Diese Anrede-Formalitäten werden mir langsam echt zum Problem. Mal sehen: Wenn die Wahl der Anrede an mir liegt, wähle ich nur in 2 Fällen das “Sie” – Fall 1: Der Anzusprechende ist mir extrem unsympathisch. Fall 2: Der Anzusprechende ist mindestens gefühlte 50 Jahre älter als ich UND legt wert auf überhöfliche Umgangsformen.

Fall zwei wird, naturgemäß, von Jahr zu Jahr seltener. Fall 1 ist gleichbleibend selten, da ich in meinem Herzen ein überaus umgänglicher Mensch bin.

Ich wäre also, wenn es nach mir ginge, mit dem Großteil der Menschheit per du. Dummerweise geht es aber nicht immer nach mir; man wird einander bisweilen schon siezend vorgestellt, außerdem wählt, wenn Zeit ist, der “Ältere”, der “Ranghöhere”, der “Hausherr” (oder die “Hausdame”) die Anrede. Und dazu kommt, dass ich naturgemäß einer einmal ausgesprochenen Anrede folge – Fazit: Ich werde mit einer zunehmenden Anzahl von Personen “per Sie”, wo das nun wirklich nicht notwendig wäre, und wo ich es eigentlich gar nicht will.

Ich bin ein Kind der Siebziger, verdammtnochmal. Und ich bin, auf meine eigene verquere Art, ausgesprochen froh darüber. Und das wiederum bedeutet, dass mir in meiner Grundwahrnehmung erstmal niemand übergeordnet ist, genau so, wie ich niemandem übergeordnet bin. Daher das “Du”. Klar soweit?

Über “Nähe” oder “Distanz” sagt das in meiner Wahrnehmung erstmal nichts aus; und noch viel weniger über Wertschätzung oder Geringschätzung. Das “Du” sagt für mich: “Wir treffen uns auf einer Ebene”; deshalb müssen wir uns nicht liebhaben oder auch nur einer Meinung sein; das “Sie” dagegen sagt: “da besteht ein Gefälle” – auch wenn in den meisten Fällen die Richtung dauerhaft unklar bleibt.

Es ist und bleibt ein Unbehagen dabei, wenn ich zu jemandem “Sie” sage. Selbst wenn es ein selbstgewähltes siezen ist.