Ungerichtet, aber zufrieden


Als wäre meine weinselige Übernachtigkeit noch nicht schlimm genug, macht der wahnsinnige Deutsche doch glatt um 5:30 lauthals Frühstück. Ich wünschte, ich wäre wach genug, ihn umzubringen. Stattdessen erklärt ihm zum Glück seine spanische Frau, dass er offenbar völlig übergeschnappt ist. Zwar sind die 10 Minuten, in denen sie sich anschreien, ziemlich höllisch: aber danach herrscht wunderbare Ruhe. Ich schlafe weiter bis gegen 10.

Immernochmüde aber voller Tatendrang dann nur kurzes Frühstück und ab in die Playa. Dort ist Markttag. Statt mich an das zu halten, was ich vorhatte, kaufe ich zwei wunderbar bunte Tücher einen Elefanten für B., eine Trash-Halskette und natürlich einen Riesensack voller Nüsse, Lakritze gibt es auch, noch ein paar Flaschen Honigrum und schließlich, völlig entfesselt, die Elch-Ohrringe (3x plaudernd über alles Mögliche den Stand umkreist in der Hoffnung, dass ich nur einen kaufen kann anstatt alle zwei, aber der Typ ist einfach besser) und noch ein paar zirpende Grillen; wer weiß, was für Schrott ich noch gekauft hätte, wenn nicht Elton John’s Candle In The Wind mich zum Glück endlich vertrieben hätte.

Auf der Flucht noch, nur wegen dem Typ, der D. ähnlich sieht und an seinem Stand einsam mit einer Gitarre vor Heimstudio Aufnahmen sitzt, eine Kassette mit Synthie Musik mitgenommen. Als wäre so ein Typ automatisch auch ein Freund.

Erschöpft im Supermarkt Wasser geholt & noch ein Palmblatt und dann die Schätze nach Hause gebracht. Und dann, endlich: Auf nach Media Almud.

Im Bus die Kassette in den Walkman. Ganz bestimmt nicht die beste Musik, die ich je gehört habe, aber es passt hierher. Der Busfahrer übersieht mein Aussteigesignal und ich darf wieder einmal wandern: Ungewollt aber angenehm, immer noch mit der Musik im Ohr.

Unten hat irgendein Vollkoffer der toten Katze ein Steingrab gebaut (anstatt zu warten, bis die Flut sie wieder mitnimmt) – es stinkt zum Himmel. Daher muss ich auf meinen Lieblingsplatz verzichten und auf der anderen Seite rösten.

Schwimmen, braten, spazieren. Es ist so wunderbar egal, ob man etwas anhat oder nicht. Die holländische Familie traut sich allerdings erst ausziehen, als ich mein Spaziergangs-Hüfttuch ablege. Dadurch aufmerksam geworden, werfe ich einen Blick in die Runde: Alles, was liegt, ist nackt – aber alles, was sich bewegt, ist verhüllt. Auch seltsam, irgendwie; aber offenbar habe ich mich völlig unbewusst angepasst.

Endlich erreiche ich die Tussi vom Reisebüro: Siehe da, der Flug ist verschoben! Ich muss also nicht nachts noch zum Flugplatz fahren und dort bis 4 Uhr früh warten – ich kann in aller Ruhe am nächsten Tag hinfahren. Unerwartetes Geschenk!

Aufs Blau geschaut und Wasser getrunken und eine Zigarette geraucht; dann das Palmblatt gegessen und weiter aufs Meer geschaut und mehr Wasser getrunken und nach einer Weile noch eine Zigarette geraucht; dann wieder ins Wasser und weit hinaus geschwommen und danach doch noch eine Weile in der Sonne gelegen statt im Schatten.

Recht spät: Zu spät für den Sonnenuntergang! Richtung Pto Mogan; dort im Supermarkt noch mehr Honigrum gekauft und Wein, beides als Mitbringesl: Für C. und D.

Lange bei Brot und Käse auf der Terrasse gelesen; zu lange. Schließlich will ich vor allem runter und sehen, was los ist! In der Paralellgasse an Antonios Kneipe vorbei – nahe genug um zu sehen, dass dort kein Sailor sitzt; danach lange an der Klippe gesessen, wo das Meer wieder laut und polyphon schwappt (kein Wunder, den Walkman hab ich ja nicht mit.)

Dann eine Runde durch den Hafen, “the big American” ist weg. Die Thunder of Southampton auch, aber “Just Joss” ist noch da. Eine Weile unter dem Grünblinkleuchtturm gesessen; weit weit unter mir ist eine Jolle vertäut und schabt am Sand, muss wohl bei Flut reingekommen sein, denn bei der jetzigen Ebbe gäbe es keinen Weg an Land.

Kaffee und Soda im Casablanca, eine Weile einem seltsamen Gefühl nachgespürt, das ich nicht einordnen kann, bis ich feststelle: Mir ist einfach nur kühl! Den Pulli angezogen & am Kaffee festghalten, der ist auch warm.

Dann nochmal die Runde gedreht: Antonio hat zu, und einige andere auch. Deutet auf Besonderes, zusammen mit vielen Polizeistreifen und abendlichem aktionsgelbem Flugzeug. Mehr ist nicht zu erfahren (wäre es aber wohl, wenn ich nicht so mundfaul).

Noch träge den Tempel des Gelächters umkreist: Ein aufgedocktes Segelboot, in dem der Mexikaner und seine Leute Hof halten. Klar hat er gesagt, dass ich jederzeit willkommen bin. Klar wäre es kein Problem, hin zu gehen. Aber ich lasse es.

Hungrig jetzt: Noch einmal ins Marina; Thunfisch ist der Fisch des Tages (also wächst der doch nicht in der Dose?); dazu die Fernsehschirme mit einem Feature über das neueste Mercedes-Modell, längelang. Erstaunlicherweise werden auch hier schon die Gehsteige hochgeklappt, aber ich futtere genüßlich meinen Fisch. Heute gibt es wieder Pfirsichschnaps zur Rechnung.

Ich mag noch nicht wirklich heimgehen und entscheide mich, heute hauptsächlich angesichts des Mangels an Alternativen, fürs Casablanca. Draußen gähnende Leere und keinerlei Kellneraktivität, daher ausnahmsweis indoors an die Bar angedockt. Wenig, aber dafür überschwenglicher Betrieb; ich bestelle ein Bier und stehe an der Ecke wie ein Felsen in einer hektischen Kolonie von wahnsinnigen Pinguinen.

Ein Mädel spricht zu mir, weil ihr der, der zu ihr spricht, nicht gefällt. Eine Weile halte ich das aus, weil ich das Gefühl nur zu gut kenne. Derweilen flirtet die Kellnerin, die noch vor ein paar Tagen so überheblich unnahbar war, ganz eindeutig – mit mir.

Ich bemühe mich eine Zeitlang, im Einklang zu schwingen, aber irgendwann ist es dann genug. Ich zahle; nichts wie weg. Den Heimweg nicht direkt sondern mit Umweg genommen, belohnt durch den Abendstern, der eine helle Straße auf das ungewöhnlich ruhige Meer zaubert. Noch nie habe ich einen Stern so hell gesehen, dass er auf dem welligen Meer reflektiert! Zauberhaft.


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