Italien zählt nicht zu meinen inneren Sehnsuchtsländern. Ein Gefühl, das ich nicht begründen kann, denn im Grunde hat das Land alles, was mir interessant ist – Meer, Geschichte, gutes Essen, eine angenehme Sprache und eine entspannte Grundhaltung im Alltag. Dennoch steht das Haus am Meer, das ich mit 40 haben wollte und mit 45 immer noch nicht habe, in meinen Träumen in Spanien, in Griechenland, manchmal in der Türkei, in Kroatien, manchmal gar in Tunesien oder Marokko. Im Grunde fast überall, Hauptsache Mittelmeer. Nur in Italien steht es normalerweise nicht.

Aber, wie schon bemerkt, mit der Aussicht auf Flugzeuge bringt man mich (fast) überall hin. Und zu den besten Gefühlen überhaupt zählt es, zu Hause bei (wenn auch in diesem Fall bestem) Herbstwetter in einen Flieger zu steigen – und woanders bei strahlendem Sommerwetter wieder aufzutauchen. Wobei mir das mit dem Auftauchen nicht so sicher schien, als ich hörte, dass es sich beim Tyrolean-Flieger um eine Dash-400 handelte. Um ehrlich zu sein, dachte ich am Abend vor der Abreise ernsthaft darüber nach, endlich doch mein Testament zu schreiben. Und das, obwohl ich zwei Wochen davor völlig sorglos in einen offenen 2-sitzigen Gyrokopter gestiegen war, wunderbares Erlebnis übrigens. Ängste und Sorgen sind halt nicht rational.

Und die vergleichsweise wackelig scheinende Maschine mit dem ungewohnt engen Sitzabstand (der Herr Sufi und ich versuchten vergeblich, einander höflich die Armlehne zu überlassen) landete natürlich wohlbehalten, wenn auch ungewöhnlich heftig bremsend am Marco-Polo-Flughafen. Der erleichterte Seufzer an der frischen Luft brachte am Donnerstag das fremdvertraute Nasengefühl warmer Meeresluft, und die Busfahrt Richtung Venedig dauerte lange genug, um an Straßenschildern und Kioskaushängen abzulesen, dass das Verständnis der ur-romanischen Sprache zumindest schriftlich noch in zufriedenstellendem Ausmaß vorhanden war.

Schon zu Hause hatte ich ein neues Wort gelernt: Vaporetto. Müde von der kurzen Nacht davor und mit noch ungewohnter Fremdzunge ließen wir uns den Weg zur Wasserhaltestelle weisen und quetschten uns mit einer Masse von Touristen und Einheimischen in den öffentlichen Wasserverkehr. Der, wiesollmansagen, Wassertramway-Schaffner war offenbar Kummer gewöhnt und dirigierte uns lästige Nichtauskenner mit knappen Handbewegungen aus seinem Wirkungskreis (”überheblich-effektiv-cool” notierte ich im Tagebuch). Der Herr Sufi war fasziniert von der Tau-Wickeltechnik, während ich erste Wasserstadt-Eindrücke fotografisch festhielt und über hochhausgroße Kreuzfahrtschiffe kopfschüttelte.

Als wir nach einigen Zwischenstopps am Lido anlegten, überlegten wir, wieder mit zurück zu schwappen und dann von der anderen Seite nochmals anzureisen, einfach weil Meerwind und Geschaukel so wunderbar waren. Wir stiegen aber dann doch aus, um erstmal unsere Rollkoffer vernünftig im Quartier loszuwerden. Erst links am Kai entlang und dann am ersten Mini-Kanal rechts zogen wir das Gepäck hinter uns her wie die Japaner bei Jim Jarmusch. Es war heiß. Ich wollte endlich die Halbschuhe gegen die Sandalen austauschen und das Herbst-TShirt gegen das Sommer-Laiberl, aber erst einmal war Ankommen angesagt. Ich muss zugeben, dass ich beim ersten Blick auf unser Last-Minute-Quartier am liebsten wieder umgedreht hätte, denn es lag im Souterain und duftete sanft nach muffeligem Beinahe-Schimmel, aber… naja. Die Flugzeuge. Die Meeresluft. Und überhaupt!

Unsere Vermieterin hatte mit frei verwendbaren Fahrrädern gelockt, wobei sich herausstellte, dass bei einem der Hinterreifen ohne Luft und beim anderen der Schlüssel verschwunden war. Der Schlüssel fand sich aber nach einer Weile, und der Herr Sufi stimmte zu, bei seinem Gefährt erst einmal selbst für Luft im Reifen zu sorgen. (Was einen Ausflug zum Fahrradhändler bedeutete, denn von normalen Handpumpen hatte hier weit und breit offenbar noch niemand gehört). Mittlerweile, im schattigen Hof mit dem Fahrradständer, hatte ich 12 Gelsenstiche davongetragen und endlich erinnert, was ich vergessen hatte einzupacken: Insektenspray. Verdammt!

Auf dem Weg zum Flugplatz (7 Fahrradminuten) Rast in einem sehr originalen Italien-Beisl, der Herr Sufi testete sogleich sein Insider-Vokabular und bestellte “un ombra della spina”, den er nach einem verwundert-verschmitzten Blick der Servier-Tante auch bekam. Ich hielt mich derweil noch an Wasser und probierte vorsichtig das 3likeHome-Internet. Man kann noch so genau den Vertrag lesen, Roaming ohne Zusatz-Kosten fühlt sich irgendwie seltsam an (wenngleich sehr willkommen).

Dann erreichten wir den Nicelli Airport, wo erwartungsgemäß außer relaxten Aufbauarbeiten noch wenig los war.

Die Tante im Orga-Büro fragte freundlich:
– “Are you here by plane?”
– “No, by bicycle.”
Eine Antwort, die für leichte Verwirrung sorgte. Unsere Pressepässe bekamen wir trotzdem.

Danach suchend zurück Richtung Zentrum geradelt, bis der Sufi Luft für seinen Reifen fand. Während wir uns kurz aus den Augen verloren, betrachtete ich sinnierend bis verwundert die langärmlig und lederbejackt flanierenden Venezianer. Gut, bis vor einer Woche, hatte unsere Vermieterin erzählt, hatte es hier noch 10 Grad mehr – aber trotzdem. Leder – bei 27 Grad im Schatten?

Mit vier guten Reifen radelten wir dann Richtung Süden. Ich spürte den fehlenden Schlaf und einsetzenden Hunger; zudem ärgerten mich die eingezäunten Strände und das wackelige Rad. Zwei Mal hätte ich mich beinah auf die Schnauze gelegt, bis ich mich an ein rücktrittsfreies Treten gewöhnt hatte. Der Herr Sufi hatte mein Grummeln irgendwann satt und stimmte zu, zu einer der wenigen offenen Strandkneipen zurückzufahren. Einen Sprizz, einen Toast und 100 Meter Füße-im-Wasser später war ich für weitere Abenteuer bereit.

Die 10km Richtung Süden zogen sich, weil wir bei jeder Gelegenheit ausprobierten, ob man nicht links oder rechts doch irgendwo an den Strand kommt. Auf der Hauptstraße wunderte ich mich über den entspannten Umgang mit Verkehrsregeln, passte mich aber ohne Anstrengung an. Radeln a la Italiana: Alle paar hundert Meter parkt ein Auto auf dem Radweg, das man mit leichtem Handwedeln umfährt, während überholende Autos und Mopeds ebenso selbstverständlich einen sauberen Bogen um den Radler machen. Die entfernt erinnerte italienische Aufregung in Sachen Straßenverkehr blieb diesmal aus; insgesamt scheint ein recht vernünftiger Ansatz vorzuherrschen: Gemecker gibt es nur, wenn einer nicht mitdenkt und den “Flow” ernsthaft behindert. Damit kann ich gut leben, besonders wenn mir der Meerwind um die Nase weht.


Womit ich weniger gut leben konnte, war mein Hintern, der den steinharten Sattel und die nicht ganz ebene Straße längst satt hatte, und meine Handgelenke, die angesichts Kopfsteinpflaster-Strecken vorzeitigen Muskelkater zeigten. Ich grummelte jetzt aber nur ganz leise und lächelte freundlich nach außen, denn es ist traditionsgemäß der Herr Sufi, der beim Radfahren über Schmerzen klagt. Diesmal blieb er lange standhaft. Erst als wir Alberoni erreicht hatten, steuerte er schwungvoll das nächstbeste Straßencafe an. “Warum hier?” – “Mein Arsch macht keine 10 Meter weiter mit.” – Ich war zufrieden.

Einen hervorragenden Espresso später erörterten wir Alternativen, kamen aber nach einer Runde durch den Ort zu einem einfachen Schluss: Es gab keine. Kein Vaporetto zurück, keinen Bus, der Fahrräder mitnahm, und auch sonst nichts Sinnvolles. Gut, dann halt. Wir schwangen unsere schmerzhaften Hinterteile wieder auf die unbequemen Sättel und machten uns auf den Weg zurück.

In einem seltsam dreigeteilten Zustand versuchte ich, mich gedankenlos zu strampeln, aber das gelang nicht ganz. Zum einen wurde es langsam dunkler, und dass das Licht an meinem Fahrrad nicht funktionieren würde, war nach einem nicht einmal sehr suchenden Blick klar. Zum anderen kam zu den sattel- und straßenbedingten Schmerzen jetzt auch langsam die Beschwerde der ungewohnten Muskeln. Aber, auf der dritten Seite: Das Meer! Die salzige Luft! Und das Licht!!! Ähm… das Licht!?

Gerade rechtzeitig für beste Abendfotos bremsten wir unseren ohnehin müde gewordenen Bewegungsdrang. Das Zentrum des Lido war erreicht, und gemeinsam erkoren wir die Villa Laguna zur Aperitif-Tankstelle. Etwas Besseres hätte uns nicht einfallen können. Die Sonne glühte sich eine rotgoldene Bahn Richtung Meer, der Sprizz wurde in handfreundlichen Gläsern serviert, und die ungefragt mitgelieferten Amuse-Gueule werden ihrem Namen mehr als gerecht. Das Klicken von unzähligen Fotoapparaten ergab ein Geräusch wie von zirpenden Grillen. Und das Licht. Dieses Licht!

Trotz mit der Dämmerung einsetzender Abendkühle trennten wir uns nur schwer von diesem wunderschönen Anblick. Aber wir mussten ja noch einkaufen. Trinkwasser. Mosquito-Spray! Und ein paar Snacks, für alle Fälle. “Zu Hause” noch geduscht, und, trotz Müdigkeit und Sonnenschwere, zum Abendessen ins Zentrum. Bin erstaunt, wie schnell sich der Herr Sufi auf ein Lokal einigt (Ristorante al Passator, glaube ich). Hervorragende Pasta mit Rucola, verzichtbares Bier, angenehm leichter Rotwein. Nach dem Essen heim durch die Nacht, vorbei an fellineskem Märchenhotel (Hungaria) mit Tango-Musik und tanzenden Pärchen.

Sehr froh, dann ins Souterrain-Bett zu fallen.