Beim ersten Tageslicht sofort in diesen Balkon verliebt. Ein Ein-Mensch-Balkon zum Bücherschreiben. Oder zwei-Mensch-Balkon, wenn man sich sehr lieb hat.

Halbwegs gesittetes Frühstück, nicht der Rede wert. Dann ein paar Schritte hinaus in die strahlende Sonne & sofort diesen speziellen geruch in der Nase, Mittelmeer und Fremdland. Vertraut.

Den Strand entlang im Wellenrauschen, wie nachts schon. Erst im Morgenlicht begriffen, dass das das Meer ist und nicht eine dubiose Klimaanlage.

Kinder führen Schafe an der Leine, sonntags ist ein Fest, erfahren wir, da sollen die Schafe geschlachtet werden – einstweilen werden sie noch von Grasbüschel zu Grasbüschel geführt und gestreichelt.

Es ist eine Selbstverständlichkeit im Hiersein und im Anderssein um mich herum, die mich fast augenblicklich glücklich macht.

La Jetee heißt das Hotel, und nach einem kurzen Abstecher dorthin mit den Jungs eine Runde gedreht, in Carthago sind wir hier, nicht im eigentlichen Tunis, sagt einer, aber die Runde ist viel zu kurz und im anschließenden Lokal ist es zu kalt und zu westlich, also alleine bald wieder raus.

Lange und genüsslich die breite Hauptstraße entlang, der richtige Schritt kommt ganz von selbst, nicht zu schnell und nicht zu langsam; ich schwebe ein bisschen über allem, bin aber sehr bei mir, alles wirkt interessant, anziehend; die kleinen Geschäfte, der fremde Alltag. Auch wenn der rosa Flieger deutlich hörbar ruft, bin ich froh über diesen Zwischentag, der das Reisen bewusst macht, das Anders-wo-sein.

Nach der Brücke über den Fluss werden die Häuser und Gärten noch deutlich wohlhabender; schön ist es hier; rechts ab von der Hauptstrasse, still ist es hier, kaum Menschen, ertappe mich plötzlich dabei, wie ich selbst mitten auf der Straße gehe, was ich dem Sufi immer vorgeworfen habe.

Die Häuser strahlend weiß, selbst durch die Brille noch blendend, blaue Balkone und Ziergitter, weiß-blaue Kacheln. Wieder dem Meer zu, mehr Kinder mit noch mehr Schafen, ein abtrünniges helfe ich sogar einzufangen unter dem Gejohle der umstehenden Halbwüchsigen.

Wieder meine Foto-Scheu gegenüber allem was lebt, nur Häuser und Meer fotografiert, dabei hätten sie doch sicher nichts dagegen gehabt.

Nach dem Mittagessen noch ein paar Schritte in die andere Richtung, ein Hafen ist dort; an der breitesten Stelle des Sandstrands spielen ein paar Jungs Fussball, barfuss, mit kurzen Hosen. An Camus in Algerien gedacht & daran, dass ich mir das Licht aus diesen Büchern heraus ganz anders vorgestellt habe, härter und gläserner, als würde man aus jeder Richtung direkt in die Sonne schauen, aber vielleicht ist es ja so, im Sommer, bei wochenlangen 40°.

Offenbar ist gerade Mittagspause, Schwärme von Mädels mit Pizzas, Grüppchen von supercoolen Jungs auf den Bänken, dazwischen vereinzelt Liebespaare, schon wirkt eine Umarmung irgendwie befremdlich auf mich, obwohl ich weiß, dass es hier ja gar nicht “so” ist; ach lassen wir das, will ja ohnehin keiner hören.

Schade, kein Audio-Gerät dabeizuhaben, man müsste alles aufnehmen, die Muezzins, die Wellen, die Schafe; rufe stattdessen den Sufi an um ihn am Muezzingesang teilhaben zu lassen, dem Dorian schenke ich eine Minute Meeresrauschen, das Schafgeblöke behalte ich für mich.

Dann am Balkon die Eindrücke im Büchlein notiert, Laptop will ich jetzt nicht einmal sehen. Bisschen Kopfweh weit weg von Wind und Sonne, gehört irgendwiedazu. Unten am Strand wird spaziert, gespielt, Fahrrad gefahren. Ich bin fast traurig, gleich wieder weiter zu fliegen, zwar sprunglustig, aber ebenso könnte ich hier noch viele Tage spazieren, Wasser kaufen und Kekse mit dem bisschen Französisch das nach und nach aus unerforschten Gehirnregionen auftaucht; am hauptstadtnahen Alltagsleben entlanggleiten als unauffälliger Fremdkörper, der mit der Zeit vielleicht weniger fremd wirken würde und schließlich, nach langer Zeit, irgendwie fast dazugehören, wenn auch nie ganz.

Die Katzen überall, Hunde kaum, aber Katzen: Große, kleine, gepflegte, räudige, trächtige, auf der Straße, am Meer, in den Geschäften, um die Fischhalle herum. Fast vergessene Gerüche, frischgebackenes Baguette aus einem Hauseingang, gleich darauf eine Nase voller altmodisch ungefilterten Benzins aus einem startenden Zweitakter, eine Tankstelle preist “sans plom”, bleifrei, auf riesigen Plakaten wie eine Weltneuheit an; ein paar Schritte weiter der Fischmarkt, riesige Halle, gleich gegenüber der Fleischhauer, der keine Schnitzel in der Kühlvitrine liegen hat, sondern riesige Trümmer von Tieren; auf mich wirkt es wie eine Befreiung aus dem Kerker der Plastikwelt.