Gutterflower ist ein Community-Weblog, das die Reisen von Dingen verfolgt (Anm. 2018: Das Projekt ist leider eingestellt und daher ent-linkt.). Idee und Umsetzung von kerleone. Gefällt mir sehr gut – und erinnert mich an etwas… Hätte es im Jahr 1972 das Internet schon gegeben, dann hätte ich Gutterflower sehr gern zur Hand gehabt. Klingt seltsam, […]

Gutterflower ist ein Community-Weblog, das die
Reisen von Dingen verfolgt (Anm. 2018: Das
Projekt ist leider eingestellt und daher ent-linkt.).
Idee und Umsetzung von kerleone.
Gefällt mir sehr gut – und erinnert mich an etwas…

Hätte es im Jahr 1972 das Internet schon gegeben, dann hätte ich Gutterflower sehr gern zur Hand gehabt. Klingt seltsam, ist aber so. 1972 war ich sechs Jahre alt, und meine Eltern waren voller Sorge, weil ich meine Schnuller nicht hergeben wollte. Schließlich sollte ich bald in die Schule kommen – was hätten die anderen Kinder gedacht?

(Das Foto ist ~ 2 Jahre älter als die Geschichte, aber das einzige Schnullerfoto, das ich von mir finden konnte.)

Zu meiner Verteidigung sei erwähnt, dass ich mir zu diesem Zeitpunkt die Baby-Dinger nur noch in äußerst seltenen dramatischen Kindheits-Notfällen in den Mund steckte. Der eigentliche Grund, warum ich sie partout nicht hergeben wollte, war ein Tic ganz anderer Natur – ich liebte es einfach, die Gummi-Hülle mit den Daumen zu kneten. Obwohl ich seit über 30 Jahren keinen Babyschnuller mehr in der Hand hatte, weiß ich das Gefühl noch ganz genau. Wenn man mit dem Daumen ganz langsam (wichtig!) so einen Gummiknubbel zusammendrückt, ist das weich und prickelt ein bisschen – so, als würde man den Daumen in Mineralwasser halten. Nur nicht so kalt und nicht so nass und nicht so stark. Ähem. Wer Kinder hat, kann es ja einmal ausprobieren (wobei die gaumenfreundlich deformierten Exemplare, die damals gerade in Mode kamen, bei weitem nicht so knautschfreundlich waren). Egal. Jedenfalls hatte ich überhaupt keine Lust, die beidhändige Schnullergummidaumenknubbelei aufzugeben, obwohl dieser erste Schultag mit Riesenschritten näher rückte.

Mein Vater kam dann auf die pädagogisch zweifellos einwandfreie Idee, die schwierige Trennung zwischen Schnuller und mir in ein kleines Abenteuer zu verpacken. Irgendwie, ich weiß nicht mehr genau, schaffte er es, mir einzureden, dass die lieben kleinen Schnullerchen gerne auf eine große Reise gehen würden – und da Schnuller nun Mal schlecht zu Fuss sind, aber in der Badewanne oben schwimmen, wäre wohl eine Flussfahrt das Beste. Wir studierten den Atlas und stellten fest (nun, ich zumindest, er wusste es vermutlich schon), dass der Bach, der durch unser Dorf floss, in die Kainach mündet. Und die fließt in die Mur. Die Mur in die Drau, die Drau in die Donau, und die mündet irgendwann viel weiter weg ins Schwarze Meer. Meer! Damit war ich überzeugt.

Am nächsten Sonntag während des traditionellen Spaziergangs flogen die peinlichen Säuglingsalter-Relikte aus meiner eigenen Hand in den Bach. Nicht ohne feierliche Verabschiedung natürlich. Und in den nächsten paar Wochen, es mögen auch Monate gewesen sein, wurde die tägliche Gute-Nacht-Geschichte durch meine vermutlich bald nervige tägliche Frage ersetzt, wie weit meine ehemaligen Vertrauten mittlerweile wohl gekommen sein mochten.

Obwohl es aus heutiger Sicht höchst wahrscheinlich scheint, dass diese Schnuller nie auch nur die Mur erreicht haben, ja vielleicht nicht einmal die Kainach, haben sie zumindest ein kindliches Interesse an Geographie im allgemeinen und Landkarten im Besonderen geweckt, das bis heute nicht recht abgeklungen ist. Und obwohl es irgendwie recht unwahrscheinlich ist, dass nach mir jemand jemals diese Schnuller in der Hand gehabt hat, hätte das Anbringen einer Weburl mich vermutlich noch deutlich mehr begeistert.