Vom Hügel hinunter sieht man aufs karibische Meer. Oben ein Museum, Ausgrabungen. Man kann sich beteiligen und Scherben zusammensetzen, wenn man nicht weiterkommt, zahlt man 100$ für einen Tipp, 30$ für jemand, der einem beim Zusammensetzen hilft. Der Tipp ist teurer, weil es viel schwieriger ist, Hinweise so auszudrücken, dass dann nicht ohnehin alles klar […]

Vom Hügel hinunter sieht man aufs karibische Meer. Oben ein Museum, Ausgrabungen. Man kann sich beteiligen und Scherben zusammensetzen, wenn man nicht weiterkommt, zahlt man 100$ für einen Tipp, 30$ für jemand, der einem beim Zusammensetzen hilft. Der Tipp ist teurer, weil es viel schwieriger ist, Hinweise so auszudrücken, dass dann nicht ohnehin alles klar ist, sagt die Dame am Tisch mit den vergilbten Ansichtskarten.

Auf der Terrasse sitzt Fidel Castro in einem Schaukelstuhl und liest in der Granma. Ich würde gern irgendwas zu ihm sagen, aber mir fällt nichts ein. Da schwenkt er die Zeitung und zeigt auf ein Bild von einem Michael-Jackson-ähnlichen Sänger, ganz in weiß, in Siegerpose. Jetzt wundert ihn nicht mehr, sagt er, wie mies die Musik auf den Sendern ist, die man von Florida herüber hört, wenn die für ihre Auftritte und Platten bezahlt werden. Künstler müssten vom Staat bezahlt werden, erklärt er, sonst könnten sie ja keine Kunst mehr machen, sondern nur Kommerz. Musiker besonders. Ich frage ihn, wer denn bestimmen sollte, wer Künstler ist und wer nicht, ein Expertengremium natürlich, sagt er. Ich bin nicht überzeugt, er winkt mir trotzdem freundlich zum Abschied.

Ich gehe den Hügel hinunter und treffe den Sufi im Urwald. Als ich ihm von dem Gespräch erzähle, ist er begeistert, das ist der Aufmacher für meinen Artikel nächstes Jahr, sagt er, und macht sich eifrig Notizen in seinem iPaq. Er schreibt dabei in Spiegelschrift. Da hätte er auch früher draufkommen können, meint er, dass man als Linkshänder so viel leichter schreibt. Danach will er den Stift verschicken, weil den dringend jemand anderer braucht. Ich finde die Idee nicht so gut, der Stift wird sicher verloren gehen auf den vielen 1000 km Postweg, aber der Sufi ist entschlossen.

seltsammeer Photo(c) Rob Broek/istock

Unten am Meer ist es zwar schön aber seltsam, viel Industrie am Horizont, das Wasser auch ein bisschen zu warm zum Baden; es riecht eigenartig. Die Drinks werden ins Wasser serviert, auf kleinen Schaumstoff-Flößen mit Propellern, komisch, dass die immer den richtigen Empfänger finden, sage ich, aber der Sufi findet das ganz normal. Die Flüssigkeit in den Gläsern wechselt die Farbe und blubbert ein bisschen und kitzelt beim Trinken in der Nase.

Dann gehen wir einen Urwaldpfad entlang, über uns ein Flugzeug. Wir sollten einen Rundflug machen, sage ich, da sieht man sicher viel mehr. Der Motor des Flugzeugs beginnt zu stottern, der Pilot legt eine Bruchlandung hin, da muss man doch helfen! sage ich, Nein, weg hier, das explodiert gleich, sagt jemand anderer. Alles rundum wird schwarz vor Rauch und seltsam still. Dann liege ich auf einem hölzernen Ochsenkarren, eine Frau singt, wunderschön traurig, es klingt nach Fado. Jemand schreit sie an, sie soll doch still sein, Schade, denke ich. Jemand weint neben mir, ich greife eine Hand. Das Weinen wird anders, stiller. Die Sonne über uns viel zu heiß.

Später in einem nackten Betonbau schaue ich fasziniert auf riesige Blasen auf meiner Haut, wenn sie sich öffnen, ist ein Gewirr darunter wie chinesische Nudeln. Nein, sagt die Frau im weißen Kittel und fährt mit dem Finger hinein, das sind winzige Würmer. Sie holt ein paar heraus und zeigt sie mir. Ich frage mich, wie die unter meine Haut kommen, das Meer, der Rauch, die Drinks? Alles kommt mir plötzlich giftig vor. Das ist nicht weiter tragisch, sagt die Krankenschwester, das wird schon wieder. Sie öffnet ein Joghurt und isst, ohne sich die Hände zu waschen. Ob sie keine Angst hat, sich anzustecken, frage ich sie. Nein, sagt sie, das ist Programm hier, jeder soll sich mit allem anstecken, dann ist man am Ende gegen alles immun. Schau, sagt sie und klappt einen Fingernagel hoch, unter dem sich kleine Spinnen tummeln. Ich will keine Spinnen unter den Fingernägeln, aber das möchte ich ihr nicht sagen, sie wirkt richtig begeistert davon.

Ein anderer Patient setzt sich neben mich, er ist voller Asseln, von denen sich einige sofort zu mir gesellen wollen. Ich wehre ab. Die sind praktisch, meint der Träger, die fressen den Schmutz, man spart sich das Duschen.

Ich muss jetzt aber gehen, sage ich, das Konzert fängt gleich an. In Ordnung, sagt die Krankenschwester und stellt das Joghurt weg. Mit einem durchscheinenden Tuch wischt sie mir über die Haut, und die Blasen samt ihren Bewohnern verschwinden sofort.

Am Ende der ungeteerten Dorfstraße ist ein Haus mit riesigem Innenhof, dort soll ich die Karten abholen. Der Sänger der Band steht an der Freiluftbar und kommt mir entgegen. Ich habe schon auf euch gewartet, sagt er, 3. Reihe, Sitz 1 und 2, oder? Ich nicke und folge ihm in den Backstagebereich um die Karten zu bezahlen. Zwei Bier sind im Preis inbegriffen, sagt er. Ich gehe an die Bar, um das Bier zu holen. Konzert oder Workshop? fragt Fidel Castro am Zapfhahn. Konzert, sage ich, Workshop! sagt der Sufi hinter mir. Er kriegt natürlich das bessere Bier.