Vertraute fremde


Es sind nicht meine Lieblingstage, die um 5 Uhr früh beginnen, aber wenn das in einem rollenden Zug südlich meiner üblichen Aufenthaltsorte ist, dann geht’s eigentlich.

„Der frühe Vogel ist etwas zerzaust und ca 20 Minuten verspätet“, instagramte ich in den dunklen Morgen hinaus.

Die Verspätung klaute mir allerdings nicht nur den Ankunftskaffee, sondern auch die Chance zu überprüfen ob der Bahnhof von Bologna wirklich so kaiserlich ist, wie ich ihn in Erinnerung habe. Die Erinnerung ist dann halt doch bald 30 Jahre her, und es könnte auch Milano gewesen sein, das ich im Kopf habe, nach Ansicht der Bologna-Bahnsteige eigentlich wahrscheinlicher.

Es regnete. Eine schnelle Zigarette am Bahnsteig. Eine fremdvertraute Sprache rund um mich, die morgens schon nach Lebensfreude klingt. In meinem Kopf sang’s Tornero.

Der Anschlusszug ein alter, er hat sowohl Fenster, die aufgehen, als auch Aschenbecher, die nicht benützt werden dürfen. Fährt aber High Speed wie ein neuer und klappert und schüttelt und rüttelt dabei. Kein Zug für Handschriftnotizen. Erfreue mich stattdessen an den Bahnhofsnamen zwischendurch. Castello Bolognese. Santarcangelo.

In Rimini traute sich ein sanftes Morgenrot hervor, obwohl es beharrlich weiterregnete. 7:35. Die Messe öffnet um 9:30. Die Gepäckaufbewahrung um 8:30. Erstmal ein Cappuccino. Dann rollte ich mein Gepäck zum Hotel, das mir gnädig eine Aufbewahrung bis zum Checkin gewährte, und beschloss, halt derweil noch einen Strandspaziergang zu machen. Könnte ja sein, dass der Messetag zu wenig Bewegung… Naja, das eher nicht. Aber ich hatte zu lange schon kein richtiges Meer gesehen.

Das Meer gehörte heute den Möwen allein. Gleich neben dem verlassenen Strand war allerdings ein Baggerschiff dabei, Sand auszubaggern, und der Sound trübte ein wenig die wunderbar trostlose Melancholie.

Dennoch hätte ich die Atmosphäre gern noch länger genossen, aber ich steckte im Dilemma: In der geschlossenen Jacke Saunaaufguss simulieren, oder doch lieber in der offenen den begossenen Pudel spielen? Ich folgerte, dass beides nicht so richtig zu einem Messetag passt, und stieg beherzt ohne Fahrschein in den nächsten Bus. Am Bahnhof korrigierte ich meinen Faux-Pas mit dem Erwerb einer 3-Tageskarte und gönnte mir noch einen Kaffee, bevor es Zeit war, zur Messe zu fahren.

Beim Warten auf den richtigen Bus wurde der Regen stärker, und Dach hatte die Haltestelle keines. Also doch begossener Pudel. Meine frische Frisur hielt das erstaunlich businesstauglich aus. Es warteten neben mir ein paar Deutsche und ein paar Russen, alle verhielten sich verblüffend klischeegemäß. Die Deutschen schon nach zwei Minuten Busverspätung sicher, dass hier alles völlig falsch läuft, der erste Russe dagegen holte nach 4 Minuten den Flachmann heraus, setzte sich auf seinen Koffer und begann eine traurige Melodie zu summen. Ich grinste, obwohl mir das Wasser in den Kragen lief. Dann kam der Bus. Der übrigens nicht ganz zur Messe fährt, so etwa 400 Meter galt es zu laufen. Im Regen. Alle 50 Meter stand ein Verkäufer mit einer Handvoll bunter Schirme. Was die wohl verkauft hätten, wenn es nicht geregnet hätte? Ich widerstand der Versuchung, es ist hoffnungslos, ich habe noch nie einen Schirm länger als einen halben Tag gehabt.

Angesichts der kurzen Nacht ein überraschend produktiver Messetag. Von dem wird anderswo noch die Rede sein, aber ein winziger Teil der überwältigenden Eisvielfalt darf auch hier ins Blog.

Ich staunte, dass ich doch noch einiges italienisch verstehe, auch wenn mir derweil noch nicht einmal ein Grazie von den Lippen gesprungen ist.

Gegen Messeschluss dann doch eher müde. Ich ließ mich vom Bus Nummer 9 durch den standhaften Nieselregen schaukeln und staunte entspannt aus dem Fenster. Kurz überlegte ich, am Fluss auszusteigen und die Brücke zu fotografieren, aber es nieselte beharrlich weiter, und die Füße hatten längst genug.

Das Zimmer in meinem Hotel ist das kleinste, das ich jemals gesehen habe. Das allein wär noch nicht schlimm, allerdings liegt es zwischen Lift und Stiegenhaus. Hat mich mein Hotelgespür doch einmal im Stich gelassen. Dafür eine immerhin ein Minibalkon und die Aussicht auf eine, soweit ich das beurteilen kann, ziemlich normale Rimini-Nachbarschaft. Ab und zu bellen Hunde, vom Balkon aus lässt sich die Nachbarskatze beim Spielen zuschauen.

Nach einer halben Stunde Ruhe plagte mich aber ein Hüngerchen. Da mussten die Füße durch und wurden schnell verzweifelt dabei, denn alle nett aussehenden Lokale in der Nachbarschaft waren von unterschiedlichen Messegrüppchen belegt und „geschlossene Gesellschaft“. Ich kam in seltsame Gegenden auf meiner Suche.

Diese Zuppa Inglese lockte aus einem Schaufenster, doch der nächste Tisch wäre erst um 21:30 frei gewesen.

So blieb mir entgegen meiner Absichten nur der nächstgelegene Pizzaschnellimbiss. Ich hätte Pizza bestellen sollen, die sah gut aus und duftete mehrmals vielversprechend an mir vorbei, während ich wartete. Die Ravioli dagegen waren leider todlangweilig.

Durch den langsam echt nervenden Nieselregen zurück ins Hotel. Morgen soll es etwas trockener werden. Der Fernseher hier ist auch winzig und zeigt eine Handvoll ausschließlich italienischer Programme. Das wiederum gefällt mir ganz gut. Gerade läuft eine Doku über Büffelmozzarella.

[Bitte die Zeitensprünge zu verzeihen, hier sind Zwischendurchnotizen mit Nachbetrachtung vermischt]


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