Diese Stadt am Berghang in der Wüste, die immer wieder auftaucht in meinen Träumen. Herrscherin war ich dort schon, Reisende und Stadtschreiberin. Und wenn ich nicht dort bin im Traum, dann hängt irgendwo in einem Traumzimmer ein Bild dieser Stadt, oder jemand erzählt, dass er gerade von dort zurückgekommen ist. Aus “der Stadt”. Es gibt nur eine.

Heute Nacht war der Mann da, der meine Stadt zerstört hat, Manu: “Mit der Hand” hat er seinen Namen damals erklärt, “weil ich meine Finger überall drin hab” –  und niemals mehr von sich preisgegeben als unbedingt notwendig war. Als er mir vorgestellt worden ist, damals, im kaum begreifbaren Wirklichleben, hat er mir die Hand gegeben, und mit der Berührung kam ein Bild: Ich in einem goldenen Herrscherinnenkleid, zu Fuss, vor den Toren der damals schon traumvertrauten Stadt, und ich bitte ihn, zu Pferd, meine Stadt zu verschonen – aber er lacht nur und winkt seinen Leuten, vorbei an mir, und meine Stadt brennt und Menschen schreien und weinen. Und dann seine Stimme: “Ich heiße Manu. Und ich habe deine Stadt zerstört.” Als er meine Hand losließ, verschwand auch das Bild.

Wir sind trotzdem freundlich miteinander umgegangen, und viel später, nach einem großen Topf Glühwein, kam er noch einmal darauf zurück und sagte: “Das mit deiner Stadt habe ich bereut, glaub mir. In vielen Leben.”

Und keiner von uns hat bezweifelt, dass das wirklich irgendwann und irgendwo genau so passiert ist; ich nicht und er nicht und all die Freunde und Freundinnen auch nicht, in dieser um 10 Jahre verspäteten Hippie-WG, in der magische Lehrbücher und psychoaktive Pflanzen so normal waren wie es mir heute das Javascript-Handbuch und der Bildschirm sind.

Manu. Der die Gitarre nehmen konnte und einen Song aus der Luft greifen, der Wort für Wort und Reim für Reim die augenblickliche Situation wiedergab, ohne dabei improvisiert zu klingen. Uns erschien das wie Magie damals, als könnte er durch die Zeit reisen. Schnell mal in die Zukunft, dort in Ruhe den Song geschrieben und dann wieder zurück, ihn vorzutragen.

Verstärkt wurde der Eindruck noch durch Bemerkungen, “stand da nicht ein Hochhaus?” fragte er einmal angesichts einer Baulücke am Stadtrand. “Nein” versicherten wir, die wir schon immer in dieser Stadt gewohnt hatten. “Komisch”, sagte er, “Ich war sicher, dass hier ein Hochhaus gestanden hat.”

Heute, viele Jahre später, steht dort übrigens wirklich ein Hochhaus, ein einziges, inmitten der zwei- bis dreistöckigen Althäuser. Seltsam, irgendwie. Obwohl es andererseits nicht schwer war, angesichts der boomenden Mittachziger, überall Hochhäuser aus dem Boden schießen zu sehen.

Manu also, mit seinen schwarzen Haaren und den blauen Augen, mit der Stimme und den Liedern, von denen wir alle nie genug kriegen konnten, Manu hat mich heute im Traum besucht. Genauer gesagt, er saß schon dort, als ich vorbeikam, an einer Ecke des großen Platzes der goldenen Wüstenstadt, die sich an den Berghang schmiegt. Eine für mich ganz neue Aufgabe hatte ich in diesem Traum, die Stadt zu vermessen, zu kartographieren, mit schwerem alten Gerät war ich dabei, das zu tun, und dann biege ich um die Ecke, und da sitzt Manu, am Boden, in Beduinenkleidung, im Schneidersitz.

Und er singt ein Lied, mit dieser Stimme, die ich vergessen hatte in all den Jahren, ein Lied von meiner Stadt, die auf Regen wartet, und das stimmt: Es ist sehr heiß und sehr trocken. Ein Bote reitet vorbei, zum Palast hin, und das Lied geht weiter, es wird keinen Regen geben, sagt das Lied, sagt die Stimme, denn es kann nur regnen, wenn die Prinzessin weint, doch die Prinzessin hat das Weinen verlernt.

Dann hört er auf zu singen, greift in seinen Umhang und holt ein Kästchen hervor, eine dieser messingverzierten Beintruhen, wunderschön, und er gibt mir das Kästchen und ich weiß: Da drinnen sind die Tränen der Prinzessin und die Geschichten aus der Anderswelt. “Aber Vorsicht”, sagt er, “du kannst es nur einmal öffnen. Wenn du den falschen Zeitpunkt wählst, ist alles verloren.” Und er lächelt noch einmal und greift wieder zur Gitarre und schließt die Augen: Gitarre spielen kann ich nur mit geschlossenen Augen, hat er auch in der Wirklichwelt einmal gesagt.

Dann wird der Traum blass und die Welt wieder hier. Regentropfen an den Fensterscheiben, wie schade, dass sie nicht reden können. Ich hätte gerne gefragt, wo sie denn schon überall waren, die kleinen Moleküle, im Atlantik vielleicht? Oder auf dem Himalaya? Oder vielleicht sogar in meiner Stadt? Vielleicht könnten sie mir ja sagen, wo sie ist, diese Stadt. Die Regentropfen. Wenn sie reden könnten.