Es ist so: Seit mir Samstag Vormittag die Nachricht auf orf.at vierkadrig ins Gesicht geknallt ist, denke ich mir, ich sollte auch etwas schreiben. Jedesmal, wenn ich aber dann einen Beitrag anfange, schreibe ich zögerlich ein paar Sätze und lass es dann wieder, weil, es ist ja eh schon alles gesagt, geschrieben, von allen Seiten, und außerdem, wozu auch? Am ehesten könnte man es noch beeindruckend finden, dass alle, auch die politisch weitest entfernten Gegner, ganz plakativ unpolitisch reagieren. Andererseits, Tragik, welche verdammte Tragik? Nachts mit 140 km/h durch ein Ortsgebiet, das ist keine Tragik, das ist Kamikaze. Um nicht zu sagen: Dummheit.

Es war, und angesichts der Tatsache, dass “Breaking News” längst vorbei ist, erlaube ich mir, gleich auf die Metaebene zu wechseln, es war keine der üblichen Reaktionen, die ich mit den Todesnachrichten mehr oder weniger bekannter Personen verbinde (die je nachdem von “ojeoje” bis “na endlich” reichen können), als ich die Nachricht zum ersten Mal gesehen habe. Es war ein zutiefst verblüfftes “Häh?”, das mir stattdessen entfuhr, gepaart mit einem reflexartigen Druck auf die Reload-Taste des Browsers. Es blieb aber dabei. Noch während ich die Geschichte überflog, die den Unfall und die Folgen etwas graphischer schilderte, als ich es eigentlich wissen wollte, verstand ich, dass Haider für mich längst die Ebene der einzelnen Person verlassen hatte und zum politischen Symbol geworden war, zum Symbol für alles, was es zu bekämpfen gilt, rechts von der Mitte. Und Symbole sterben nun Mal nicht.

Jetzt ist er aber tot. Ich griff zum Telefon, um meine Verblüffung zu teilen, holte mir aber nur ein lakonisches “Na, traurig mocht mi des jetzt ned.” – Von Trauer konnte ich in mir auch nichts wahrnehmen, aber irgendetwas war da doch. Ich versuchte, es zu fassen, kam aber nur auf ein schwaches “Naja, es verändert aber deutlich die Landschaft” (die politische; von Autowracks wollte ich nicht unbedingt reden). “Werden wir ja sehen.”; der Sufi war deutlich anderweitig beschäftigt. Und ich mit meiner Verblüffung allein. Jörg Haider, wer war das überhaupt?

Es ist 22 Jahre her, da stand ich auf dem Grazer Hauptplatz und verteilte Werbematerial einer winzigkleinen, unbedeutenden, linksgrünen Gruppierung. Wir hatten uns die FPÖ-Kundgebung als geeignetes Pflaster ausgesucht, um potentielle Rechts-Wähler auf die andere, die richtige Seite zu ziehen. Wir, das waren ein paar spätgeborene Hippies, die sich – mit knapp 20 passiert das leicht – für den Nabel der Welt und den Schlüssel zur Lösung aller Probleme hielten. Wir hatten uns extra bunt und fein gemacht, die langhaarigen Jungs wie die schwarzäugig geschminkten Mädels, um zu zeigen, dass Farben doch viel interessanter sind als grau. Wir ernteten auch viele anerkennende Blicke, im Vorfeld der Kundgebung, naja, die Mädels mehr als die Jungs. Es war im Grunde ganz gemütlich, vor allem gab’s Freibier, was wir lustig fanden: FPÖ-Freibier für politische Gegner. Ein “Wos redt der für an Bledsinn” angesichts eines Vorredners hielt ich für ein gutes Zeichen, um einem potentiell Bekehrenswilligen unsere Pospekte samt unserer Weltsicht aufs Aug zu drücken. “Na du redst aber a an Bledsinn” war alles, was ich erreichte.

Es ist lange her, und viele Details sind auch der Chronistin verloren gegangen. Ich weiß noch, es war dunkel, aber ich weiß nicht mehr, ob Tageszeit- oder Wetterbedingt. Ich hatte mir mein Freibierglas grade zum zweiten Mal füllen lassen, als die Stimmung irgendwie kippte. Da vorne redete jetzt ein anderer, und Beifall brandete auf. Die Menschen rückten irgendwie dichter zusammen. Es war Jörg Haider, der redete, und es war die Rede von arbeitsscheuen Subjekten, die man in Österreich nicht haben will, es war die Rede von “den Linken”, die die alten Werte von Arbeit und Fleiß nicht mehr zu schätzen wissen, wie gesagt, ich weiß es nicht mehr im Detail, aber was ich weiß, ist, dass jeder Satz die Welt, wie ich sie haben wollte, verteufelte, und dass eine Masse an Leuten, die eben noch interessiert bis belustigt auf unsere Gegenaktion geschaut hatten, jetzt ziemlich feindlich auf mich schauten.

Ich weiß auch nicht mehr, wie lange die Geschichte dauerte; für mich eine halbe Ewigkeit, bis ich mich aus der Masse heraus zum Eck der Sporgasse gekämpft hatte, wo ich mit meinen Freunden recht fassungslos den Rest der Veranstaltung verfolgte, die Intonation, den Beifall, “die Masse” an sich. Ich hatte damals gerade angefangen, Geschichte zu studieren, Interessensschwerpunkt klar das Dritte Reich, und einiges, was ich in dem Moment erlebte, kam mir einigermaßen bekannt vor. Es war so klar und durchsichtig einerseits, und auf der anderen Seite offenbar doch mitreißend für eine Masse, die es meiner (damaligen wie heutigen) Meinung nach eigentlich besser wissen sollte. Da war, und das trifft jetzt glaube ich den Kern, da war etwas, dem man Macht zutraute, unabhängig davon, ob man diese jetzt in der Form wollte oder nicht.

Und das Gefühl dieses Abends hat mich, Zeit hin, Reife her, nie ganz verlassen. Jörg Haider konnte sich noch so lächerlich machen (und auch das konnte er gut), er konnte noch so staatstragend auftreten – das Gefühl der lauernden Gefahr verließ mich nicht.

“Da Jörg sagt halt, was die Leut denken” musste ich auch in meinem direkten Umfeld öfter hören, als ich wollte. Was er tatsächlich getan hat, war, komplexen Problemen einfache Namen zu geben: Einer hat seinen Job verloren, einer hat sich über Gebühr verschuldet, einer hat ein Kind, das in der Schule nachlässt? Ganz klar: Die Sozialschmarotzer sind schuld! Die Ausländer sind schuld! Die multikulturellen Gutmenschen sind schuld! – Und es ist zutiefst menschlich, sich einfache Lösungen zu wünschen, wie: Dass alle Probleme gelöst sind, wenn nur… “Die Ausländer weg sind”, die “Sozialschmarotzer wieder arbeiten müssen”, “die Leute wieder an wahre Werte wie Heimat glauben”. Nur dummerweise funktioniert das so nicht.

Ich habe Bekannte, die ihn persönlich kannten, und die immer versichert haben, wie freundlich, nett und angenehm “der Mensch Haider” gewesen ist. Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln; im Gegenteil: Gerade das freundlich-joviale hat auch die Wähler an ihn gebunden. Ich habe aber auch schon seit einigen Wahlen versucht, zu formulieren, was mich nervös macht: “Nicht Jörg Haider ist ist das Problem, das Problem sind die Menschen, die ihn wählen”. Und die sind, daran kann nach der letzten Wahl wohl kein Zweifel bestehen, die sind immer noch sehr da.

Und deshalb kann ich auch keine richtige Freude darüber empfinden, dass der alte Jörgl jetzt wirklich weg ist. Denn seine Nachfolger sind vielleicht nicht ganz so charismatisch, dafür wahrscheinlich noch einen Touch skrupelloser. Sie sind vielleicht ein bisschen weniger intelligent, aber genau das ebnet ihnen vielleicht den Weg zu noch einfacheren Formulierungen. Und, um ganz ehrlich zu sein, es war einfach ein ziemlich gutes Gefühl, genau zu wissen, gegen wen man kämpft.

Denn Jörg Haider war, und das muss man ihm lassen, Jörg Haider war ein sehr verlässlicher Feind.