Weißes Rauschen

Tagelang hat es geschneit. Gut, vielleicht waren es nur zwei Tage, vielleicht drei, aber es kommt viel länger vor: Immer dieser Blick zum Fenster hinaus, die Flocken, die immer gleich groß, immer gleich schräg vorbeifliegen. Ich schaue schnell weg, die Gleichförmigkeit des Treibens ist wie ein unangenehmes Kratzen auf meiner Haut. 43 Winter lang bin ich schon auf der Welt und hoffe trotzdem immer noch, dass er vielleicht einmal nicht kommt, der Kälteeinbruch, und der Schnee, und alles, was sonst noch dazugehört. Aber sie kommen nun einmal. Jedes Jahr.

Jetzt liegt er da, der Schnee, der nichts ist als ganz normales Wasser, festgeworden in einer höchst unangenehmen Temperatur. Wieder einmal stapfe ich mit unzulänglichen Schuhen durch die feindliche Masse, die Kindergartenkinder und Schi-Asse zu Begeisterungsstürmen hinreißt, und verfluche meine Vöglein-auf-dem-Feld-Mentalität, die mir vorgaukelt, der Kauf von Winterschuhen wäre völlig überflüssig, solange es nicht kalt ist. Zu den Dezember-Dingen, die noch schlimmer sind als der Schnee, gehört das Gedränge in den Einkaufs-Gegenden. Es ist die Fleischwerdung der Absurdität an sich, das Rennen und das Suchen und das kollektive Rempeln, das alles bewirkt, dass ich über einen flüchtigen Blick in die Schaufenster nicht hinauskomme. Keine Schuhe für die Chronistin.

Eine Pose wäre das, keine Neurose, höre ich innerlich den Herrn Sufi unken, und so unrecht hätte er damit nicht. Ich finde aber, dass ich mir in meinem Alter durchaus auch die eine oder andere demonstrative Pose erlauben darf, und manchmal vermute ich gar, dass eine frühere Kultivierung entsprechender Posen mir erlaubt hätte, rechtzeitig auch einmal wichtig zu sein, verdammtnochmal.

Solche Gedanken sind, gerade in einer Phase des persönlichen Jetztaber!, vielleicht nicht sehr produktiv, andererseits aber möglicherweise notwendig. Und auch ein Cartoon wie dieser (via Vorspeisenplatte) hat so gesehen nicht nur Kicher- sondern auch Philosophie-Potential.

Im zehenwärmenden Schneidersitz auf meinem rückenfreundlichen Bürostuhl bin ich etwas ratlos, wenn ich in die Zukunft blicke. Das ist nichts Neues, und es hat mich bislang noch nie gestört. Genaugenommen tut es das jetzt auch nicht. Es ist nur so, dass ich zunehmend das Gefühl habe, es sollte mich stören. Ich sollte einen Plan haben. Nein, das ist es auch nicht, ich habe ja einen Plan, ich habe zwei, drei, ich habe viele Pläne. Aber genau das ist der Haken, meint mein winterlich unterbeschäftigtes Über-Ich: Anstatt meiner vielen Pläne sollte ich doch bitte endlich einmal den Plan haben.

Sorry, can’t do. Das Leben bleibt spannend. Und der Schnee, der wird irgendwann auch wieder einmal schmelzen.