Jetzt hat auch Österreich seine “Crime-Show” (bzw. gab’s schon ein paar Folgen, aber die sind an mir vorbeigegangen). Die Sendung ist weniger technisch als ihre ausländischen Vorbilder (was ich ein wenig schade finde), aber man erfährt doch interessante Dinge. Zum Beispiel, dass gleichgeschlechtlicher Sex in Österreich noch 1968 unter Strafe stand und in dem entsprechenden Paragraphen im gleichen Atemzug mit Sodomie genannt wurde. Erst 1971 wurde das Verbot der Homosexualität abgeschafft. Gefühlsmäßig hätte ich diesen Wechsel eher irgendwo am Ende der 50er vermutet.

Außerdem hat mich die Sendung (vermutlich wegen der steirisch sprechenden Polizisten) an die Sache mit den Briefträgern erinnert. Da ich damals noch ziemlich klein war, bitte ich, etwaige Ungenauigkeiten großzügig zu übersehen.

Es gab etwas zu feiern. Es gab etwas zu feiern, und wir hatten bereits Telefon – das heißt, das Ganze muss sich nach dem ersten Herzinfarkt meines Grossvaters zugetragen haben, also frühestens 1970. Es gab etwas zu feiern, und mein Langzeitgedächtnis flüstert mir zu, es sei Silvester gewesen. Jedenfalls klingelte irgendwann gegen Abend unser ziemlich neues Telefon, ein Viertelanschluss (wer erinnert sich eigentlich noch an die Viertelanschlüsse, an deren Klackern man die Telefoniegewohnheiten der Nachbarn ablesen konnte?), nicht ohne die typische Viertelanschluss-Vorankündigung “klack-klack-klack-klackaklack”, und als es dann klingelte, war mein Grossvater dran. Mein Grossvater war Postoberinspektor in Graz und hatte “die gesamten Briefträger des linken Murufers” “unter sich”, worauf er sehr stolz war. Er war manchmal auch auf ziemlich seltsame Dinge stolz, zum Beispiel darauf, dass er einem Briefträger, den er aus irgendwelchen Gründen zu sich bestellt hatte, mit den Worten “Nehmen sie die Hände aus den Hosentaschen und stellen sie sich gerade hin – in meinem Büro wird nicht mit den Eiern gespielt” die richtige Haltung beigebracht hatte. Warum der Mann “Eier” in den Taschen hatte, und wie man mit “Eiern” “spielt”, habe ich zum Zeitpunkt der Erzählung übrigens nicht verstanden.

Aber zurück zu jenem Abend. Mein Grossvater war am Telefon, und er war ziemlich sauer: Einer der Briefträger war von seiner Runde nicht rechtzeitig zurückgekommen. Und er war auch nicht in der “Toleranzzeit” zwischen 4 und 6 Uhr zurückgekommen. “Der Pücha”, sagte mein Grossvater am Telefon, “sitzt irgendwo und sauft si nieder. Und ich kann nicht weg.” Oder etwas in dem Sinn, wobei die Bezeichnung “Pücha” mit Sicherheit gefallen ist. Die Sache wurde dadurch brisant, dass der Mann einen großen Geldbetrag bei sich gehabt hatte – am letzten eines Monats (also wahrscheinlich doch Silvester) wurden die Beamtenpensionen ausbezahlt, und da die Geschichte mit den Konten damals noch wenig flächendeckend umgesetzt war, brachte in den meisten Fällen der Briefträger das Geld.

Es wurde hektisch telefoniert an diesem Abend, der Briefträger kam und kam nicht zurück, und irgendwann packte meine Großmutter das Festmahl in Alufolie und mich an der Hand, und wir marschierten zum letzten Bus in Richtung Stadt (gegen halb Acht, wenn ich mich nicht irre). Wenn der Opa nicht zum Feiern nach Hause kommt, musste eben die Feier zum Opa kommen, das war in sich völlig logisch. Nur schade, dass der Dackel, der zu Hause bleiben musste, dann seine Knackwurscht nicht feierlich serviert bekommen konnte – aber das würden wir nachholen, versprach mir die Oma im Bus.

Dann saßen wir im riesigen Büro meines Großvaters, Wände in schmutzigbeige, dunkelgrüne Vorhänge bis zum Boden, und meine Großmutter richtete das Festmahl am ebenfalls riesigen Schreibtisch an, helles lackiertes Holz, das schon einige Beamtengenerationen überstanden zu haben schien. Mein Großvater telefonierte mit der Polizei, die zum Abwarten riet, mit Kollegen des Verschollenen, die von einer Freundin (oder war es die Mutter?) erzählten und diese auf Verlangen des Großvaters auch aufsuchten, um sie zu befragen (Telefon hatte sie nicht). Auch sie wartete, ebenso vergeblich.

Während meine Grossmutter den Schreibtisch deckte, als wären wir zu Hause in der Küche, war ich es völlig zufrieden, mit dem Locher und einigen Papierblättern zu spielen. Auf die richtige Mischung kam es an. Mein Grossvater hatte mir ein unbeschriebenes Formular gegeben, das aus einem weißen, einem lindgrünen und einem rosaroten Blatt bestand. Wieder und wieder ließ ich den Locher in die Blätter beißen und öffnete dann die Rückseite (transparent waren die Dinger damals noch nicht), um zu sehen, wie sich die Konfettimischung farblich machte. Es war mir sehr wichtig, die richtige Farbkombination herzustellen – so wichtig, dass ich mich kaum davon losreißen konnte, als es ans Essen ging.

Wir aßen, und während die Großeltern plauderten und ich in meinem Teller rührte und über irgendetwas nachdachte, über das man in dem Alter halt so nachdenkt, kamen die “Großen” immer wieder auf den verschwundenen Briefträger zu sprechen. Erst war er noch “da Pücha”, der “immer gern a Glasl zvü trunken hat”, aber irgendwann sprach meine Grossmutter aus, was längst im Raum schwebte: “Und wenn ihm doch was passiert ist?”

Ich kann mich nicht erinnern, was ich mir in dem Alter unter “passiert” vorstellte, aber irgendwie war es plötzlich kühl und still in dem großen Büro. Mein Grossvater rief nach dem Essen nochmals bei der Polizei an, obwohl ein etwaiger weiterer Anruf erst für den nächsten Tag vereinbart war. Irgendwann dann, ich lochte längst wieder bunte Blätter, kam ein Polizist vorbei. Er trug einen grauen Anzug, keine Uniform, was mich sehr verwirrte, beantwortete aber meine diesbezüglichen Fragen (unter den missbilligenden Augen meiner Großeltern; ein Kind hatte zu schweigen!) freundlich.

Er hörte sich die Sache an, machte ein paar Notizen, stellte Fragen (genau erinnere ich mich daran, wie mein Großvater ausführte, warum er dem Verschwundenen ein absichtliches Verschwinden mit dem Geld nicht zutraute: zu intelligent, bei der Summe…), dann riet er: “Gehen Sie nach Hause, wir halten die Augen offen. Hierher kommt der heute sicher nicht mehr.”

An mehr von diesem Abend erinnere ich mich nicht – vielleicht bin ich eingeschlafen, auf der Rückbank des roten Ford Taunus 12M; vielleicht habe ich während der Fahrt in einen dunklen Himmel geschaut, vielleicht auch um einen eigenen Locher gebettelt, ich weiß es nicht mehr.

Der vermisste Briefträger jedenfalls, der kam nicht wieder. Nicht am nächsten Tag, nicht am übernächsten, und in den folgenden Wochen auch nicht. Erst war es Tagesgespräch beim Abendessen (was der Opa für Scherereien hatte wegen des verschwundenen Geldes…), dann tauchte das Thema seltener auf, schließlich gar nicht mehr. Bis irgendwann ein zweiter Geldbriefträger verschwand. Ebenfalls am letzten eines Monats. Dann ging es wieder los, mit dem Tratsch und den Spekulationen. Ich glaube, insgesamt waren es drei.

Nach langer Zeit fand man, ich weiß nicht mehr warum – oder sonstige Einzelheiten – Teile der Ermordeten in einer Tiefkühltruhe. Ich glaube, mich zu erinnern, dass das daraufhin verhaftete Pärchen gesagt hat, es wäre ganz leicht gewesen, wenn man den Briefträger nur auf einen Schnaps eingeladen habe – der nicht servierende Partner habe dem Ahnungslosen einfach einen Fleischhammer über den Schädel gezogen.

Aber Letzteres könnte auch die Interpretation meines Großvaters gewesen sein.

[edit 2017] Hier habe ich die Geschichte in weniger kindlicher Aufbereitung gefunden. Das mit dem Pärchen war dann wohl doch eher eine Vermutung meines Großvaters.

Die oben genannte TV-Sendung löste übrigens auch anderswo persönliche Erinnerungen aus… und auch von dieser Geschichte wissen die Suchmaschinen bislang noch nichts.