eine Suppe, nach ein paar Schritten durch den hier noch sommergrünen Auwald. Algenbedecktes Wasser, in dem Bäume wachsen. Hier sollte ich mich hinsetzen, sagt der Sufi, und 500 Jahre sitzen bleiben. Dann kommen die Wissenschafter und tragen mich weg, ins Museum, und an der Wand, auf die ich dann schaue, erscheint erst langsam aber dann sehr deutlich das Bild von diesem Wasserwald, auf den ich 500 Jahre lang geschaut habe. Alle werden kommen, um den neuen Guru zu schauen, sagt er, und niemanden wird interessieren, dass ich gar kein Guru sein will. Einen Tempel werden sie bauen und die Kranken zu mir bringen und Religionskriege anzetteln, und dabei wollte ich nur ruhig dasitzen und schauen.

Wir lachen, aber nur ein bisschen.

An einem anderen Strand des Flusses stehen seltsame Gebilde aus Stahl, feuergeschwärzt. An der Anlegestelle der Rollfähre nehme ich eine Currywurst. Es ist ganz deutlich Herbst, doch noch kann man im Freien sitzen. Die Fähre knallt alle zehn Minuten nachhaltig an die Anlegestelle, Ausflugsschiffe und Frachter ziehen draußen vorbei. Wir plaudern, anstrengungsfrei, aber ich bin nur zur Hälfte hier. Die andere Hälfte finde ich nicht, aber heut stört es kaum.

Dann rollen wir nebelumwabert in die Stadt zurück. Donauturm und UNO-City tauchen schemenhaft aus der Ferne auf, als wäre die Nebelwand Projektionsfläche für alte Fotografien.

 

Logorrhoe

Immer, wenn ich ein Bier mehr trinke, als ich guten Gewissens vertragen kann, fallen mir all die Worte aus dem Mund, die ich normalerweise für mich behalte. Manche Menschen nervt das, verständlicherweise. Andere, und das verwundert mich, atmen geradezu auf: Als wäre ich, redend wie alle anderen, plötzlich normaler geworden.

Danach noch eine Katze, die schnurrend auf mir Platz nimmt, nicht ohne mit ihren Krallen meinen einzigen fashionablen Rock zu ruinieren. Macht nichts. Macht gar nichts. Schnurrt so schön.

Noch später das Frequency-Festival live auf FM4 und dazu James Bond ohne Ton.

Hatte beinahe schon vergessen, wie das ist, einen Tag lang nichts zu tun.

Dunkeltag

Morgens schon, beim Anblick meiner Chaoswohnung, beschleicht mich erste Depression. Kurzer Impuls, mich krank zu melden, nur um einen ganzen Tag zum Aufräumen zur Verfügung zu haben. Nur schade, dass ich nicht lügen kann – sonst hätte ich es glatt getan.

Zumindest ist heute Sonenbrillenwetter, da will ich doch versuchen, mich nicht darüber aufzuregen, wie der uralte weißhaarige Mann den Geigen- und den Gitarrenspieler vor der Kirche beschimpft. “Zigeunerpack, elendiges!”, aber nicht so laut dass sie es hören könnten. Zu dem Alten etwas zu sagen, wäre Verschwendung, er steht schon mit einem Fuß im Grab. Oder vielleicht hätte ich etwas gesagt, wenn mich nicht die furchtbar missgestimmte Geige jeden Morgen quälen würde.

Die Geige klingt wie eine Schleifmaschine. Die Gitarre so, als würden die Seiten ca. 5 Zentimeter durchhängen. Jeden Tag quäle ich mich an den beiden vorbei, und manchmal werfe ich einen Zehner in den Geigenkasten, in der Hoffnung, dass sie sich dann vielleicht irgendwann Instrumente leisten können, die die Vorübergehenden nicht foltern.

Im Büro ist es kalt, und die Email, auf die ich warte, kommt nicht. Mittags lasse ich das Essen ausfallen, um Einkaufen zu gehen: Eine CD und Kontaktlinsenmittel. Ich trete auf die Straße, und es ist nicht warm, aber schwül, eine dunkle, schwere Schwüle wie aus meinen Träumen. Nur schwebe ich nicht leichtfüßig hindurch wie in meinen Träumen, sondern schleppe mich schwitzend dahin. In einer Nebengasse ist ein Parkplatz frei.

Hier sind nie Parkplätze frei. Beim näherkommen sehe ich, dass eine schwarze Katze daliegt und schläft. Ich bleibe stehen, schaue und sehe, dass sie nicht atmet. Eine tote Katze, äußerlich unversehrt, gepflegtes Fell, man muss genau schauen, um zu sehen, dass sie nicht atmet, dass sie tot ist, katzentot.

Ich stehe noch immer da und einen Augenblick lang bin ich überzeugt davon, zu träumen, so surreal idyllisch ist diese Szene, und Autos fahren vorbei und Menschen laufen durch die Gasse, und ein kleines Kind an der Hand seiner Mutter will die Katze streicheln, es hat nicht bemerkt, dass die Katze tot ist, ich weiss nicht ob die Mutter es bemerkt hat, sie zieht das protestschreiende Kind am gestreckten Arm hinter sich her in den Supermarkt.

Und ich frage mich, ob ich etwas tun sollte, aber was gibt es da schon zu tun, die Katze ist tot und liegt doch so vertraut nach Katzenart da, und ich gehe weiter und denke darüber nach, wieso mich das so berührt, nach diesem Nachrichtenvormittag mit erstochenen Kindern in Japan und Familientragödien in Vorarlberg und was weiss ich noch allen menschlichen Tragödien, aber alles das waren nur Pixel auf dem Bildschirm, die Katze dagegen ist real.

Und es ist dieses dunkle Licht aus dunklen Träumen, eine Gewitterwolke macht das, die direkt gegenüber der Sonne hängt, die das Sonnenlicht aufsaugt und es verändert, wie bedeutungsschwer, an die Erde zurückgibt, und der einzige Optiker weit und breit hat sein Geschäft geschlossen, und die CD, die ich wollte, ist ausverkauft, und ich gehe zurück ins Büro und die Email, auf die ich warte, kommt nicht, und trotzdem wird es Abend, irgendwann.

Und dann ergibt sich, dass ich nicht wegfahren muss, heute, und das ist ein bisschen schade, denn grüne Wiese und Bäume und Grillenzirpen in der Stille wären genau das Richtige gewesen jetzt, aber es ist auch gut, denn so kann ich den Samstag auf dem Fliegerfest verbringen und den Sonntag zum Aufräumen nutzen und vielleicht, vielleicht, wenn das Wetter hält & der Zeitplan funktioniert, den einen oder anderen Sprung machen, das wäre gut.

Der Trafikant und andere Tagesreste

Die Trafik (für Nordösterreicher: Der Tabakladen), in der ich morgens meistens die Ration Tschik (für Nordösterreicher: Glimmstengel) für den Tag erstehe, ist kürzlich verkauft worden. Der neue Trafikant arbeitet mit freundlicher, bewußter Langsamkeit.

In die Hektik des Morgengeschäfts läßt er sich nicht hineinpressen. Für jeden Kunden, jede Kundin hat er alle Zeit der Welt. Diskutiert ausführlich über die Vorzüge und Nachteile dieser oder jener Computer-, Sport- oder Frauenzeitschrift. Fragt, warum man denn diese Marke rauche und nicht eine andere.

Wartet auch nachher, bis Kunde oder Kundin alle Einkäufe und die Geldtasche sicher verstaut hat, ohne derweil schon über die Schultern des ersten den zweiten oder gar dritten zu bedienen. Stattdessen fragt er noch nach dem Wohlergehen im allgemeinen und dem Tagesbefinden im Besonderen.

Und erst wenn der oder die gut Bediente schon die Tür in der Hand hat, um das Geschäft zu verlassen, wendet er sich dem nächsten zu, mit einem freundlichen Gruß und einer wohlformulierten Frage nach den Wünschen.

Einige irritiert das. Mich macht es täglich irgendwie seltsam froh.


Ich auch! – aber wenn ich nicht hier bin, bin ich aufm Sonnendeck


“Your eyes show as many deep and full shades of blue as a healing bruise upon an injured forelimb.” – The Surrealistic Compliment Generator (Link via Rymdimperiet)