Unbeantwortet


Wenn in dem Song, den ich (überspielend) gerade höre, den ich aber nicht nennen will von einem innerfamiliären Diebstahl in jungen Jahren die Rede ist, der hinterfragt, aber nicht geahndet wird (Kenner der Austropo-Szene wissen vermutlich längst, wovon die Rede ist) (ganz im Gegensatz übrigens zu dem Diebstahl, ebenfalls von einem Austropopper besungen, der in 3 dramatischen Strophen zu einem Selbstmord führt) (Wer als erster beide Songs mit Interpreten richtig nennt, wird von mir zu einem Bier eingeladen, allerdings ohne Anfahrtskosten nach oder Aufenthaltskosten in Wien) (dieses Preisauschreiben endet mit 31. Dezember 2004) – oi, jetzt habe ich mich in meinem eigenen Satz verlaufen, also nochmal von vorn…

Wenn in dem Song, den ich gerade höre, den ich aber nicht nennen will, von einem innerfamiliären Diebstahl die Rede ist, der hinterfragt, aber nicht geahndet wird, dann erinnere ich mich schmerzhaft an den Augenblick in meinen jungen Jahren, als ich an dem – zur allmonatlichen Rechnungsbegleichung bereitgelegten – Stapel Tausender (für die jüngeren unter uns: Hier ist von Schilling die Rede) einfach nicht mehr vorbeigehen konnte – als ich nur den Kopf schiefgelegt, meine Großmutter im Garten mit der Nachbarin reden, meinen Großvater in der Küche mit dem Dackel schimpfen gehört – und, ohne zu wissen, warum oder wofür, einen Schein aus der Mitte des Stapels gezogen habe…

Noch bevor die Hand das Geld berührte, hatte ich schon zu schwitzen begonnen, schon als ich die Hand mit dem bläulichen Papier zurückzog und wie in Trance unter den Pullover steckte (so, dass die Beute im Hosenbund klemmte) wünschte ich, es nie getan zu haben, und später dann: der verwunderte Ton in der Erzählung der Großmutter, wie erst seltsam und dann peinlich es ihr war, als auf der Bank beim Einzahlen plötzlich ein Schein fehlte aus dem so genau abgezählten Stapel; ihre Vermutungen, es wären halt einfach zwei Scheine so punktgenau aufeinander geklebt, dass sie auch beim dritten Zählen nicht auseinanderfielen; oder: dass die Kassierin einen der damals noch feierlich-großen Lappen verschwinden hätte lassen, so geschickt, dass nicht einmal sie (die allwissende Großmutter) etwas gesehen hätte; ich in Hörweite über einem Buch oder über der Zeitung oder vor dem Vorabendprogramm, vielleicht auch strickend oder abwaschend sonstwie in der Nähe; die Worte: nicht erkennbar für mich bestimmt (so, wie ich übrigens häufig bei ernsten Themen nicht sicher war, ob sie meine Anwesenheit vergessen hatte und deshalb weiterredete, oder ob sie im Gegenteil darauf zählte, dass ich jedes Wort aufsog und es um so schwerer nahm, je offensichtlicher es eine vertrauliche Mitteilung an jemand anderen war); ich fühlte mich jedenfalls belauert.

Der Geldschein, den ich nicht mehr im Hosenbund trug, sondern längst kleingefaltet im Einband meines Tagebuchs verstaut hatte (nicht ohne ihn davor minutenlang anzustarren und davon zu träumen, was man damit nicht alles anfangen könnte), schien zu brennen, unübersehbar und gefährlich; ich hatte keinen anderen Wunsch als den, aufzuspringen und zu gestehen, dass ich schuld war, ich ganz allein und auf keinen Fall die Kassierin, aber aus irgendeinem Grund habe ich es nicht getan, und genau das tut mir heute noch leid: Nicht, dass ich den Schein genommen habe, sondern, dass ich ihn heimlich genommen habe, anstatt aufzustehen und zu sagen: “Das geschieht euch ganz recht, dass der Tausender jetzt fehlt: das ist für all die Momente, Oma, in denen du mir ein Buch um 300 Schilling verwehrt hast, weil wir uns das nicht leisten können, während dein Mann in der HiFi-Abteilung versuchte, sich zwischen dem Tonbandgerät um 30.000 und dem um 35.000 Schilling zu entscheiden. Für die vielen Male, in denen du mich gezwungen hast, einem beinah völlig Fremden dafür zu danken, dass er dir das Geld für eine neue Hose für mich gibt, während dein Mann schon den dritten 70-cm-Phillips-Fernseher in zwei Jahren kauft. Und dafür, dass ich mir beim Einkaufen für jede Tafel Schokolade, die ich gerne gehabt hätte, anhören durfte, was ich doch für ein Glück hätte, auf so eine großzügige Familie wie euch getroffen zu sein – nur um die Schokolade letztendlich doch nicht zu kriegen.”

Hab ich aber nicht gesagt. Und auch sonst nichts auch nur annähernd Revolutionäres. Nicht einmal etwas reaktionär-Entschuldigendes. Und daher habe ich auch nie erfahren, ob die Beiden mich angesichts dieses eindeutigen Diebstahls wirklich nie (wie der Anschein es nahelegte) auch nur am Rande verdächtigt haben, oder ob es sich – wie so oft – nur um ein hervorragendes Camouflage-Manöver meiner Familie gehandelt hat, bei dem zwar jeder genau wusste, was passiert war, aber keiner sich traute, es auch auszusprechen.

Den Tausender, übrigens, wagte ich jahrelang nicht einmal anzurühren – geschweige denn auszugeben: So lange, bis ich ihn völlig vergessen hatte. Zufällig fand ich ihn, Jahre später, als ich in besagtem Tagebuch nach einem völlig anderen Zettel suchte, und verwendete ihn, ohne noch einmal darüber nachzudenken, darauf, einen Wochenvorrat Lebensmittel für die halbanarchische WG zu besorgen, in der ich damals dann wohnte. Aber das ist (schon wieder) eine ganz andere Geschichte, und die soll…

PS: Das mit dem Preisausschreiben gilt(et). In echt.


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