Wien – Gran Canaria – Puerto Mogan

Schlecht geschlafen in der Nacht. Morgens mit einer Mischung aus Lust und Sorge den Augenblick der Abfahrt herbeigegrabbelt. Dann endlich. Die Tasche ist viel zu schwer, ich habe viel zu viel mit. Zigaretten noch für unterwegs und Geld abgehoben. In der Straßenbahn schon das Gefühl, nichts mehr zu tun zu haben mit dem, was um mich herum vorgeht. Nicht mehr dazuzugehören. Durch Wien fahren wie durch eine fremde Stadt.

Später dann, in der Schnellbahn, die neuen alten Augen bekommen. Das Mädchen mir gegenüber, so jung. so müde. Eine schöne Nacht verbracht, oder doch nicht ganz so schön?

Der Augenblick ist Heimat aller Möglichkeiten. Ich könnte die Schnellbahn nach Liesing nehmen, anstatt zum Flughafen. Könnte auch urlaubsfrei am Büro vorbeigehen. Woandershin fliegen.

Das Ticket brennt in meiner Tasche. vorbei an Simmering, Zentralfriedhof, Raffinerie. Endlose Schutthalden neben den Gleisen. Und das Gefühl, als hätte ich für immer Zeit.

Kurz noch, im Flughafen, ziemlich genervt. Massen von Leuten um mich; Pauschalreisende, Ehepaare, Radfahrer, besoffene Salzburger. Als ich endlich an der Reihe bin, will ich einen Platz weit weg von den Saufbolden. Raucher oder Nichtraucher? Fenster oder Gang? Ganz egal. Die Dame am Schalter lächelt verständnisvoll, und auf meinem Boarding Pass steht B42. Na, dann ist ja alles in Ordnung.

An der Sicherheitskontrolle einen Blick auf den Schirm geworfen: Fotoapparat, Handy, Walkman: Alles da. Nichts vergessen.

Am Nebengate schließlich W. entdeckt. Das musste ja so kommen, bei Gate 42. Er fliegt 20 min später und will mir, wenn ich am Flugplatz warte, gerne ein paar Tips geben. Perfekt.

In der 737 mit den charterengen Sitzreihen stehen wir lange, vollbesetzt, während freundliche (was auch sonst) spanische Flugbegleiterinnen lächelnd auf und ab laufen.

Und dann geht es endlich los. Tonnen und Abertonnen Stahl und Stoff und Menschenfleisch bewegen sich immer schneller, schneller die Rollbahn entlang & wie immer in diesem Moment das Gefühl, dass ich hier ganz dringend raus will, der Mensch ist nicht zum Fliegen gemacht! Und wie immer verschwindet das Gefühl sofort, als sich die Nase hebt, der Arsch gleich hinterher. Bald allgemeines Gähnen, und das No-Smoking-Sign erlischt. Ein gleichzeitiges Aufflammen von mindestens 50 Feuerzeugen.

Der Flug ist OK, das Essen nicht sonderlich, der Kaffee zum Ausspucken. Warum eigentlich ist der Kaffee in Flugzeugen immer ekelhaft?

Mutter und Tochter in den Sitzen neben mir geraten jetzt schon ins Streiten. Später erblassen sie in besorgtem Staunen, als sie verstehen, dass ich ganz alleine unterwegs bin. Ja kann man denn das? Als Frau? Und Hotel habe ich auch keins vorgebucht? Ich denke schon, dass das geht, sage ich, und flüchte in meinen Reiseführer.

Später werden Erdnüsse serviert, und als ich mich vergewissert habe, dass ich mein Handtuch griffbereit in der Bordtasche habe, bestelle ich ein Bier. Obwohl’s eigentlich längst zu spät ist – ich bin ja schon von Vogonen umgeben.

Über dem Meer wird’s ziemlich rüttelig. So rüttelig, dass erste Kreischer tiefere Luftlöcher begleiten. Ich sitze schweigend und schwöre, mir im Zweifelsfall eher die Zunge abzubeißen als so dämlich zu kreischen. Ist aber nicht nötig, wir sinken schon. Quietschendes Aufsetzen, unerwartet heftige Vollbremsung. Allgemeiner Applaus, und wir stehen auf dem Rollfeld.

Irgendetwas ist seltsam, merke ich auf der Gangway, und brauche Sekunden um zu verstehen: Es ist ja warm! Schön.

Draußen wartet schon W., da hat wohl die eine Maschine die andere überholt. Als erstes zeigt er mir den Weg zum Busbahnhof. Dann, unterwegs, erfahre ich, wo man hin sollte, was man eher meidet, und wo man billig wohnen kann. Ich bin sehr dankbar, und W. hat sichtlich Freude dran, sein Wissen zu teilen.

Umsteigen in S. Agostin, dann wird’s schlimm: Hotelbauten, Restaurants, Vergnügungsparks, wie eine futuristische Zukunftsstadt zwischen Autobahn und Meer, während auf der anderen, viel netter anzusehenden Seite, sich kleine weiße Hütten an den Berghang schmiegen.

In W’s Erklärungen mischt sich das Radio, bunt durcheinander Julio Iglesias, die “4 Jahreszeiten” (der herbst, glaub ich) und Latinomusik.

W steigt aus und ich krieg große Augen, Urlaubsaugen. 20 km weiter, in Puerto Mogan, ist es schon finster, und ich steige aus und atme tief durch und fühle mich völlig allein in der Welt, ziemlich zufrieden. Einen Passanten frage ich, wo ich denn die von W empfohlene Pension finde. Er ist sehr freundlich und erklärt mir alles, wort- und gestenreich. Kein Wort verstanden, bedankt und weitergegangen.

Schließlich finde ich das Haus, auch hier spricht man nur spanisch und will, so viel verstehe ich immerhin, eine Woche im voraus bezahlt haben. Ich weiß aber nicht, ob ich bleibe, sage ich, und zähneknirschend begnügt sich la Mamma mit 2 Nächten Vorauszahlung.

Im Zimmer, klein aber sauber riechend und direkt an der Tür zum Balkon (Gemeinschaftsbad überm Gang, Gemeinschaftsküche 10 Schritte links), schnell das Gepäck von mir geworfen – W hat wohl meine Frage nach einer “günstigen” Unterkunft etwas missverstanden, denke ich – Hände und Gesicht gewaschen und ab an die Playa. Hunger. Durst.

Katzen überall, ab und zu ein Hund. Oleander blüht! und noch was, ist das Hibiskus? Süßlicher Duft. Bizarre Felsen in der Dunkelheit. Das Meer nicht zu sehen, aber zu riechen.

Zurufe herumhängender Jungmachos ignoriert (keine Ahnung, wie man hier mit sowas umgeht). Schließlich das Dorf erreicht, einzig und allein unter Myriaden von Pärchen, am Hafen entlang ein Cafe/Restaurant neben dem anderen, habe keine Ahnung wohin & orientiere mich an der Musik: “Hotel California” kann nicht ganz falsch sein (zumindest wenn die Alternative in den Top 100 und 50er-Jahre-Schnulzen besteht).

Aber mein Tintenfisch (Tintenfisch? Groß wie ein Schnitzel vom Schnitzelwirt und zart & köstlich) kommt mit Schnulzenklangbegleitung, was – verstärkt durch die zwei Pärchen am nächsten Tisch, die offenbar ihre Gerichte mit leuchtenden Augen noch ein zweites Mal garen wollen, anstatt sie zu essen, irgendwie irritierend auf mich wirkt.

Bin ein bisschen unsicher, war schon lange nicht mehr alleine unterwegs… was solls.

Heimweg und irgendwie nicht so gut drauf, wie’s einem veritablen Urlaub gebührt, und in meinem Zimmer krabbeln zwei riesige Käfer. Hm. Im Reiseführer steht, hier lebt nichts Giftiges. Na gut dann. Weiterkrabbeln.