Wiener Fotomarathon 2018

Seit damals bin ich jedes Jahr fest entschlossen, wieder am Fotomarathon teilzunehmen, aber bisher ist noch jedes Mal etwas dazwischengekommen. Heuer war es eigentlich auch der eine und einzige Tag zwischen zwei Aufträgen, den ich dann doch eher entspannt verbringen wollte. Aber irgendwie schien die Sonne so schön, und während ich am mittleren Vormittag darüber nachdachte, was ich so alles im Haushalt erledigen könnte, befiel mich das Jetzodernie-Gefühl. Also nix wie ins Straßen-Gwand und auf zum Millenium-Tower!

Zu mittag war der Andrang bereits  überschaubar. Das erste Thema war vielversprechend: Millenium-Architektur. Das perfekte Foto zu diesem Thema hatte ich allerdings schon Jahre zuvor geschossen. Ich wär mir ja nicht zu blöd gewesen, mich selbst zu plagiieren, aber an dem Platz, von dem aus das möglich gewesen wäre,  stand das Organisationskomitee vom Fotomarathon selber. Also umkreiste ich das Gebäude von innen und von außen, stolperte allenthalben über Fotografen, die ihre Kamera gerade oder schräg nach oben hielten, und fand schließlich einen Blickwinkel, der mich entzückte. Natur und Architektur, mit diesem wunderbaren Licht, was mehr könnte man wollen? (Einiges mehr. Aber da warteten ja noch 11 Themen…)

Dann schauen wir doch weiter zu „Mein Millenium Genussmoment„. Im Grunde hatte ich das Foto schon als Startnummernfoto geschossen, aber das gilt ja nicht. Hunger hatte ich auch. Also steuerte ich die nächste Gastro-Gelegenheit an und entschied mich für ein Lachsbrötchen. „Aber bitte ein schönes, ich will es fotografieren.“ Die Verkäuferin kicherte. „Heute wollen alle meine Brötchen fotografieren!“ – Das wunderte mich nicht.

Ich trug das Brötchen vorbei an großen und kleinen Objektiven, die in alle Richtungen zeigten, und fand ein Eckerl bei den Aufzügen, wo es hinpasste. Ein paar Belichtungstests später war das Foto im Kasten, und ich seufzte erleichtert. „Endlich kann ich reinbeißen.“ Eine nette mittelalte Dame (also ungefähr mein Alter), die einem anderen Teilnehmer den Roadie machte,  kicherte daraufhin  hörbar.

Also weiter zu Thema drei, „Halbiert„. Ich schlenderte in schönstem Sonnenschein die Donau entlang, doch die geniale Idee wollte nicht kommen. Telefonate an meine üblicherweise kreativen Mitstreiter blieben unerhört. Ich war motiviert, aber genervt, schließlich hatte ich nicht den ganzen Tag Zeit!? – Aber dann die bunte Schönheit all der Blätter um mich. Vielleicht hätte ich das Blatt noch präziser teilen können, oder eine schattentechnisch bessere Position wählen… Naja. Vielleicht. Wenn der Wind nicht so geblasen hätte. Aber ich war dem halbierten Blatt schon drei Mal nachgelaufen und schließlich ganz froh, dass ich es einmal erwischt hatte, bevor der Wind  es klaute. Und… So schlecht sieht es ja gar nicht aus.

Thema 4, „Das Leben ist ein Spiel„. Mit den werbetechnischen Assoziationen wollte ich mich gar nicht erst abgeben. Ein Spielplatz vielleicht?  Ein Spielbrett, aber woher nehmen? Die Erleuchtung kam, als ich mich, frühzeitig ermattet, auf einer Bank niederließ und in meinem geräumigen Rucksack nach einem Feuerzeug suchte. Richtig, ich hatte ja kürzlich diese von irgendwem verlorene Murmel am Straßenrand eingesteckt… Etliche handlose Versuche später befand ich dieses Bild für passend. Um es ganz ehrlich zu sagen: Für sehr passend.

Nun denn. „Brücken bauen“ war angesagt. Ich hatte wilde Dinge im Kopf, eine Reihe von Ameisen auf einem Ast über einer Pfütze, aber woher denn die Ameisen nehmen? Und wie dirigieren? Ich fotografierte erst einmal eine Brücke, vielleicht würde mir ja auf dem Weg zum nächsten Thema noch etwas passenderes begegnen.

Aber, thematisch begegnete mir nichts, obwohl ich die Reichsbrücke mit einem Kopf voller halbgarer Ideen auf beiden Seiten überquerte. Die Stadt spielte auf herbstbunte Art Impressionismus-Maler, und ein bisschen hatte ich Sehnsucht danach, den Fotomarathon und alles andere zu vergessen und einfach immer weiter diesem Licht nachzugehen, meinetwegen den ganzen Weg zu Fuß bis nach Budapest.

Aber, vorgenommen – durchziehen. Also. Die nächste Aufgabe  lautete „Im Stadtpark„, und erwartungsgemäß wimmelte es im Stadtpark nur so vor FotografInnen. Ich dachte seufzend an das 2013er-Weihnachts-Shooting für den Herrn Sufi, bei dem wie freien Zugang zum Strauß-Denkmal hatten. Heute wartete eine Schlange auf den perfekten Winkel. Tatsächlich hatte sich schon ein selbsternannter Ordner gefunden, der den Wartenden erklärte, wer der nächste war. Nichts für mich.  Ich stromerte herum, doch nichts anderes schien ikonisch genug für das Thema. Aber da, ein Souvenirstand! Mit Strauß-Statuetten! Zehn Euro schienen mir ein bisschen teuer für ein einziges Foto, also fragte ich, ob ich eine solche Mini-Statue mieten dürfte. Ich durfte.

Ich warf mich also vor dem Ententeich auf den Bauch, um den Miniatur-Strauß stadtpärklich abzulichten, und probierte ein paar mögliche und etliche unmögliche Blickwinkel und Bearbeitungen aus. Irgendwie schwante mir, dass ich mit dem 18-135er ein besseres Foto hätte schießen können, aber die Gruppe beeindruckter Japaner, die sich hinter mir versammelt hatten, um mir dabei zuzuschauen, wie ich mit der langen 300er-Linse die kurze Figur ins rechte Licht zu rücken versuchte, hielt mich davon ab, etwas kürzeres draufzuschrauben. Die Eitelkeit kann halt auch ein Hund sein…

Beim schnellen durchschauen hatte ich das folgende Foto zu dem Thema verworfen weil schwarzweiß doch nicht die geeignete Wahl schien; bei etwas längerer Betrachtung wäre es natürlich genau das gewesen. Das tanzende Blatt, oh my… aber nachher ist man bekanntlich immer klüger.

Ich brachte die Strauß-Statue zurück, plauderte ein bisschen mit der Souvenir-Stand-Besitzerin und erhielt die ganzen zehn Euro zurück statt der ausgemachten acht. Ein Hoch auf den Wiener Sinn für Kunst!

Zum folgenden Thema „süß-sauer“ hatte ich schon ein fertiges Bild im Kopf. Ein großes Punschkrapferl sollte es sein, mit einem Schlagobershügel daneben, aus dem sich ein kleines Essiggurkerl vertrauensvoll ans Krapferl schmiegte. Tatsächlich hatte ich mich schon an einem Tischchen der Aida gesehen, ungläubig beäugt vom Kellner, beim endlich entspannten Fotoshooting am Kaffeehaustisch mit anschließender Punschkrapferl- und-Cappuccino-Belohnung. Doch die Realität holte mich rasch ein: Weder bei der Aida noch bei anderen innerstädtischen Konditoreien fand ich ein großes Punschkrapferl, und Tische waren auch keine frei. Ich kaufte seufzend 3 kleine Punschkrapferln, ganz ohne Cappuccino, und machte mich auf die Suche nach einem passenden Essiggurkerl. Den ungläubigen Blick bekam ich immerhin, am Würstelstand am Schwedenplatz, als ich den Verkäufer nach einem Essiggurkerl ohne alles fragte. „Aber schön gekrümmt, ich brauch’s zum Fotografieren.“ Das Schmuckstück trug ich um die Ecke und richtete es mangels Schlagobers mit den Punschkrapferln  als Smiley an.

Eine Gruppe Sandler beobachtete mich aufmerksam, bevor sich einer vorwagte und mich nach Geld fragte. Ich lehnte freundlich ab, bot ihm aber das überzählige Punschkrapferl an. Er zog sich mit der Beute zurück und betrachtete mich dezent aus der Ferne, bis das Foto im Kasten war. Dann fragte er, ob er nicht vielleicht den Rest auch…? „Eins esse ich selber!“ beschloss ich, überließ ihm aber das zweite Krapferl und die Essiggurke. „Bist eh leiwand“ freute sich der Sandler, und ich machte mich zuckersüß gestärkt auf die Jagd nach dem nächsten Thema, „reges Treiben„.

Auch da hatte ich schon eine fertige Idee im Kopf gehabt, eine Langzeitbelichtung vom Donaukanal, in der Graffiti im Hintergrund scharf geblieben wären, während Fußgänger und Fahrräder im Vordergrund rege unscharf vorbeibrausten. Dummerweise brauste da aber gar nichts, der Donaukanal lag trotz des schönen warmen Herbstwetters so gut wie verlassen da. Die Füße in der Fußgängerzone Kärntnerstraße vielleicht? Aber ein drittes Mal an diesem Tag durch die Kärntnerstraße schien so gar nicht verlockend. Die nächsten zwei Themen würden mich nach Hause führen, und so beschloss ich, dass der Naschmarkt vielleicht nicht so verkehrt wäre.

Ungefähr da bemerkte ich, dass mein Alltagsobjektiv nicht mehr so ganz mitspielen wollte. Hätte es, wäre das ein tolles Foto gewesen. Manuell gelangen zwar wieder scharfe Fotos, doch da wurde keine Melone rübergereicht… So viele Fotos, so wenig Zeit.

Die nächste Herausforderung, „Capture Tomorrow„, war von Nikon gesponsort und klang so nach Apple, dass ich gleich nur mehr an vorgestern dachte. Ich war so von meiner ganz anderen Idee beseelt, dass ich ein bisschen verabsäumte, auf so Kleinigkeiten wie Tiefenschärfe zu achten. Aber ich mag das Bild trotzdem.

Sodala, jetzt zum eigentlichen Grund, warum ich mitten im Bewerb nach Hause gefahren war und unterwegs noch schnell Theaterschminkfarben gekauft hatte. „Mut zur Farbe“ hieß das nächste Thema, und die Farbe schmierte ich mir ins Gesicht.

Ich war während des Fotografierens irgendwie so von der Pastell-Idee besessen, dass mir gar nicht auffiel, wie viel besser meine anderen Belichtungs-Versuche gepasst hätten, etwa der hier:

Aber seisdrum, bunt bleibt bunt. Und ja, ich weiß, das Schminken üben wir nochmal. :)

Eine entfärbende Dusche später kopierte ich schnell alle bisherigen Fotos auf den PC, um auf dem großen Schirm die besten auszusuchen. Ein bisschen gehetzt, weil es nicht mehr ganz früh war. Die restlichen beiden Fotos wollte ich auf dem Weg zurück zum Millenium-Tower schießen.

Technik(verliebt) fand ich ein großartiges Thema. Unterwegs bot sich der Westbahnhof an, und nach ein paar Probeschüssen auf abfahrbereiten Puffern und vor digitalen Schaltkästen wagte ich es, an die Fahrertür eines abfahrbereiten Zuges zu klopfen. „Darf ich ein Foto von meinem Elch in Ihrem Cockpit machen?“ – Der Lokführer musterte mich und den hoffnungsfrohen Elch nur kurz. „Ja, kein Problem.“

Ich war so verblüfft von dieser unkomplizierten Zustimmung, dass ich überhaupt nicht auf einen geraden Horizont, halbwegs interessante Belichtung oder sonstwas achtete. Anyway. Wer hat schon ein Foto von seinem Elch in einem Zug-Cockpit?

Blieb nur noch „Licht und Schatten„.  Eigentlich hatte ich geplant, das irgendwie vor Ort wieder mit dem Millenium-Tower und dem Donauufer zu verknüpfen, aber aus der U6 schien das AKH um so viel geeigneter, dass ich bei der Station spontan raussprang und das da schoss.

Im Nachhinein weiß ich ja auch nicht, aber auf dem kleinen Kamera-Display sah das Bild toll aus.

Was soll man sagen, live & learn. Und hab unbedingt auf allen Ebenen Spass dabei!

4 Kommentare

  1. Johannes Rottensteiner

    24. Oktober 2018 um 0:07

    Wunderbar…..

  2. Wooow! Was für ein Tag. Ich kenne mich ja nicht aus, aber da ist schon einiges dabei. Mein Sieger wäre übrigens der s/w
    J. S. Im stadtpark mit dem musikalischen Blatt

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