Umziehen ist so eine Sache. Kann ich jetzt wieder aus erster Hand sagen, wo ich dem werten Sufi seit Tagen (zwar spärlich aber doch) dabei zur Hand gehe. Ich weiß auch wieder, Kistenschlepp- und Regalzusammenbau-Muskelkater sei Dank, warum ich mir beim Einzug in meine jetzige Wohnung (die damals schon als Notlösung gedacht war) geschworen habe, erst dann wieder umzuziehen, wenn ich etwas gefunden habe, wo ich für den Rest meines Lebens bleiben möchte.

Ich meine, es geht ja nicht nur um die paar Tage, die man – offenbar naturgemäß – zwischen Kisten und Schraubenziehern, zwischen Inbusschlüssel und Putzfetzen am Rande der Hysterie wandelt, bis zu dem Punkt, an dem man sich den Schweiß von der Stirn wischt und eigenschulterklopfend bemerkt: Das ist ja wieder einmal gutgegangen.

Sondern auch darum, sich immer wieder eine fremde Umgebung vertraut zu machen. Wobei: die Gegend, vielmehr die Wohnung, in die dieser liebe (wenn auch manchmal anstrengende) Freund jetzt zieht, haben wir uns beide – nur mittelbar unabhängig voneinander – schon vor Jahren zu eigen gemacht. Es war also fast eine Quelle der Verwunderung, dass in diesem Haus, dessen Hausordnung “Nachtruhe ab zehn Uhr!” vorschreibt, der erste Nachbar ob unserer fortgesetzten Regalbau-Aktivitäten nicht schon um 10:15, sondern erst um 10:25 belehrend an die Tür klopfte.

Noja. Irgendwann ist auch die (vorläufig) letzte Kiste möglichst leise ausgepackt, und nachmitternächtlicher Hunger treibt einen durch die Stadt. Das Beatrixstüberl ist ja leider vergangen, aber immerhin, die Gräfin gibt’s noch. Wobei es, obwohl immer noch August, so gegen ein Uhr doch empfindlich kühl wird, draußen.

Und dann heim. Genau: heim! Heim in dieses heruntergekommene Mietshaus, dessen Farbe in den oberen Stockwerken seit dieser Katastrophe völlig ungehindert von den Wänden blättert. Ich lächle beim Aufschließen, weil der Typ ganz unten, rechts von der Eingangstür, wieder mal irgendeine Polizeiserie so laut laufen hat, dass man bei den unvermeidlichen Sirenen unweigerlich einen Blick über die Schulter wirft, obwohl man weiß, dass Einsatzfahrzeuge bei uns ganz anders klingen.  Derselbe Typ, der wegen einer nicht näher bezeichneten Krankheit frühpensioniert ist und der dem Hausmeister und allen Mietern ständig in den Ohren liegt, dass es nicht angeht, dass nach Mitternacht jemand die Haustür öffnet und schließt, weil ihn das an seinem krankheitsbedingt dringend nötigen Schlaf hindert – wo doch das ganze Haus weiß, dass dieser Fernseher täglich bis in die Morgendämmerung lautstark läuft. Täglich.

Ich beäuge den Postkasten, nehme die üblichen Werbeprospekte heraus, halte die Luft an und kann trotzdem nicht verhindern, dass mir beim Öffnen des Papiercontainers eine Wolke des Totrattengeruchs in die Nase steigt, der nicht nur mich, sondern unweigerlich alle in den Wahnsinn treibt, die diesen Deckel heben.  “Was soll machen” fragt die Hausmeisterin lauthals, sobald man sie darauf anspricht (und das geschieht oft), “schon xMal gewaschen mit allen, was hilft. Hilft nix!” – Offenbar hilft wirklich nix. Der Container, in leerem Zustand fürs Auge völlig sauber, riecht, als hätte man darin eine Woche lang eine Leiche aufbewahrt, und das bei 35 Grad Außentemperatur.

Ich nehme, mit einem unweigerlichen Seufzer, die ersten Stufen in Angriff. Vier liftlose Stockwerke. Das habe ich sicher schon irgendwann einmal erwähnt.

Im ersten Stock sitzt wieder einmal das Kaninchen vor der Wohnungstür. Ich habe vor einer Weile angefangen, mich zu fragen, wie lange Kaninchen eigentlich leben, denn dieses Kaninchen gibt es schon, seit ich hier eingezogen bin. Es ist leicht erkenntlich, am dreifarbigen rechten Ohr (das linke Ohr dagegen ist reinweiß), und an seinem Verhalten: Es hockt, wann immer ich es sehe, zitternd auf der immergleichen Türmatte. Je näher man kommt, desto mehr zittert das Hinterteil, und kurz bevor man den Treppenabsatz erreicht, macht es einen 180°-Dreher aus dem Sitzen. Offenbar ist der sich nähernde Riese weniger gefährlich, wenn man ihm nicht direkt ins Auge sehen muss.

Im zweiten Stock dann der Rest eines Geruchs nach Kutteln. Den Hund, für den die regelmäßig gekocht werden, habe ich noch nie gesehen. Man hört ihn aber ab und zu Jaulen. Jedenfalls kann ich davon ausgehen, dass der Geruch, auch wenn er auf dieser Höhe bereits halb verflogen ist, sich unter dem Dach sammelt und mit der geballten Kraft des fehlenden Auswegs durch die teuflisch undichte Tür den Weg auch in meine Wohnung gefunden hat. Ein Glück, dass es warm genug ist, um nachhaltig zu lüften.

Im dritten Stock Totenstille. Auch das vertraut, seit der Typ ausgezogen ist, der regelmäßig um 3 Uhr früh heimkam und dann den Fernseher auf Höchstlautstärke gestellt hat, um dann daneben… ja was? Einzuschlafen? In Halbtotenstarre zu versinken? Klingeln, klopfen, anrufen hat nie eine Reaktion bewirkt.  Etliche schlaflose Nächte später bemerkte ein Übernachtungsgast nebenbei: Warum drehst du ihm nicht einfach die Sicherung heraus? und verursachte damit etliche ängstlich-atemlose Trips durchs nächtlich-dunkle Treppenhaus, ähnlich wie damals im Internat, als wir… aber das ist eine andere Geschichte. Seit unter mir dauerhaft Ruhe herrscht, weiß ich nicht recht, ob der Gedanke an irgendjemand (zu Gesicht habe ich diesen Nachbarn nie bekommen), der aus Verzweiflung über unzuverlässige elektrische Anlagen die Wohnung wechselt, mir eine Grimasse der Reue oder ein Grinsen des Triumphs entlockt.

Ist ja auch egal. Endlich oben. Mein direkter Nachbar hat immer noch die unsäglich rote Lampe hinter der Glastür und diesen Husten, der ihn eigentlich schon längst auf den Zauberberg befördern hätte sollen. Immerhin ist aber seine Kärntner Mutter abgereist, die nicht nur notorische Frühaufsteherin ist (6:30), sondern auch noch so schwerhörig, dass es mir in diesem Sommer nicht erspart geblieben ist, seine Meinung nicht nur über mich, sondern auch über alle übrigen Nachbarn und – natürlich – zu allen lokalen und internationalen Tagesthemen zur Kenntnis zu nehmen.

Was übrigens durchaus interessant war; nach den diversen Ehestreits (teilweise mit Polizeieingriff) und unseren wenigen persönlichen Begegnungen hätte ich ihn für wesentlich beschränkter gehalten, als die Diskussionen mit seiner Mutter jetzt vermuten ließen. Ach ja.

Drüben in der Eckwohnung läuft wieder einmal Hair, und hinter den rotorangen Vorhängen bewegen sich dunkle Schemen verdächtig jung. Ich weiß noch die Zeit, als ich mich auf so eine Party unweigerlich eingeladen hätte, aber hej: Die ist vorbei. Spätestens, seit ich dem Mieter ebendieser Wohnung erklären musste, dass es eben nicht in Ordnung wäre, wenn er die Prospekte, die “diese Scheiß-Inder” immer an seine Türe hängen, recht unbeschwert auf meine Wohnungstüre umverteilt. Leider stellte sich im Laufe des Gesprächs heraus, dass der junge Elektrotechnik-Student, der mindestens einmal die Woche eine Party mit toller Hippie-Musik schmeißt, nicht nur latent ausländerfeindlich, sondern geradezu stolz auf seine faschistischen Ansichten ist. Soviel dazu.

Ich schließe die eigene Tür hinter mir, mache in oft verwendeten Handgriffen dasfensterauf diejalousienhoch dencomputeran,  da draußen schon wieder diese einsame Grille, und denke dabei, wie seltsam es ist, dass ich mir viel leichter vorstellen kann, nach Berlin, nach London oder auch nach Tadschikistan zu gehen, als hier in Wien den Bezirk oder auch nur den Straßenzug zu wechseln.