Es muss schon etwas Außergewöhnliches passieren, damit ich vor 8 Uhr aufstehe. Das da zum Beispiel.  Es ist genau das, was ich brauche. Es ist genau das, was der Sufi braucht. Wir brauchen also, genau gesagt, zwei davon.  Und da der Sufi keine Zeit hatte, sah man mich heute um Viertel vor Acht mit wirrem Haar und trübem Blick die Treppen hinunterstürmen. Sogar das Kaninchen im ersten Stock hob erstaunt den Kopf.

Draußen herrschte die mir unvertraut gewordene Frühmorgengeschäftigkeit. Mein derangierter Zustand fiel offenbar nicht weiter auf. Ich erreichte die nächstgelegene Filiale um 5 nach 8. Kein Mensch da. Ich zog mich ins gegenüberliegende Cafe zurück, dopte mich mit Vitaminsaft (nach 2 Stunden Schlaf definitiv gesünder als Kaffee) und ließ die Eingangstür nicht aus den Augen. Als gegen Viertel nach 8 erst einer, dann noch zwei vor der Tür stehenblieben, stürzte ich sofort hinaus (bezahlt hatte ich schon vorher), um den wohlverdienten vierten Platz in der Schlange einzunehmen. Wir beäugten einander interessiert. Die anderen sahen nicht nach 200GB-Bedarf aus. Aber was weiß man heutzutage schon. Vermutlich sah ich zu dem Zeitpunkt auch nicht nach 200GB-Bedarf aus.

Weitere Schnäppchenjäger trafen ein. Einer versuchte sich vorzumogeln: Er müsse noch etwas auf dem Prospekt nachlesen, der and er Tür hing. 20 Finger zeigten nach rechts: Dort hing der gleiche Prospekt, völlig unblockiert. Er gab sofort auf. Ein Straßenkehrer in oranger Jacke kam kehrend den Gehsteig entlang. Warf einen Blick auf den Prospekt, zückte das Handy und fragte nach, ob die angebotene Festplatte auch geeignet wäre, um endlich seine Videos zu schneiden. Auf die offenbar bejahende Antwort lehnte er Besen und Schaufel an das nächste Straßenschild und stellte sich zu den Wartenden. Ich schielte an seinem Spitzbauch vorbei und hoffte inständig, dass er von Urlaubsvideos gesprochen hatte.

Man weiß es eben wirklich nicht, heutzutage.  Es war fünf vor halb, und die Gruppe war zur Menge geworden. 50-60 Menschen blockierten den Gehsteig und sogar einen Teil der Straße. Eine murmelnde Menge mit vielen spitzen Ellbogen. Ich fühlte mich nicht sonderlich wohl. Ein Hauch von Gewalttätigkeit lag in der Luft.  Ein erstes Knacksen in der elektronischen Türe erzeugte einen sofortigen kollektiven Schub von hinten. Ein Schlachtschiff von Frau, die es irgendwie geschafft hatte, sich links vor mich zu schieben, brüllte: Es ist noch nicht offen! Der Schub ließ nach. Es war aber viel enger jetzt. Ich begann, mich zu fragen, ob es das wirklich wert war. Zu spät, die Verkäuferin näherte sich der Tür mit dem Schlüssel. Ich holte tief Luft und raste mit den anderen los.

Eine metallene Barriere mit Dreh-einlaß, mit der offenbar niemand gerechnet hatte, forderte erste Opfer. Ich hatte zwar auch nicht damit gerechnet, fand mich aber zufällig direkt vor dem Drehdings wieder. Und durch! Als dritte. Was aber nicht viel half, da neben mir die Sportlicheren über die Barriere kletterten und sprangen und rempelnd an den Führenden vorbeizogen. Ich erblickte eine an die Wand gedrückte Verkäuferin, verließ den Menschenstrom und fragte “Die Festplatten?” – “Da müssen sie drüben an der Vitrine auf die Chefin warten.”

In der Vitrine ein Exemplar der Festplatte, dazu noch anderes Elektronikzeugs. Der Straßenkehrer hatte sie schon erblickt und stand begierlich davor. Die Masse dagegen war, völlig unbeeindruckt von 200GB, in den hinteren Teil der Filiale geströmt. Ich kombinierte messerscharf, dass es doch sicher mehr als zwei Festplatten geben würde, und schaute nach, was denn die Masse vorhatte.

Es war widerlich. Der Großteil drängte sich um einen Kleiderständer mit potthäßlichen Lederjacken. Sie rissen die Teile vom Ständer und einander rücksichtslos aus der Hand. Hier herrschte das Gesetz des Stärkeren. Zum Glück trägt der durchschnittliche Österreicher keine Schusswaffen mit sich herum. Das hätte böse enden können.

Daneben ein Gestell mit weißen Schachteln, das ebenfalls umkämpft war und sehr schnell leerer wurde. Ich sah genauer hin und erkannte den Elektroheizer, den ich “bei Gelegenheit auch mitnehmen wollte”. Ich stürzte mich ins Getümmel, zog listig die drittletzte Schachtel durch die Hinterseite des Gestells hindurch an mich und flüchtete damit, während auf der anderen Seite ein reglrechtes Gerangel um die letzten zwei ausbrach.

Mit meiner Beute zog ich mich an die Elektronikvitrine zurück, wo mittlerweile außer dem Straßenkehrer auch noch ein richtiger Geek-Typ stand. Gleich darauf kam eine spitzmausige Frau dazu, die entsetzt auf die Vitrine schaute und fragte: “Glauben sie, es gibt nur die eine?” Wir schüttelten kollektiv den Kopf. Das glaubten wir dann doch nicht.

Bis die Chefin auftauchte, waren wir sieben. Die Chefin kam, mit einer verpackten Festplatte in jeder Hand, und winkte uns wortlos, ihr zu folgen. Die glorreichen 7 folgten ihr im Gänsemarsch in der Reihenfolge des Eintreffens. Ich fragte mich, ob Computerbenutzer zivilisierter sind als Lederjackenkäufer, oder ob 7 einfach noch unter der kritischen Masse für Rücksichtslosigkeit liegt. Die Chefin drückte den beiden Kassiererinnen je eine Festplatte in die Hand und befahl uns “hier bezahlen, hinten abholen!”. Nummer drei (ich) bis sieben in der Schlange atmeten hörbar auf. Alle nickten und stellten sich an. Hierbei versuchte die spitzmausige Frau dann doch, einen Platz gutzumachen, indem sie sich an mir vorbeidrängelte. Ich stellte ihr – natürlich irrtümlich – die Elektroheizung auf den Zeh, entschuldigte mich wortreich und wurde mit einem Mindestabstand nicht unter einem halben Meter belohnt.

Während wir hinter den ersten erfolgreichen Lederjacken-Eroberern Schritt für Schritt auf die Kassa zu rückten, kam ein Kollege des Straßenkehrers und stellte sich ungeniert zu ihm in die Festplatten-Poleposition. Man hörte 5 Leute grübeln, ob das denn jetzt akzeptabel wäre. Ich grübelte nicht, ich wollte ja auch 2 kaufen. Ich hoffte, dass mich dafür niemand lynchen würde. Die Straßenkehrer diskutierten fachmännisch und lauthals Zugriffszeiten und Datendurchstzraten. Dann verkündete der Kollege, dass er seinem “Buam” doch keine kaufen würde, weil der ja ohnehin nur spiele. Die Gesichter ringsum entspannten sich wieder.

Nach dem Bezahlen – meine Befürchtungen wegen des zweiten Exemplars bestätigten sich nicht – wurde es konspirativ. Ich musste, jetzt nicht mehr im Gänsemarsch, sondern ganz alleine – wir waren ja durch den Vorgang des Bezahlens auseinandergerissen – mit dem Kassazettel und meinem ebenfalls bereits bezahlten Heizkörper wieder durch den ganzen Markt, sogar durch die Ausläufer des immer noch kämpfenden Lederjacken-Mobs, zu einer unscheinbaren grauen Metalltür. Dort klopfen. Nach einer Weile öffnete sich die Tür, eine fordernde Hand erschien, nahm den Kassazettel und verschwand wieder. Die Tür ging zu, ich wartete hoffnungsfroh, und tatsächlich: sie ging wieder auf. Die freundliche Hand streckte mir zwei Schachteln entgegen, mit meinem Zettel obendrauf, der jetzt einen Stempel trug. “Kassazettel aufheben, zwei Jahre Garantie” tönte es aus dem Dunkeln, wo man schemenhaft ein Gesicht vermuten konnte.

Geschafft. Nun ja, fast. Etwas tapsig mit 3 Schachteln in den Händen und einem Kassazettel im Mund bewegte ich mich Richtung Ausgang. Meine Heizkörperschachtel, die ich mangels einer dritten Hand am Boden hinter mir her schleifte (hier mit einem Einkaufswagen durchzukommen, wäre ein absolut hoffnungsloses Unterfangen), zog begehrliche Blicke auf sich. Ich musste noch an der Kassenschlange vorbei, die mir ein vielstimmiges “Hinten anstellen!” entgegenschleuderte. Ich wackelte mit dem Kopf, um auf den Kassazettel in meinem Mund hinzuweisen, und versuchte “Schon bezahlt” zu sagen, was zugegeben etwas komisch und wenig verständlich klang. Eine Hand packte mich an der Schulter. Um sie loszuwerden, musste ich den Heizkörper loslassen. Ich nahm den Zettel aus dem Mund, sicherte mit einem Bein die Heizung gegen etwaige gierige Finger und verkündete mit meiner Bühnenstimme: “Die Sachen sind bereits bezahlt!” – Die Masse schaute unsicher erst auf mich, dann auf die Kassierin, die mich leise kichernd durchwinkte. Jetzt musste ich nur noch die Festplatten im Rucksack verstauen, ohne dabei die Heizung aus der Beinklemme zu lassen, und schon konnte ich das Schlachtfeld mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung verlassen.

Draußen blieb ich stehen, um den Heizkörper bequemer an die Hüfte zu klemmen. Die Wand, auf die ich dabei schaute, grinste mich an.

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Ich grinste zurück. Mission vollbracht, unverletzt entkommen. Die unendlichen Weiten von 2x 200GB sicher im Rucksack verstaut.